Film-Doku

Respekt vor Selbstbestimmung

Ein Jahr lang hat die Filmemacherin Andrea Lötscher Menschen aus der Christopherus-Lebensgemeinschaft in Witten mit der Kamera begleitet. Eingefangen hat sie Szenen von großer Nähe, sozialer Wärme und Phantasie.

 

Theresa im Gespräch: authentische Alltagsszenen, eingefangen von Andrea Lötscher.

„Meine Themenschwerpunkte sind Migration, Integration, Inklusion und Jugendprojekte“, sagt die Filmemacherin Andrea Lötscher über ihre Arbeit, die sie zuletzt auch in Kontakt mit der im Ruhrgebiet beheimateten Christopherus Lebensgemeinschaft brachte. Der Ansatz dieser anthroposophischen Einrichtung und natürlich die dort lebenden Menschen reizten sie, die besondere Atmosphäre dieses Ortes filmisch einzufangen. Mit Hilfe der Bochumer GLS-Treuhand und Crowdfunding wurden die nötigen Mittel gewonnen. Ein Jahr lang begleitete Andrea Lötscher das Leben auf dem Gelände bei Witten mit ihrer Kamera. Einmal durch den ganzen Jahreslauf ging es mit seinen Jahresfesten, mit Partys, mit Sommerfest, mit Fußball-EM und am Ende mit dem Oberuferer Weihnachtsspiel.

Theresa, eine Bewohnerin mit Downsyndrom Anfang zwanzig, nimmt uns mit in den kleinen Kosmos des Christopherus-Werks, das mit entsprechenden Einrichtungen von Kindergarten und Schule über Werkstätten bis zur Lebensgemeinschaft für Erwachsene Angebote für alle Lebensphasen bietet. „Dass man wirklich den Wunsch des Menschen respektiert, wie er leben will und dann zu sehen: Wo braucht er Begleitung?“, formuliert Magdalena Gleitz das Selbstverständnis der Mitarbeiter des Wohnprojektes. Respekt vor der Individualität mit Behinderung und ihrer Selbstbestimmung wird spürbar. Die Kamera gewährt uns Einblicke in die Wohngruppe von Theresa, wir sind ganz nah zu Besuch im Privaten, nehmen Anteil an ihren Gedanken, Sorgen und Träumen. Natürlich erklären auch die Begleitenden viel im Film über die Hintergründe der Arbeit, aber am eindrücklichsten wirken doch die Gespräche der Menschen mit Behinderung selbst und schlichte, unkommentiert bleibende Alltagsszenen. Man ahnt, dass Vertrauen zwischen der Filmemacherin und den Christopherus-Menschen entstanden ist, wenn solche Szenen möglich sind.

Durch den Christopherus-Hof hindurch schlängelt sich ein alter Fußweg, den man bewusst für die Nachbarschaft offen ließ. Inzwischen hat er auch zu einem Kontakt mit der nahegelegenen Universität Witten geführt und eine ungewöhnliche Kooperation entstehen lassen: Einmal in der Woche treffen sich Studierende und behinderte Bewohner, um gemeinsam für sich und andere zu kochen. Das an ein Motto Martin Bubers angelehnte Credo der Christopherus-Gemeinschaft heißt „Leben ist Begegnung“, und so fand auch der Film zu seinem Titel. Dass ein solcher Film entstanden ist, passt dazu.

 

„Leben ist Begegnung“. Ein Jahr mit der Wohn- und Lebensgemeinschaft Witten, von Andrea Lötscher. 95 Minuten, 2017. € 15,-  plus € 3,- Porto und Versand, bestellbar unter andrea@mondrosen.com

Trailer und Filmausschnitte gibt es hier.

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