Heinz-Dieter Meyer (State University of New York) und Katie Zahedi (Principal, Linden Ave Middle School, Red Hook, New York) kritisieren in einem offenen Brief an PISA-Chef Andreas Schleicher die verheerenden Folgen der Testverfahren. Die Wissenschaftler zeigen sich „tief besorgt“ über die negativen Auswirkungen des PISA-Rankings, dass zu einem „dramatischen Anstieg in Gebrauch und Bedeutung quantitativer Messungen“ geführt habe, obgleich es schwerwiegende Vorbehalte gegenüber der tatsächlichen Aussagekraft und Zuverlässigkeit derartiger standardisierter Tests gebe.
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Der dreijährige Testzyklus von PISA habe zudem die Aufmerksamkeit der Bildungspolitik „auf kurzfristige Maßnahmen verlagert in der Absicht, schnell im Ranking aufzuholen, obwohl die Forschung zeigt, dass nachhaltige Veränderungen in der Bildungspraxis nicht Jahre, sondern Jahrzehnte benötigen, um fruchtbar zu werden.“ Die Testergebnisse betonten in unzulässiger Weise die messbaren Aspekte von Bildung, während die weniger oder gar nicht messbaren Bildungs- und Erziehungsziele, darunter die moralische, staatsbürgerliche oder künstlerische Entwicklung der Kinder kaum noch Aufmerksamkeit erführen.

„Das neue PISA-Regime mit seinen kontinuierlichen globalen Testzyklen schadet unseren Kindern und macht unsere Klassenzimmer bildungsärmer durch gehäufte Anwendung von Multiple Choice-Testbatterien, vorgefertigten (und von Privatfirmen konzipierten) Unterrichtsmodulen, während sich die Autonomie unserer Lehrer weiter verringert“, heißt es weiter.

Kritik an undemokratischen Prozessen

Schon länger regen sich Proteste einzelner Bildungswissenschaftler gegen den weltweiten PISA-Druck. In Waldorfkreisen ist in den vergangenen Jahren insbesondere Jochen Krautz, vormals Professor an der Alanus Hochschule, mittlerweile Professor im Fachbereich Design und Kunst der Universität Wuppertal, als Mahner gegen die unzulässige Filtration der Bildungspolitik durch Wirtschaftsinteressen aufgetreten. Er kritisiert unter anderem, dass die PISA zugrundeliegenden Kriterien nicht in einem demokratischen Prozess entwickelt wurden und darüber hinaus keinerlei Rücksicht auf „Bildungstraditionen, Verfassungen und Richtlinien der vermessenen Länder“ nehmen, wie er in einem aktuellen Aufsatz Die Macht der Messung in der Zeitschrift COINCIDENTIA schreibt. Den Testungen liege „ein eigenes Konzept mit normativer Wirkung zugrunde“, das alle Beteiligten weltweit in ein einziges Schema zwinge. „So ist angesichts der von hoher medialer Aufmerksamkeit begleiteten Veröffentlichungen von PISA zu fragen: Was sind eigentlich die Kriterien dieser Messungen? Und wer hat Macht, über deren ‚Richtigkeit‘ zu bestimmen?“

Als Erstunterzeichner des offenen Briefes von Meyer und Zahedi haben über hundert Wissenschaftler, Pädagogen und Elternvertreter aus diversen Ländern unterschrieben. Die Gewerkschaft Bildung und Wissenschaft (GBW) hat eine deutsche Fassung erstellt, die auf ihrer Website abrufbar ist und dort mitunterzeichnet werden kann.