Foto: Markus Gemeinschaft

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Autor: Gerhard Meier

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Verwunderung habe ich Ihre Einladung zu einem Fachgespräch am 6. 10. 2014 in Berlin über das Thema „Schluss mit den Sonderwelten! – Die inklusive Gesellschaft gestalten“ gelesen. Aus dem Zusammenhang erschließt sich Ihr Anspruch, eine Diskussionsveranstaltung im Dunstkreis der Inklusionsdebatte zu führen, die aus Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention resultieren.

So weit, so gut. Hört man den Titel – „Schluss mit den Sonderwelten“ – ohne diese zusätzliche Erläuterung hätte man ja naiv auch denken können, Sie wollten die Bundeswehr abschaffen oder den Lions Club. Aber ganz ehrlich: Es gibt viele Sonderwelten und viele Menschen identifizieren sich ganz stark mit der Zugehörigkeit zu der einen oder anderen (zum Beispiel zu einer Oppositionspartei). Es schafft ihnen Identität über Gemeinsamkeit. So wie man als Piefke mit seinen Kumpels in der Hecke saß und Stumpen rauchte. Warum sollte ein Mensch mit Hilfebedarf nicht auch ein solches Bedürfnis haben? Ich meine, Inklusion, wie ich sie verstehe, lässt ihm gerade diese Entscheidungsmöglichkeit. Und der Blick für die individuellen Bedürfnisse von Menschen schafft eine größere Vielfalt, nicht eine auf alten Prinzipien (und solche gab es viele in der Geschichte – vor allem in Deutschland) gebaute Einschränkung auf Mainstreaming.

Bei näherer Betrachtung Ihrer Einladung stört mich gewaltig die radikale Diktion: Sie möchten die Selbstverständlichkeit der Heime durch die Notwendigkeit ihrer radikalen Abschaffung ersetzen. Ich weise darauf hin, dass bereits vor der offiziellen Inklusionsdebatte die Dörner’sche Initiative „Daheim statt Heim“ hier eine differenziertere Betrachtungsweise gefordert hat. Möglicherweise hat der Autor die Einladung etwas zu polarisierend formuliert und ich kann in der Tat nur hoffen, dass auf ihrem Fachgespräch diese Missverständnisse ausgeräumt werden können. Andernfalls bliebe der Eindruck bestehen, dass Menschen in verantwortlichen politischen Positionen nichts Besseres zu tun haben als polemisch zu polarisieren und offensichtlich ohne ausreichende Sachkenntnis über Dinge zu schwadronieren, von denen sie wohl keine Ahnung haben, wie man so landläufig sagt.

Inklusion heißt Änderung der Haltung

Ich mache mir mal die Mühe, verlasse meinerseits die polemische Ebene, und versuche die in der Einladung angesprochenen Argumente eins nach dem andern kurz anzusprechen:

Was glauben Sie, wie viele Menschen mit Behinderung im sogenannten ersten Arbeitsmarkt bestehen können? Viele Firmen zahlen lieber die Konventionalstrafe, als einen Menschen mit Behinderung einzustellen. Die inklusive Frage muss sein: Warum hat unsere Gesellschaft für diese Menschen an dieser Stelle (noch) keinen Platz? Neben der unerträglichen betriebswirtschaftlichen Seite, die eine Partizipation wegen mangelnder Eignung für Menschen mit Behinderung gar nicht erst vorsieht, steht daneben bei den anderen ihre innere Haltung, die eher von Spott und Ausgrenzung gekennzeichnet ist.

Inklusion heißt also Änderung der Haltung und ist nicht gleichbedeutend mit Abschaffung der Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Es erscheint trivial, hier mehr Transparenz, mehr Aufklärung, mehr Arbeit an der Basis, eine vorurteilsfreie Öffentlichkeitsarbeit zu propagieren, als hastige „Lösungen“. In vielen Bereichen erleben wir sehr aktive inklusive Bildungsangebote, die Menschen mit Behinderungen in der ihnen angemessenen Zeit an die Welt gewöhnen. Ich glaube außerdem, dass der formale Schulabschluss hier nicht wichtig ist, solange die Menschen nicht über ihr So-sein wahrgenommen werden.

