2012-07-02 17.56.46Sommerloch. Ersehnter Leerlauf. Abschalten. Endlich! Abtauchen. Wegfahren. Unendlichkeit, Zeitlosigkeit anstelle des Taktes, des ewig Gleichen, der endlosen Wiederkehr. Ferien. Schluss mit dem Trott, dem alltäglichen Krimskrams, den Nervereien, dem Kleinzeug, das uns zerstückelt, versehrt, aus dem Takt bringt, das Leben versauert. Sommerpause: große Sehnsucht. Auszeit. Weite. Ausspannen, in der Sonne liegen, sich den inneren Gärungsprozessen überlassen – bis zum Überdruss? Das Sommerloch, so gesehen etwas, das im Laufe des Sommers schwarz werden kann, das wie die Kapuzinerkresse die Blattläuse anzieht, bis wir die Kapuzinerkresse mitsamt den Blattläusen angewidert entsorgen, ein Entgiftungsprozess, Entschlackungsprozess. Alles versenken, dann: Erfrischt weitergehen, erholt, verjüngt. Neu anfangen. Alte Fäden aufnehmen. Ende des Sommerlochs?

Das Sommerloch ist ein Riesending. Unbändig. Beängstigend. Dunkle Materie. Wir schützen es. Vorsichtig anfüttern, dann aber schnell zuschütten. Ein nettes Reservat daraus machen. All inclusive. Nichts dem Zufall überlassen. Wenn die Zwänge zu weit werden, fühlt sich das mulmig an. Denn mit den Zwängen entgleitet uns die schützende Haut der Gewohnheit. Und dann, schutzlos dem Sommerloch ausgeliefert, schlittern, schlenkern, talabwärts, wo sollte das hinführen? Die großen Ferien, die große Sause, die satte Wurschtigkeit, die karnevaleske Doppelmoral. Pirsch, kleine Abenteuer, große Abenteuer, Randzonen, Zonenschutzgebiet, groß genug, die entlegensten Dinge zu fassen. Dann am Ende, schnell: die Rückkehr zu den rettenden Gewohnheiten, einklinken, einhaken, auf die Spur zurück. Guten Morgen allseits, gut erholt im Urlaub? Und am Mittagstisch die drückende Übermacht der Banalität von allem, selbst dem Außergewöhnlichsten, mit dem das Loch gestopft wurde.

Kühle fühlen im Schatten, und Hitze nicht nur in der Sonne. Labsal finden, Balsam suchen und Gärung erlauben. Antasten, akklimatisieren, einen Fuß in das Wasser halten, sich ergreifen lassen, springen, den Fluten überlassen, davon getragen werden, auf dem Wasser treiben, in den Himmel schauen, die Weite, die trägt, und selten spürbar wird im Alltag, doch immer da ist, vor uns, neben uns, über uns, wie die Berggipfel über dem See, der uns schaukelt, der uns wiegt, der uns in den Schlaf singt, mit seinem Wellenrauschen, dem Schwappen, dem Murmeln, dem Wind, der herabfällt von den Bergen in die Einsamkeit unseres Sommerlochs, wo wir nichtig sein können, beruhigt, für einen Moment im ewigen Frieden mit allem, was uns übermächtig umsteht. Den eigenen Herzschlag hören, dem Herzschlag der Liebsten lauschen. Mehr nicht haben, mehr nicht wollen. Nur diese eine Seligkeit im Schatten alles anderen.