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Resilienz als Eigenschaft bedeutet, anders als Resistenz, nicht, dass jemand unangreifbar ist, immun, nicht zu beeinflussen, sie bezeichnet vielmehr die Fähigkeit eines Menschen, sich trotz widriger Umwelteinflüsse auf seelischer Ebene in einem positiven Sinne weiterentwickeln zu können und die gegebenen Voraussetzungen im besten Sinne für sich zu nutzen.

Resilienz ist ein Phänomen, auf das die psychologische Forschung in den 1950er und 60er Jahren aufmerksam wurde: Wenn drei von vier Geschwisterkindern aufgrund von Verwahrlosung massive Auffälligkeiten – etwa Schulversagen, kriminelle Handlungen, Aggressionen – zeigten, ein Kind sich jedoch trotz gleicher Voraussetzungen gut entwickelte, so galt dieses Kind als „resilient“. Im Fokus standen die Persönlichkeitsentwicklung sowie eine erfolgreiche Sozialisation ohne psychische Auffälligkeiten. An zweiter Stelle erst ging es um die Frage, über welche inneren Voraussetzungen diese Kind verfügt, woraus seine offenkundige innere Widerstandskraft erwachsen ist.

 

Phänomen, Konzept oder Schlüsselqualifikation?

 

Ursprünglich also diente der Terminus „Resilienz“ der Beschreibung eines gleichermaßen faszinierenden wie rätselhaften Phänomens. Zunehmend aber ging man in den vergangenen Jahren dazu über, Resilienz als eine Schlüsselqualifikation zu definieren, in dem Glauben, dass seelische Widerstandskraft durch Coachingstunden und Trainingseinheiten erworben werden kann. Aus dem Phänomen Resilienz wurde ein Konzept, das vor allem im Hinblick auf die Fähigkeit von Arbeitnehmern, mit den Belastungen des Arbeitsmarktes zurecht zu kommen, gemünzt wurde. Ob es der Forschung tatsächlich gelungen ist, die Bedingungen für das Entstehen des Phänomens Resilienz zu entschlüsseln, war im Zuge dessen zweitrangig. Trainiert werden im Namen der Resilienz Problemlösungsverhalten, positives Denken, Selbstwahrnehmung, der Umgang mit kränkenden Situationen, Work-Life-Balance, Entspannungsmethoden oder das „Reframing“ in Krisensituationen. Entwickelt wird, so ließe sich sagen, ein Instrumentarium zum Erhalt eines positiven Selbstbildes. Das darin enthaltene Menschenbild finde ich heikel: Das Konzept Resilienz verengt und instrumentalisiert in meinen Augen die Entwicklungsfähigkeit des Menschen und nährt die nicht selten fatale Illusion eines stets überlegenen, kompetenten und souveränen Ich. Entwicklung beginnt jedoch häufig gerade dann, wenn die Faktoren, die den Widerstand aufrechterhalten, versagen. Eine Überbetonung der Selbstreflexion, der Verstandeskräfte, kann so gesehen zuweilen eher entwicklungshemmend wirken.

 

Training schon im Kindergarten?

 

Auch in Kindergärten wird Resilienz mittlerweile als trainierbare Schlüsselqualifikation ge- und behandelt. Trainiert werden soll, so jüngst ein Beitrag im Deutschlandfunk, eine aufmerksame Wahrnehmung der eigenen Gefühlssituation sowie die Fähigkeit zum adäquaten Gefühlsausdruck. Viel Wert gelegt wird also auf die emotionale Kompetenz: Kinder sollen lernen, ihre Gefühle zu verstehen, zu benennen und zu verarbeiten, um die nötige innere Stabilität zu erwerben, die sie im besten Sinne widerstandsfähig machen kann. Das mag im Kern etwas Gutes haben und Selbstschutzmechanismen tatsächlich stärken. Dieses Anliegen kann aber auch schnell zu einer Überforderung führen, etwa zu der Erfahrung, dass handfeste Probleme im eigenen Elternhaus im Kindergarten faktisch keinen Platz haben. Selbst dann, wenn massiv belastete Kinder sich in der Gruppe öffnen, kann die wohlmeinende Schulung von Resilienz eine Belastung darstellen, insofern sie das Kind mit überfordernden Gefühlen konfrontiert, anstatt einen Entlastungsraum zu bieten, der manchmal vielleicht wichtiger wäre.

 

Resilienz braucht innere Beziehung

 

Die Forschung zeigt, dass widerstandsfähige Kinder ihre Stärke daraus beziehen, dass sie eine innere Bezugsperson haben, von der sie sich willkommen und bestätigt, geliebt und unterstützt wissen. Diese Person muss nicht notwendig immer äußerlich präsent sein, sie kann über lange Zeiträume faktisch unerreichbar sein. Ausschlaggebend ist die innere Beziehung, die wie eine Festung Halt und Sicherheit bietet.