Die Frage, ob Menschen mit Behinderung lieber in einer Sonderwelt (ein Altenheim ist übrigens auch eine Sonderwelt, und unsere Gesellschaft findet nichts dabei, diese Einrichtungen zu propagieren. Über die Gründe können Sie ja mal nachdenken) leben wollen, muss man in der Tat ihnen selbst überlassen. Sehr viel Assistenz ist nötig, damit die oftmals gewünschten, ambulanten Wohnformen nicht schiefgehen. Das Schlagwort heißt hier „Das Recht zur Verwahrlosung“ und ist ein eigenes Thema. Viel kritischer ist die Frage der Selbstbestimmung bei den Menschen, die sich nicht oder nur eingeschränkt selbst mitteilen können, also den Schwachen, den Menschen mit hohem Hilfebedarf. Hier wäre zum Beispiel eine Diskussion über die längst fällige Psychiatriereform angebracht, das lassen Sie aber leider in ihrem Text außen vor. Sie müssen wissen: Der Mensch mit Behinderung ist nicht nur der kognitiv pfiffige Rollstuhlfahrer oder der nette Mensch mit Trisomie 21, sondern viel häufiger der Mensch mit extremen Verhaltensauffälligkeiten, mit Fremd- und Autoaggression, meist nicht der aktiven Sprache fähig, extrem zwanghaft, in der Regel ein Mensch, der einer sehr intensiven Einzelzuwendung bedarf. Verstehen Sie, es ist immer leicht, inkludierte Dinge für die Menschen zu fordern, die diesen Forderungen auch unter gewissen Umständen genügen können – auch deswegen, weil die Umgebung lernen kann, die betroffenen Mitbürger so zu akzeptieren. Das sind aber nicht die Menschen, denen unsere einzige Aufmerksamkeit gelten sollte, es sind vielmehr auch die Schwachen, denen wir uns zuwenden müssen.

Soviel zum Thema „geschützter Rahmen“. Falls Sie Menschen kennenlernen wollen, die in einem solchen geschützten Rahmen leben (wollen), kann ich Ihnen gerne welche vorstellen. Überhaupt: Geht Ihre Einladung auch an Menschen mit Hilfebedarf?

Lebensorte statt „Sondereinrichtungen“

Sie schreiben „Sondereinrichtungen halten sich hartnäckig“! Sie glauben gar nicht, wie froh ich zu diesem Zeitpunkt über die Existenz dieser „Sondereinrichtungen“ bin, die etwa unsere frühkindlich autistischen Kinder begleiten. Im Übrigen würde ich den Begriff „Sondereinrichtung“ nicht annehmen wollen. Diese Institutionen sind zumeist Lebensorte, die zum Beispiel lebendige Dorfgemeinschaften sein können, die nicht „Sondereinrichtungen“, sondern besondere Orte sind.

Leider kann ich an ihrem Fachgespräch nicht teilnehmen, da meine Frau und ich an diesem Tag mit unseren Kindern zusammen sind. Sie leben am Bodensee und eine Reise nach Berlin ist nicht organisierbar. Ich würde mich aber freuen, wenn Parteipolitiker der Fraktion „Bündnis 90/Die Grünen“ die Chance zu einer inhaltlichen Diskussion über brennende Probleme von Menschen mit hohem Hilfebedarf wahrnehmen könnten (zum Beispiel der zunehmenden Psychiatrisierung, weil die geeigneten „Sondereinrichtungen“ zunehmend weggedrängt werden) und schlage ihnen vor, doch einmal die Camphill Lebensgemeinschaft Alt-Schönow zu besuchen. Sie liegt im Süden Berlins an der Grenze zu Teltow. Gerne organisiere ich Ihnen einen Besuch in Begleitung fachlich versierter und Wirklichkeits-erfahrener Mitarbeiter. ///

Dr. Gerhard Meier ist Vorsitzender des Freundeskreises Camphill e.V. und Vater von drei Kindern mit Behinderung, die als eineiige Drillinge geboren wurden.

Text aus der Zeitschrift Info3 Ausgabe November 2014.