Eingang zur Ausstellung „Touchdown“/ Foto: © Laura Krautkrämer

Eingang zur Ausstellung „Touchdown“/ Foto: Laura Krautkrämer

Ein markantes Erkennungszeichen der Bundeskunsthalle in Bonn sind die drei großen, spitz zulaufenden Kegel auf ihrem Dach. Seit dem Herbst 2016 offenbart sich ihre wahre Funktion: Sie senden Signale ins All und markieren einen Landeplatz für außerirdische Besucher. Nun ist ein Forscherteam von einem fernen Planeten am Rhein gelandet – sieben Astronautinnen und Astronauten mit Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt. Ihr Auftrag: Sie wollen herausfinden, wie es Menschen mit Down-Syndrom auf der Erde geht. Denn diese sind die Nachkommen einer früheren Mission, die vor 5.000 Jahren erstmals auf der Erde landete.

Soweit die phantasievolle Geschichte, die den erzählerischen Rahmen für eine ganz besondere Ausstellung darstellt, die noch bis Mitte März zu bestaunen ist. Die liebevoll ausgearbeiteten Comic-Charaktere von Vincent Burmeister führen die Besucherinnen und Besucher durch „Touchdown“ (engl. für Aufsetzen, Landung). Die erste umfassende Ausstellung über und mit Menschen mit Down-Syndrom eröffnet mit einer Mischung aus kulturhistorischer und künstlerischer Annäherung aufschlussreiche Begegnungsräume und neue Perspektiven auf das Leben mit Trisomie 21.

 

Fachleute in eigener Sache

Britt Schilling: Sechs Porträts von Menschen mit Down-Syndrom (2016) © Britt Schilling

Britt Schilling: Sechs Porträts von Menschen mit Down-Syndrom, 2016 © Britt Schilling

Besonders überzeugend ist es, dass Menschen mit Down-Syndrom als Fachleute in eigener Sache miteinbezogen waren und sind: bei der Ausstellungskonzeption, mit künstlerischen Beiträgen und persönlichen Ausstellungsstücken, mit Texten und Statements. Dafür haben die Ausstellungsmacher eng mit dem ebenfalls in Bonn ansässigen, inklusiven Forschungsprojekt „Touchdown21“ und der Redaktion des „Ohrenkuss“ zusammengearbeitet, einer Zeitschrift, die von Menschen mit Down-Syndrom gemacht wird. Diese Zusammenarbeit setzt sich bei den Führungen fort: Regelmäßig gibt es Tandemführungen, bei denen zwei Menschen mit und ohne Down-Syndrom durch die Ausstellung leiten.

Ausstellungsansicht „Tochdown“ / Foto: Jirka Jansch © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Ausstellungsansicht „Tochdown“ / Foto: Jirka Jansch
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Was die Besucherinnen und Besucher in Bonn erwartet, ist eine Spurensuche. In mehreren Kapiteln beleuchtet „Touchdown“ das Leben von Menschen mit Down-Syndrom  früher und heute, untersucht ihre Präsenz in Kunst und Wissenschaft. Vieles bleibt zwangsläufig lückenhaft und vage, denn auch das ist eine Erkenntnis dieser Ausstellung: Wie wenig wir bisher über die Geschichte der Trisomie 21 wissen. Ein eigener Raum ist dem britischen Arzt John Langdon Down gewidmet, der als Heimleiter ab 1858 mit Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen lebte und arbeitete. Er erforschte und beschrieb unter anderem mit dem damals neuen Medium der Fotografie erstmals die auffälligen Ähnlichkeiten einer bestimmten Bewohner-Gruppe und wurde dadurch später zum Namensgeber des Down-Syndroms. Auch bedrückende Themen haben ihren Platz. Ein kleiner Extra-Raum behandelt die Euthanasie in der NS-Zeit, eine weitere Station setzt sich mit der Problematik der Pränataldiagnostik auseinander. Zur Erinnerung: Derzeit entscheidet sich ein Großteil der werdenden Eltern bei der Diagnose Down-Sydrom für einen Schwangerschaftsabbruch – geschätzt 90 Prozent der Babys mit Down-Syndrom werden abgetrieben.

 

Gehen oder bleiben?

Jeanne-Marie Mohn: Chromosomen-Wandteppich, 2016 © Raw Art Foundation, Frankfurt am Main

Jeanne-Marie Mohn: Chromosomen-Wandteppich, 2016
© Raw Art Foundation, Frankfurt am Main

Neben den großformatigen Wandillustrationen, die das außerirdische Forscherteam in verschiedenen Dialog-Szenen zeigen, begleiten persönliche, oftmals ausgesprochen anrührende Statements von Menschen mit Down-Syndrom die verschiedenen Ausstellungsbereiche. Alle Infotexte sind in sogenannter klarer Sprache verfasst und damit auch für Menschen mit Behinderung verständlich. Eine besondere Erwähnung verdient außerdem das fantastische Begleitbuch, das die Spurensuche auch nach dem Museumsbesuch andauern lässt und mit vielen zusätzlichen Texten zur Vertiefung einlädt.

„Gehen oder bleiben?“ heißt der letzte Abschnitt der Ausstellung. „Jetzt müssen wir eine Entscheidung treffen: Wie geht es weiter?“ fragt darin der Astronauten-Kapitän wELLE. „Das ist auch wichtig, dass wir noch mal über alles sprechen. Damit alle alles wissen“, antwortet der Offizier lAPU. Eines ist klar: Die Bonner Ausstellung ist erst ein Anfang. Aber ein äußerst vielversprechender, der hoffentlich zahlreiche Besucherinnen und Besucher zu einer weiteren Entdeckungsreise inspiriert.

 

 

Touchdown. Eine Ausstellung mit und über Menschen mit Down-Syndrom
Bundeskunsthalle Bonn, 29. Oktober 2016 bis 12. März 2017
www.bundeskunsthalle.de

Begleitbuch zur Ausstellung:
TOUCHDOWN. Die Geschichte des Down-Syndroms
Das Buch erscheint in klarer Sprache im Verlag der Bundeszentrale für politische Bildung in der Reihe „Zeitbilder”- Herausgeber: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH. Preis: 7,- €