Von Anders Rissmann

 

Russische Medien als alternative Informationsquelle? Ist nicht Meinungsvielfalt außerordentlich wichtig? Aus diesen oder ähnlichen Überlegungen heraus werden in letzter Zeit immer wieder Medien wie RT (Russia Today) und Sputnik genannt und empfohlen. Schließlich soll auch die Völkerfreundschaft nicht zu kurz kommen.

Der umstrittene Historiker Daniele Ganser schlägt gerne in seinen regelmäßig gut besuchten Vorträgen in Sachen  Medienkompetenz vor, einmal die gewohnte Zeitung beiseite zu legen und z. B. RT zu rezipieren, um sich ein differenziertes Bild der Welt zu verschaffen.

Spätestens hier müssen wir fragen, welche Quellen dazu geeignet sind, wer hinter einer bestimmten Informationsquelle steht, aus welchem Land sie kommt und welche politischen Verhältnisse dort herrschen: Gibt es eine freie Presse? Unter welchen Bedingungen können Journalisten arbeiten?

Hier hilft auch ein Blick auf die Webseite von Reporter ohne Grenzen. Auf der Rangliste der Pressefreiheit 2016 stehen auf den ersten Plätzen Finnland, die Niederlande, Norwegen und Dänemark. Die Schweiz kommt auf Platz 7, Deutschland auf Platz 16 (was sich durch die zunehmende Bedrohung von Journalisten durch Rechtsextreme erklärt), Russland nimmt hier Platz 148 von 180 ein. Am Ende der Liste stehen Syrien, Turkmenistan und Nordkorea.

Bereits aus diesen Überlegungen heraus sollte man sich fragen, ob ausgerechnet vom russischen Staat kontrollierte Medien wie RT, Sputnik, RIA Novosti, NTV, Pervy Kanal, Rossija 1, Rossija 24 oder Formate wie die Prawda geeignete Alternativen darstellen.

Blicken wir beispielsweise in das Impressum von Sputnik: Dienstanbieter ist das staatliche russische Medienunternehmen Rossiya Segodnya (gegründet auf Erlass von Präsident Putin), vertreten durch Dmitry Kiselev. Kiselev steht auf der Sanktionsliste der EU und ist bekannt für seine problematischen und polemischen Äußerungen in russischsprachigen Staatsmedien. Mit einem anti-aufklärerischen Weltbild polarisiert er regelmäßig in seiner wöchentlichen Fernsehsendung „Westi Nedeli“ beim Staatsfernsehen Rossija 1, er hat dort auch die Annexion der Krim medial begleitet und stellt die Eigenstaatlichkeit der Ukraine in Frage.

Ins Rampenlicht geriet Kiselev unter anderem mit seiner umstrittenen Aussage, wonach Russland das einzige Land auf der Welt sei, das die USA in radioaktive Asche verwandeln könne. Er äußert sich vielfach fremdenfeindlich, homophob und verbreitet Hass und Hysterie. Durch solche Propaganda ist in Russland  in den vergangenen zwei bis drei Jahren viel zerstört worden; das schmerzt jeden, der sich ehrlich mit Russland verbunden fühlt. Auch Freundschaften gingen und gehen kaputt, nicht nur zwischen Russen und Ukrainern, sondern auch zwischen Menschen in Russland selbst.

 

Kampf um die Deutungshoheit

Dabei sind RT Deutsch und Sputnik auf Deutsch viel gemäßigter, als die entsprechenden russischsprachigen Kanäle. Margarita Simonjan, Chefredakteurin von RT, bezeichnete einmal in einem Interview mit dem damals noch unabhängigen russischen Portal Lenta ganz offen RT als „Verteidigungsministerium“ des Kreml.

Ziel des Kreml ist es, mit seiner Informationspolitik durch eigene Medien gerade auch in Deutschland Verständnis für die gegenwärtige russische Politik zu wecken. Der Westen soll subtil dazu gebracht werden, die Interessen Russlands anzuerkennen und den postsowjetischen Raum als ausschließlich russische Einflusssphäre zu akzeptieren.

Dies ist nicht unproblematisch, wird doch als Folge das Recht der ehemaligen Sowjetstaaten auf Unabhängigkeit und freie Bündniswahl dem Machtanspruch des Kreml untergeordnet. Im gleichen Zuge soll über RT und Sputnik eine Gegenöffentlichkeit zu den aus ihrer Sicht manipulierten deutschen „Mainstream-Medien“ etabliert werden. Hier kooperieren russische Staatsmedien geschickt mit linken wie rechtspopulistischen Kräften, mit Verschwörungstheoretikern, Globalisierungskritikern und enttäuschten Nichtwählern.

