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Arbeit am Webstuhl. Foto: Moritz Woide

Die Werkstätten der 1973 gegründeten und nach dem anthroposophischen Heilpädagogen Karl Schubert benannten Gemeinschaft liegen mitten im Industriegebiet Filderstadt-Bonlanden, flankiert von Baumärkten, Autoindustrie und anderem Gewerbe. Der Ausblick auf Wiesen wurde einst sehr geschätzt, aber die Nähe zur Industrie ist es heute nicht minder: In den Karl-Schubert-Werkstätten wird nicht nur in Eigenfertigung gearbeitet, sondern auch als Fremdproduktion geliefert. Neben den bekannten Dr. Sorms-Pendelleuchten, die viele Klassenräume in Waldorfschulen erhellen, werden Verschlüsse und andere Kleinteile – etwa für die Autoindustrie – montiert. Deshalb stehen auf den Gängen und in den Hallen der Werkstätten immer wieder große Behälter mit vielen kleinen Metallteilen, die zusammengesteckt und verpackt werden müssen. Aufgabe der Werkstattleiter ist es in diesem Zusammenhang, Halterungen und Geräte zu entwickeln, die die Fertigung erleichtern oder normieren. Ich bin entzückt über die mit viel Liebe ausgetüftelten kleinen Begleiter der alltäglichen Arbeit, winzige Spannwerkzeuge, großzügige Rundtische mit Spurrillen zum Weiterschieben der Werkstücke und andere Haltevorrichtungen, die nicht nur die Handfertigkeit unterstützen, sondern auch das soziale Miteinander, die Verbindung – die sozialen Haltekräfte also – stärken. Das alles wird mit einer verblüffenden Beiläufigkeit integriert. Nur Termindruck, so Christof Mellinghaus, Werkstattleiter, den würden sie nicht in Auftrag nehmen.

Inklusion beginnt mit Interesse

Die unfreiwillige Nachbarschaft zur Industrie erweist sich als Möglichkeit der Anbindung und Zusammenarbeit. Inklusion, so wird hier deutlich, beginnt mit dem Interesse, ganz im Wortsinne, mit dem, was dazwischen lebt, was Menschen, die aufeinander treffen, miteinander anfangen können.  Mitunter gelinge es sogar, Einzelnen einen externen Arbeitsplatz zu vermitteln; das aber sei, so Christof Mellinghaus, bislang eher die Ausnahme. Der Kontakt innerhalb der Gemeinde jedoch ist gut und findet zahlreiche Anknüpfungspunkte. So etwa gibt es in der Nudelmanufaktur der Karl-Schubert-Gemeinschaft im Ort eine gläserne Produktion und einen Verkaufsraum. Demnächst werden Mitarbeitende der Werkstätten Arbeiten wie das Catering oder die Raumpflege für die Musikschule übernehmen sowie die Grünanlagenpflege im Erlebnisbad. Die Flötengruppe begleitet regelmäßig die Verlegung von Stolpersteinen zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Im Treppenaufgang des Werkstattgebäudes hängt ein beeindruckendes Nagelbild, von einer Schulklasse geschaffen: Es erinnert an die Opfer der Euthanasie, die in Schloss Grafeneck bei Reutlingen ermordet wurden und entstand 2009 im Zusammenhang mit der „Spur der Erinnerung“, die mit Hilfe der Gemeinschaft von Stuttgart nach Grafeneck gezogen wurde – vom Ort der Planung zum Ort der Tat – und direkt am Haupteingang der Karl-Schubert-Werkstätten vorbeiführte.

Die Karl-Schubert-Gemeinschaft integriert unter ihrem Dach die drei Bereiche Wohnen, Arbeit und Ausbildung, d.h. einen Seminarbetrieb zur Ausbildung von Heilerziehungspflegenden und Arbeitserzieherinnen und -erziehern. Zum Jahreswechsel hat das Rudolf-Steiner-Seminar Bad Boll die Ausbildungen im Bereich Heilpädagogik an die Karl-Schubert-Gemeinschaft e.V. übertragen. Somit gibt es nun drei verwandte Ausbildungsgänge unter einem Dach. Auch das ist Inklusion: Ein Dach mit weitem Raum für neue Interessen. Die Wohnungen etwa sind im Umkreis weiträumig verteilt. Neben dem stationären Wohnen in Gruppen gibt es das ambulant betreute Wohnen für Singles und Paare. Im Sommer hat ein neues Wohngebäude direkt neben der Nudelmanufaktur im Ortskern eröffnet, mit dem die Gemeinschaft etwa 30 Personen – Familien, Singles und Paaren – ein Quartier zur Verfügung stellt. Hier leben alle miteinander – ob mit oder ohne Behinderung.

Einheit von Arbeit und Therapie

Da ist es nun, das Wort, über das ich gleich zu Beginn meines Besuches stolpere. Wie sage ich es denn nur? Geht es um Menschen mit „geistiger Behinderung“, oder ist der korrekte Begriff, wie ihn Rudolf Steiner prägte, „seelenpflegebedürftige Menschen“? Wie löse ich die Betrachtung aus der Zuschreibung von Vor-Annahmen heraus? Lässt sich überhaupt irgendetwas generalisieren? Mein Eindruck, den ich an diesem Tag beim Gang durch die Werkstätten gewinne, besteht in der Empfindung, wie jämmerlich unsere normierten Vorstellungen von Individualität und unsere betont individuellen Lebensgewohnheiten angesichts der radikalen Individualisierung, wie sie mir hier entgegentritt, wirken. Ich denke an Georg Büchners Erzählung Lenz, in deren wunderbaren Eingangssätzen es heißt: „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“ Ähnlich erging es mir hier.

