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Engagierter Ökonom: Niko Paech / Foto: wikimedia commons

Seit Monaten liegt Niko Paechs Buch auf dem Schreibtisch. Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, ein schmales, doch fest gebundenes Bändchen aus dem Jahr 2012, bereits in der zweiten Auflage, der Münchner oekom Verlag freut sich über den Erfolg, von taz bis Zeit berichten die Medien über den glaubwürdigen Ökonomen der Universität Oldenburg, der lebt, was er schreibt. Natürlich habe ich es gelesen, mit dem Blick des Rezensenten. Und, der Zufall wollte es, gleich danach ein zweites, ebenfalls schmales Bändchen, weich gebunden, aus demselben Verlag im selben Jahr, Armin Grunwalds Ende einer Illusion. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann. Die beiden kleinen Bücher begleiteten mich viele Wochen. Ein Vergleich wollte nicht gelingen, weil er so nahe liegt, dass es schmerzt. Der Schmerzpunkt könnte da liegen, wo der „Überfluss“ nützlich ist, seine Vermeidung gefährlich.

Dann wollte ich abwarten, bis ich Niko Paech persönlich erlebte. Ich hatte ihn in mein Institut zum LunchTalk eingeladen, wir trafen uns schon in der S-Bahn. Mir gefiel sein wissenschaftliches Ethos, das leichte Flackern in den Augen, wenn er von den Wochen und Monaten sprach, in denen er sich für ein Kapitel oder ein Buch einschloss, von der Lust an der Arbeit am Begriff, am Gedanken. Im Denken leben, das ist Wissenschaft. Zu den Dingen, die mich eher irritierten, konnte ich ihn ebenfalls befragen. Dass ich den Eindruck des Konservativen hatte angesichts seiner Theorie und noch mehr angesichts seiner praktischen Folgerungen. Er dachte nach, leicht irritiert, und bejahte. Ja, die Idee einer Postwachstumsgesellschaft habe etwas Konservatives, die Verlangsamung, das Denken in den Kategorien von Subsistenz und Suffizienz, von Selbstversorgung und Genügsamkeit.

Feindbild Fremdversorgung?

Paechs Buch beginnt provokativ: „Dieses Buch dient einem bescheidenen Zweck. Es soll den Abschied von einem Wohlstandsmodell erleichtern, das aufgrund seiner chronischen Wachstumsabhängigkeit unrettbar geworden ist.“ Auf den folgenden gut einhundert Seiten wird, sicherlich nicht neu, eine dramatische Phänomenologie der Wachstumsversessenheit des modernen globalen Kapitalismus gezeichnet. In ihrem Zentrum stehe das „Fremdversorgungssystem“: „Indem Haushalte jede Fähigkeit zur Selbstversorgung zugunsten eines spezialisierten Arbeitsplatzes abgeben“ (S. 64), wird der Mensch zum „homo consumens“ und „muss auch das Soziale komplett im Ökonomischen aufgehen“ (S. 65). Zuspitzung gehört zum Geschäft, Essays, das Büchlein ist eines davon, sind Versuche, sie pointieren, sie begründen nicht immer zu Ende. Doch die Begeisterung allein trägt nicht alle Argumente. Stimmt es denn, dass Haushalte „jede“ Subsistenzfähigkeit verloren haben? Und stimmt es, dass das Soziale „komplett“ ökonomisiert wurde oder wird? Natürlich stimmt das Erste für die meisten Menschen nicht und das Zweite wird nie so sein.

Eine radikale Selbstversorgung, also die vollständige praktische Unabhängigkeit von jeder Tauschwirtschaft, ist in einer funktional differenzierten Gesellschaft nur auf Inseln (Robinson, Freytag) oder unfreiwillig (Kaspar Hauser) oder als Projekt (Eremit) zu beobachten. Doch die „Fähigkeit“ zur Selbstversorgung wird munter geübt: in Survival-Trainings und Stadtgärten, von Leserinnen und Lesern der Landlust, in Kommunen und bei Pfadfindern, viel wichtiger aber noch: in den meisten Haushalten mit Kindern. Noch immer nehmen es die meisten Eltern auf sich, ihre Kinder von den 168 Stunden in der Woche maximal 40 Stunden in Fremdversorgung zu überantworten und auch das häufig mit schlechtem Gewissen – und wenn die Kinder krank sind, dann gar nicht. Auch pflegebedürftige Angehörige, Partner, Eltern, Kinder mit Behinderungen, chronisch Kranke, werden noch immer mehrheitlich in Selbstversorgung versorgt, was die Familien belastet, was sie aber gleichwohl meist wollen, weil sie glauben, dass es den Selbstversorgten gefällt und weil auch sie hoffen, dass man sich um sie dereinst zu Hause, selbstversorgend, müht.