Zu den regelmäßigen Interviewpartnern bei RT gehören beispielsweise Sarah Wagenknecht, Ken Jebsen, Daniele Ganser, Christoph Hörstel, Jürgen Elsässer, Abgeordnete der AfD, obskure „Experten“ und fragwürdige Analytiker. Sogar ein Phantom-Professor, der an keiner deutschen Universität zu verorten ist, geistert als Experte durch die russische Medienlandschaft.

Die Arbeitsmethoden und Techniken von RT und Sputnik sind ausgeklügelt und raffiniert: RT setzt gerne sogenannte Human Interest-Beiträge und nicht politische Berichte ein, um Zuschauer zu gewinnen.  Als Folge wirken dann verzerrte oder gänzlich falsche Berichte etwa zu Syrien oder der Ukraine durchaus glaubhaft.

 

Zivilgesellschaftliche Alternativen

Dabei bietet die russische Medienlandschaft weitaus mehr als vom Kreml kontrollierte Staatsmedien. Es gibt zahlreiche gute bis exzellente Medienformate in Russland wie z. B. die Zeitung Nowaja Gazeta, die für ihren investigativen Journalismus bekannt ist und gerade deshalb unter erschwerten Bedingungen arbeitet. Deren Mitarbeiter und Journalisten wurden in der Vergangenheit mehrfach bedroht, angegriffen oder gar getötet wie etwa die bekannte Journalistin Anna Politkowskaja.

Beim Fernsehsender Doschd, auf Deutsch „Regen“, handelt es sich um den wohl einzigen unabhängigen Fernsehsender Russlands, der allerdings seit 2014 nicht mehr großflächig zu empfangen ist, aber noch über das Internet abgerufen werden kann. Die unabhängige Internetzeitung Meduza wurde 2014 im lettischen Riga von Galina Timtschenko gegründet. Frau Timtschenko war bis dato Chefredakteurin der außerordentlich beliebten, damals noch unabhängigen russischen Internetzeitung Lenta, wurde jedoch 2014 zusammen mit zahlreichen Journalisten entlassen, worauf sie ins lettische Exil ging. Auf der durch Crowdfunding finanzierten Internetplattform Colta findet man Analysen zu zeitgenössischer Kunst, Kultur und Zeitgeschehen.

Im Westen Russlands erscheint die international prämierte Wochenzeitung Pskowskaja Gubernija, die für unabhängige Berichterstattung steht und sich für die Freiheit des Wortes einsetzt. Auch die Zeitung Vedomosti, die Internetplattformen Republic, Snob und zahlreiche weitere Informationsquellen wie Echo Moskvy, Nowoje Wremja, Takie Dela, Grani.Ru sind Teil der russischen unabhängigen Informationslandschaft und stehen für demokratische Prinzipien und Toleranz, für einen aufgeklärten, investigativen Journalismus und Selbstkritik.

Auch einzelne Personen leisten Herausragendes: Alexey Kovalev ist russischer Journalist und deckt auf seiner Webseite „Noodleremover” Fakes und Lügen russischer Propagandasender auf, gerade RT und Sputnik werden hier regelmäßig beleuchtet. Für westliche Journalisten-Kollegen ist er ein gefragter Partner.

Ein außerordentlich interessanter Ort ist das Sacharov-Zentrum in Moskau. Hier setzt man sich für eine offene demokratische Gesellschaft, intellektuelle und politische Freiheit ein, es gibt regelmäßige Veranstaltungen, Diskussionen und Kunstausstellungen. In letzter Zeit geriet das Sacharov-Zentrum seitens der russischen Regierung unter Druck.

Die mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete international angesehene Menschenrechtsorganisation Memorial hat ebenfalls zu leiden und ist auf die Liste der „ausländischen Agenten“ gesetzt worden. Gerade solche unabhängigen Zeitungen, Kulturinstitute, Menschenrechtsgruppen oder Umweltschutzorganisationen haben es in Russland außerordentlich schwer und stehen nicht selten kurz vor der Schließung.

Besonders für deutschsprachige Leser ist die Plattform Dekoder zu empfehlen. Dekoder „bringt russische unabhängige Medien in hochwertiger deutscher Übersetzung“, verbunden mit Russlandkompetenz. Sollten wir nicht solchen demokratischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen unsere Aufmerksamkeit und Sympathie schenken?

 

Anders Rissmann ist Übersetzer. Seit seiner Schulzeit fühlt er sich eng mit Russland und Osteuropa verbunden und hat dort bereits mehrfach gelebt.