Ganz profan also lief ich an diesem Tag auf meinen Füßen weiter durch die Werkstätten der Karl-Schubert-Gemeinschaft. Sie sind zahlreich und beeindruckend in ihrer Präsenz, ihrer Vielschichtigkeit, ihrem Geworden-Sein. Aus jedem Winkel spricht Geschichte. In der Metallwerkstatt winden sich in der Mitte von schweren Geräten mannigfaltige Grünpflanzen empor zu einem Lichtschacht. Rund herum fliegen Metallspäne, spritzen Funken und auch Wassertropfen, wo Fertigungsvorgänge gekühlt werden. Hier werden Schlösser gebaut, wird gesägt, geschliffen, gebohrt und professionell ineinander gefügt. Die Atmosphäre ist freundlich, betriebsam – alles hat seinen Platz und doch strahlt das Ganze eine organisch gewachsene Lebendigkeit aus, die mehr ist als die Summe aller Teilprozesse und Menschen, die am Werk sind. Arbeit und Therapie greifen zwanglos ineinander: Die Arbeitsprozesse selbst, ihre Organisation und soziale Einbettung wirken auf vielschichtige Weise therapeutisch, daneben gibt es im Werkstattgebäude Räume für künstlerische Therapien von der Heileurythmie über die Kunsttherapie bis zur Musiktherapie.

In der Kerzenwerkstatt werde ich umfangen von dem warmen Duft des Bienenwachses. Herr Adam erklärt mir mit Freude  die Funktionen der feinen Halterungen, durch die die Dochte gezogen werden, und andere Vorrichtungen, die dafür sorgen, dass die gefertigten Kerzen an Länge und Umfang gleich sind. Alles in dieser Werkstatt ist Zahl, Rhythmus, Bündelung – und Wärme. Es gibt eine Tauchvorrichtung, über die Kerzen in Gruppen getaucht werden können, ein rhythmischer Prozess ebenso wie der große Packtisch, an dem die Kerzen poliert und in Kisten verpackt werden. Wie viele gehören zusammen? Eine Frage, die in der Weberei ganz anders gestellt wird, wenngleich auch hier das Rhythmische der Arbeit sofort auffällig ist. Große schwere Webstühle gibt es in einer beeindruckenden Vielzahl. Die aufgerollte Webarbeit wirkt schier endlos, die Weber brauchen die ganze Reichweite ihrer Arme und Beine, um die Arbeit zu leisten. Das Weben, so wird mir von Herrn Mellinghaus erklärt, reicht in alle drei Raumrichtungen, verbindet vorne und hinten, rechts und links, oben und unten. Es ist eine komplexe Arbeit, die ganz ins Gedächtnis des Körpers übergehen muss, um geleistet werden zu können. Eine meditative Stimmung ist in diesem Raum spürbar, in dem sowohl alleine als auch miteinander gearbeitet wird. Hier werden feine Leintücher gewebt, die zu Tüchern und Taschen weiterverarbeitet werden, kuschelige Wolldecken, Teppiche und klitzekleine feine Bildchen, die Geschenkkarten schmücken. Wie in den anderen Manufakturen habe ich auch hier die Empfindung, dass das Geschehen mehr ist als ein Herstellungsprozess oder eine besondere Form der Behindertenhilfe: Wie der Stoff an den Webrahmen kennt die Kunst des Sozialen eine vierte Dimension, die in der Verknüpfung liegt und ein Geheimnis hat, das in den Stoffballen wie in einer Unendlichkeit zu schlummern scheint.

Die Produktion in den Werkstätten ist immens. Neben den genannten Bereichen gibt es eine Choroi-Werkstatt, in der Leiern, Kinderharfen und andere Musikinstrumente hergestellt werden, eine Spielzeugmanufaktur mit verschiedenen altbekannten wie neu erfundenen Spielen, die jährlich auf der Nürnberger Spielzeugmesse einen Stand hat, eine Papierwerkstatt, von der aus die nähere und weitere Umgebung mit Schulheften versorgt wird sowie eine Schreinerei und eine Bäckerei. Nicht zu vergessen die Küche, die täglich etwa 350 Menschen mit Essen versorgt. In die Gemeinschaft, zum Teil auch in die Werkstätten integriert sind Fördergruppen, Menschen, die von außerhalb zur Tagespflege kommen und hier auf je eigene Art einen Anschluss finden. Es ist viel, was hier bewegt wird, doch alles scheint unaufgeregt ineinanderzugreifen. Jeder einzelne Mensch hat eine Aufgabe und die Möglichkeit, sie zu wechseln – ob innerhalb einer Werkstatt oder von einer Werkstatt zu einer anderen. Autonomie wird gefördert und mehr und mehr auch eingefordert. Die betreuten Mitarbeitenden werden vertreten durch den Werkstattrat, die Bewohner durch den Heimbeirat. Da wird dann etwa eingefordert, dass die Löhne und Gehälter transparent sind und Urlaubszeiten zu einer Verhandlungssache zwischen Werkstattleitung und Mitarbeitenden werden. Das Zusammenleben und Zusammenarbeiten ist und bleibt für alle ein Lernfeld. Auf dem Kopf zu gehen, möchte geübt  möchte geübt sein.

 

Ein Beitrag aus der März-Ausgabe von Info3 – Anthroposophie heute. Hier kostenloses Probeheft bestellen.