Der in Los Angeles arbeitende britische Regisseur Ridley Scott hat in der Vergangenheit bemerkenswerte Filme geschaffen. Zwar erreichte er nie den Tiefgang eines Stanley Kubrick oder Andrej Tarkowski, aber Alien, Blade Runner und Gladiator überzeugten durch eine innovative Bildsprache und sind spannend gemachte Unterhaltungsfilme, die qualitativ die meisten Hollywoodfilme hinter sich lassen. Mit seinem neuen Film Prometheus, einem Prequel des Klassikers Alien, hat sich Scott aber nun wesentlich höhere Ziele gesteckt. Und ist daran gescheitert.

Anknüpfend an die kruden Theorien eines Erich von Däniken will Scott hier die letzten Fragen beantworten: Woher kommen wir? Hat eine außerirdische Macht bei unserer Entwicklung nachgeholfen? Das Drehbuch, so erklären der Regisseur und seine Autoren, beruhe weniger auf Spekulationen, als auf dem, „was wirklich da draußen sein könnte“. Die Tatsache, dass die meisten Wissenschaftler heute andere Lebensformen im All für denkbar halten, wird umgedeutet zur Möglichkeit überlegener Superwesen, die uns geschaffen haben könnten – eine spekulative Überhöhung, die aus dem Munde des Regisseurs jedoch nicht spielerisch-künstlerisch daherkommt, sondern bierernst und mit fast prophetischem Eifer. Dem ehemaligen Werbefilmer Scott reicht es nicht mehr, aufregende visuelle Landschaften zu kreieren, sondern er will nun in der Liga von Physikern, Astronomen und Evolutionsbiologen mitdiskutieren.

Dabei fallen allen Ernstes Sätze wie dieser: „Überlegen Sie doch mal, wie lange es die Erde gibt: Vier Milliarden Jahre? Und wie lange gibt es den Homo Sapiens? 200.000 oder 300.000 Jahre vielleicht. Das ist eine verdammt lange Zeit, in der nichts passiert ist. Irgendwo auf diesem Weg hat jemand der Menschheit auf die Sprünge geholfen.“  Man kennt solche Statements aus dem Munde von – vor allem amerikanischen – Kreationisten, die der Evolutionstheorie misstrauen und daran glauben, dass ein Schöpfergott das Wunderwerk „Mensch“ geschaffen haben muss. Glücklicherweise werden solche bizarren und sich um keine Forschung scherenden Positionen inzwischen weltweit geächtet, allein ein Hollywood-Star wie Ridley Scott darf sie verkünden und mit riesigem Aufwand in Szene setzen.

Monster, die Magie vertreiben

Der umfangreiche Wikipedia-Artikel zum Film zeigt, wie aufwändig die 130 Millionen teure Produktion war: mehrere Autoren rangen in immer neuen Ansätzen und unter strengster Geheimhaltung um die Endfassung des Drehbuches, Nasa-Wissenschaftler wirkten als Berater mit und Unsummen wurden alleine für Innovationen in den Bereichen Production Design und CGI (3D-Computergrafik) ausgegeben, um dem Film einen ganz neuen Look zu geben. Dabei gelingen Scott auch manche atemberaubende Szenen, etwa die Landung des Raumschiffes auf einem fremden Mond, wo die Astronauten seltsame Riesenbauten entdecken, die an gewölbte Pyramiden oder Bienenkörbe erinnern. Scott drehte dafür in Island, Schottland und Jordanien. Die dunklen, in 3D gedrehten Landschaftsaufnahmen lassen einen dabei wirklich teilhaben am Abenteuer des Eintauchens in gänzlich fremde Welten. Aber genau diesen Thrill setzt er bald aufs Spiel, indem er blasse Titanen und schleimige Alien-Monster auftauchen lässt, die alle Magie wieder vertreiben. Gerade die visuelle Auffüllung der Phantasie von der überlegenen Schöpfer-Zivilisation lässt diese wieder zu einer Karrikatur schrumpfen – und man befindet sich bald wirklich in der naiv-peinlichen Welt von Erich von Däniken und Perry Rhodan.

Scott, der sich gerne von seinen prominenten Schauspielern (Charlize Theron, Michael Fassbender) als großer Künstler feiern lässt, arbeitet im entscheidenden Moment vollkommen unkünstlerisch, indem er – anders als etwa Stanley Kubrick in 2001 – außerirdische Intelligenz dann doch mit Plastik und Schleim in die Sichtbarkeit zerren muss. Zugeständnis ans Massenpublikum oder die eigene Unfähigkeit, fremde Lebens- und Denkformen nur anzudeuten?

Aura des Düster-Okkulten

Ärgerlicher noch als dieser plumpe Materialismus ist die dämonische Konnotation der fremden Supergeschöpfe, mit der Scott sein misanthropisches Menschenbild in die Fernen des Universums projiziert. Eine Aura des Schwarzen, Metallischen, düster Okkulten umgibt ihre Bauten, Labyrinthe und Fahrzeuge: dunkle Götter des Bösen, die mit der DNA herumspielen und denen alle anderen hilflos ausgeliefert sind. Sie erinnern an das antike Konzept des Demiurgen, eine fragwürdige Figur am Anfang aller Zeiten, die die schlechte materielle Welt geschaffen hat: eine gnostische Umdeutung des noch bei Platon guten Schöpfergottes. Scott begründet das mit dem miserablen Zustand unserer Welt heute, der ihn verzweifeln lasse und zu der Annahme führe, dass keine besonders guten Kräfte hinter der Erschaffung des Menschen gestanden haben können. Metaphysik, so scheint es, ist für ihn nur noch als Szenario von der Übermacht des Negativen denkbar, wobei er sich auch auf Miltons Epos Paradise Lost beruft, das den Höllensturz des gefallenen Engels Satan beschreibt. Was hätte aus Prometheus werden können, wenn sich der Ex-Werbefilmer wenigstens ein Stück weit an die philosophische, spirituelle und poetische Raffinesse dieser Vorlage gehalten hätte. Und genau das ist die Riesenenttäuschung: markige Sprüche, das Sich-Schmücken mit Literatur und Wissenschaft, aber dann die Verflachung zu plumpen Horrorszenarien von glitschigen Monstern, die in Prometheus aber nicht mal mehr die Kraft des „Alien“-Vorgängers besitzen.

Vielleicht ist es in Hollywood grundsätzlich unmöglich, spirituelle Inhalte auf hohem Niveau mit der Massenwirkung des Mainstream-Kinos zu verbinden. Ein Außenseiter wie Terence Malick hat das etwa in seinem Film Tree of Life versucht, auf den Ridley Scott übrigens mit Spott reagiert hat („Ich produziere keine Dokumentarfilme, sondern Unterhaltung.“) Vielleicht trifft am Ende auf ihn doch das zu, was der amerikanische Schriftsteller Philip Dick seinem polnischen Kollegen Stanislaw Lem schrieb, der die Romanvorlage für Tarkowski’s Science Fiction-Klassiker Solaris schrieb: „Sehen Sie, Mr. Lem, hier in Kalifornien gibt es keine Kultur, nur Kitsch. Wenn Gott sich uns offenbarte, dann täte er das in Gestalt einer Spraydose, für die im Fernsehen geworben wird.“