Erfolgreicher Bio-Pionier: Alnatura-Gründer Götz Rehn Foto: Alnatura

Zahlreiche Medien berichteten über die Markteinführung der zunächst knapp 50 „dm-Bio“-Lebensmittel und spekulierten auch gleich über mögliche Verdrängungseffekte für den langjährigen Handelspartner aus dem südhessischen Bickenbach. Von „Irritationen“ und „mittelmäßiger Verstimmung“ bei Alnatura war die Rede. Kein Wunder: Unbestätigten Medienberichten zufolge erwirtschaftet der Bio-Händler fast die Hälfte seines Umsatzes (Geschäftsjahr 2013/2014: 689 Mio. Euro) über seinen langjährigen Partner dm.

Der langjährige dm-Chef Götz Werner Foto: dm

Der langjährige dm-Chef Götz Werner
Foto: dm

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die dm-Eigenmarke die Alnatura-Produkte ganz aus den Regalen der Kette vertreibt. Nicht nur, dass die Preise für vergleichbare Produkte von Alnatura oder dm-Bio identisch sind – ganz überwiegend stammen sie sogar von den gleichen Zulieferern. Konkrete Aussagen über eine komplette Auslistung der Alnatura-Produkte gibt es bislang zwar nicht: „Alnatura bleibt in den dm-Märkten erhalten. Wie sich das in Zukunft entwickeln wird, muss man sehen“, äußerte sich dm-Chef Erich Harsch auf der Halbjahres-Pressekonferenz im April. Derweil lässt sich aber die Verdrängung ein paar Wochen nach der Markteinführung der dm-Bioware bereits beobachten – in kleineren dm-Märkten sind einzelne Alnatura-Produkte schon aus den Regalen verschwunden.

Suche nach neuen Vertriebskanälen

Alnatura hat auf die drohenden Ausfälle schnell reagiert und präsentierte ein paar Tage nach der Einführung von „dm-Bio“  einen neuen Online-Kanal: In Kooperation mit dem Online-Händler Gourmondo bietet das Unternehmen rund 850 Alnatura-Produkte per Versand an. Eine Woche später gab das Unternehmen außerdem die Zusammenarbeit mit dem Online-Portal Windeln.de bekannt, über das rund 100 Alnatura Bio-Produkte für Babys und Kleinkinder lieferbar sind. „Für Alnatura ist der Schritt in den Online-Handel ein weiterer Weg, um den Bio-Landbau zu fördern und mehr Kunden einen Zugang zu Bio-Produkten zu ermöglichen“, heißt es in einer Pressemitteilung. Das dürfte auch nötig sein, um gerade abseits der urbanen Zentren mit teilweise gleich mehreren Alnatura-Supermärkten die Kunden zu erreichen – auch der Handelspartner tegut ist schließlich nicht bundesweit vertreten. Laut Lebensmittelzeitung verhandelt das Unternehmen derzeit unter anderem mit den Branchenriesen Edeka und Rewe, um neue Absatzwege zu erschließen. Auch durch eine sich offenbar sehr erfolgreich entwickelnde Kooperation mit der Schweizer Lebensmittelkette Migros hat Alnatura erst kürzlich seinen Expansionswillen unter Beweis gestellt.

Ende einer (Firmen-)Freundschaft?

Doch nicht nur die betriebswirtschaftlichen Faktoren sind interessant, auch die enge persönliche Bindung zwischen den beiden Firmen-Patriarchen Götz Werner (dm) und Götz Rehn (Alnatura) steht unter Beobachtung. Schließlich haben die beiden gemeinsam mit Wolfgang Gutberlet (tegut) das Projekt „Alnatura“ 1984 auf den Weg gebracht. Durch den Streit zwischen Alnatura und dm endet nun eine rund 30 Jahre währende, enge Kooperation, von der beide Seiten bisher nur profitiert hatten: Während es der damals noch völlig unbekannte Alnatura-Gründer Götz Rehn ohne seine Depots in den dm-Filialen kaum geschafft hätte, ein umfassendes Bio-Sortiment aus dem Boden zu stampfen und später auch eigene Supermärkte aufzubauen, profilierte sich im Gegenzug die Drogeriekette beim Aufbau ihres Wohlfühl- und Gutmenschen-Images nicht zuletzt auch durch das ethische Plus der Alnatura-Bioprodukte. Es ist kein Geheimnis, dass die langjährige Kooperation zwischen den beiden Firmen auch bis in enge familiäre Verflechtungen reichte (dm-Chef Werner ist mit einer Schwester von Alnatura-Gründer Rehn verheiratet) – und nun wohl auch aufgrund persönlicher Verwerfungen zwischen den beiden Unternehmerfiguren zu Ende gegangen ist. Wie es heißt, ging es dabei nicht zuletzt auch um viel Geld. Die beiden Alpha-Männer Werner und Rehn, beide in der Anthroposophie verwurzelt, gelten mit ihren Unternehmenskonzepten als Hoffnungsträger in Sachen Nachhaltigkeit und ethisches Wirtschaften. Auch wenn Werner sich schon vor Jahren aus der aktiven Unternehmensleitung zurückgezogen hat, herrschte der Eindruck vor, dass der Schulterschluss der beiden Unternehmen dauerhaft sei, das Zerwürfnis zwischen den beiden Wirtschaftspionieren hat deshalb viele geschockt. Es bleibt abzuwarten, ob das Unternehmen dm auch ohne Werner seine über das rein Wirtschaftliche hinausgehenden, langjährig gepflegten Qualitäten bewahren kann und wie Alnatura seine Erfolgsgeschichte beim weiteren Vordringen in das Haifischbecken des Lebensmitteleinzelhandels fortschreiben kann. ///

 Ein Text aus der Juni-Ausgabe von Info3 – Anthroposophie im Dialog.