Wie aber tatsächlich das innerseelische Klima entwickelt wird, in dem das Phänomen Resilienz erblüht, bleibt ein Geheimnis. Mir scheint, es ergibt Sinn, dass es eines bleiben darf – gleichwohl es wichtig ist, darauf zu schauen, wie wir diesem Geheimnis den notwendigen Raum geben können. Es ist die Individualität des Einzelnen, die darüber entscheidet, wie die Außenwelt innerlich abgebildet wird, wie Seelenleben und Umwelt ineinandergreifen und die Wege bahnen, die das Leben lebenswert machen. Wir können individuellen Reifungskräften Raum und Unterstützung bieten, was aber im Menschen vor sich geht, ist weder nachvollziehbar noch kalkulierbar. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Selbstwert und Sinn können sich aus vielerlei Quellen nähren. Faktische Begegnungen sind hier ebenso wichtig wie die Entwicklung spielerischer Phantasie, schöpferisches Handeln so essenziell wie realistische Wahrnehmung, Erfahrungen von Geborgenheit so notwendig wie solche von Selbstüberwindung, Gruppenerlebnisse so fundamental wie individuelle Spiegelung.

Eine Pädagogik wie die Waldorfpädagogik, die der freien Entfaltung und Reifung der Phantasiekräfte im Kontext der sozialen Persönlichkeitsbildung großen Raum gibt, verdeutlicht, dass unser gegenwärtiges Konzept von seelischer Widerstandskraft einen symptomatischen Charakter hat.

Die allgegenwärtige Rede über Resilienz scheint mir zu belegen, dass wir versuchen, etwas auf gedanklicher Ebene abzuhandeln, was eigentlich in den Bereich der leiblichen und seelischen Reifung gehört. Sie versucht über das Hinterzimmer etwas hereinzuholen, was eigentlich nur vor dem Haus blühen kann. Dabei geht es nicht um eine zeitliche Verzögerung, sondern um ein strukturelles Problem. Ohne Vorgärten fehlen unseren Häusern die Zonen zwischen Haus und Straße. Ein Zwischenraum verschwindet. Dieser Zwischenraum kann nicht durch den bunten Blumenstrauß auf der hinteren Veranda ersetzt werden. Resilienzkräfte als trainierbares Instrumentarium für den Selbsterhalt zu definieren geht einher mit der Tendenz, strukturelle Probleme zu zementieren: Der Psychologe Klaus Ottomeyer sieht in dem Hype um die Resilienz eine unheilvolle Verlagerung gesellschaftlicher Krisen in das Individuum.

 

Horizonte für das Wunder

 

Für die Lösung der strukturellen Probleme brauchen wir den Vorgarten, den Spielraum zwischen Innen und Außen, in dem Veränderung immer wieder neu probiert, anders gestaltet, verworfen und überarbeitet werden kann. Den Raum der Anteilnahme zwischen uns und unseren Nachbarn, den Ort der Begegnung zur Straße hin. Dieser Garten braucht unsere Phantasiekräfte und unser schöpferisches Potenzial, um in die Welt hineinwirken zu können. Er ist ein Aushängeschild für das soziale Klima, das wir stiften, der Horizont für das Wunder. Die Resilienz hat in diesem Garten ihre Wurzeln, auch wenn sie ihre Blüten zwischen den Gehwegplatten hervorbringt.

Vielleicht buchstabieren wir mit dem Konzept „Resilienz“ auf sehr umständliche Weise ein Ausnahmephänomen, was wir alle im Kleinen selbst kennen: Die Fähigkeit, den Glauben in Krisensituationen nicht zu verlieren, zuversichtlich zu bleiben trotz schwerer Verluste, das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels im Blick zu bewahren. Ein warmes Lächeln, freundliche Anteilnahme, ein herzliches Willkommen – es sind die kleinen Gesten, die zählen. Sie spenden Verbundenheit, machen die Welt bewohnbar und nähren die Gewissheit, dass wir in ihr nicht verloren gehen werden, was auch immer uns gerade bedrückt, wie ohnmächtig wir auch sein oder uns fühlen mögen. Herzensangelegenheiten brauchen kein Kompetenztraining, sie brauchen ein Klima der Anteilnahme, Mitgefühl und Zeit, dem Herzschlag gemeinsam zu lauschen. ///

 

Ein Text aus der Dezember-Ausgabe von Info3 – Anthroposophie im Dialog. Hier unverbindlich ein Probeheft bestellen.