Subsistenzproduktion als Faktor

Die ökonomische Realität auch in einer globalisierten kapitalistischen Ökonomie ist also gemischt, Konsum und Subsistenzproduktion – zumindest in Bezug auf Sorge-Arbeit, Care-Work – existieren nebeneinander, in differenzierten Mischungen. Das Soziale, das Gemeinschaftliche, existiert, macht, je nach Kalkulation, bis zur Höhe des Umsatzwertes der Geldwirtschaft aus, manche Statistiker meinen, es sei noch mehr. Die Diskussion um alternative Bemessungsverfahren der volkswirtschaftlichen Leistung wogt hoch, von der noch vom früheren französischen Präsidenten Sarkozy eingesetzten Kommission um Amartya Sen bis hin zur laufenden Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. Hier gelangen wir zu Zwischentönen, zu Dilemmata der Moderne, die Paech nicht gerne ausbuchstabiert. Die Dominanz der Ökonomie lässt er stehen, er will, wir werden das sehen, nur die Dominanz einer guten Ökonomie.

Fremdversorgung und Geldwirtschaft, Profitstreben und Zinscouponschneiderei wie Spekulation, Kulturfaktoren wie Gier und Neid, das Panoptikum der Wachstumstreiber wird im Buch noch weiter entfaltet. Die ökologische Analyse wird immer zäher und trauriger: „Unter der Bedingung eines beständigen Wirtschaftswachstums ist es unmöglich, die Ökosphäre absolut zu entlasten. Unter der Bedingung einer absoluten Entlastung der Ökosphäre ist es unmöglich, ein beständiges Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten.“ (S. 97) Der Idee eines „grünen Wachstums“ kann Paech nichts abgewinnen, dagegen sprechen vor allem die sogenannten „Rebound-Effekte“, die Tatsache, dass Ressourceneinsparung fast immer zu Mehrnutzung führe, die man sich dann auch leisten könne, beispielsweise durch mehrere Fernseher oder PCs in einem Haushalt.

Jetzt freilich kommt eine analytische Pointe, sein theoretisches Kernargument: „Per se nachhaltige Technologien und Objekte sind schlicht undenkbar. Allein Lebensstile können nachhaltig sein. Nur die Summe der ökologischen Wirkungen aller von einem einzelnen Subjekt ausgeübten Aktivitäten lässt Rückschlüsse auf die Nachhaltigkeitsperfomance zu. Folglich können Nachhaltigkeitswirkungen ausschließlich auf der Basis individueller Ökobilanzen dargestellt werden.“ (S. 99) Muster dafür ist der ökologische Fußabdruck, jedem Erdbewohner steht bis 2050 ein jährliches Emissionsquantum von 2,7 Tonnen CO2 zu, Bundesbürger emittieren freilich derzeit elf Tonnen im Jahr. Natürlich ist das schwer genau zu berechnen, Paechs Pointe: „Aber sie ist alternativlos.“ (S. 100) und: „Jedenfalls sind Nachhaltigkeitsbemühungen, die sich an der Subjektorientierung vorbeischummeln, nicht nur überflüssig, sondern schädlich.“ (S. 101)

Misstrauisch machende „Alternativlosigkeit“

Aus Sicht des Soziologen beeindrucken und beängstigen solche Argumente in zweierlei Hinsicht: Zum einen misstraut er allem „Alternativlosen“. Warum soll die Subjektorientierung der Verantwortungszurechnung der Königsweg der Nachhaltigkeit sein? Hier kommt das Buch von Grunwald in Spiel, der mit dem ökologisch korrekten Konsum abrechnet: „Nicht mehr von politischen Maßnahmen wie Anreizen und veränderten Rahmenbedingungen für den Konsum wird die ‚Nachhaltigkeitswende‘ erwartet (…). Stattdessen wird das Verursacherprinzip sozusagen kurzgeschlossen und die Konsumenten werden direkt und unmittelbar selbst angesprochen.“ (S. 31) Die Subjektorientierung Paechs entspricht der Reduzierung des Verursacherprinzips auf den Konsumenten, ein Verzicht auf Institutionen- und Politikkritik. Zum Zweiten entspricht die alternativlose Subjektorientierung der Basisideologie der neoklassischen Ökonomie. In ihr zählt nur die Nutzenmaximierung individueller Akteure. Die kollektive Dimension resultiert nur aus der Aggregation individueller Handlungsstrategien.

Der Verzicht auf eine genuin soziale Theorie der Wirklichkeit ist folgenreich. Die von Paech skizzierte Postwachstumsökonomie wirkt romantisch, der „Rückbau der arbeitsteiligen Industriegesellschaft“ (S. 145) ist vor allem ein defensiver, kein progressiver Gedanke. Das Romantische ist voll Wahrheit, wer wollte die Sätze bestreiten: „Wer nicht über seine ökologischen Verhältnisse lebt, sondern ein kerosin- und auch sonst plünderungsfreies Glück genießt, muss nicht ständig neue Ausreden erfinden.“ (S. 148) „Demnach würde aufgeklärtes Glück voraussetzen, nicht nur zu genießen, sondern dabei mit sich selbst im Reinen zu sein.“ (S. 149) Niko Paech liefert die kulturökonomische Vision eines Ausstiegs aus der Großindustriegesellschaft in eine bescheidenere Kleinindustriegesellschaft. Im Weltmaßstab bleibt nur das kulturelle Vorbild der vom Überfluss befreiten Metropolen, ihr Glück könnte die bisher der Warenwelt verfallenen Schwellenwelt zur Umkehr überzeugen.

Wieviel Überfluss ist sinnvoll?

Am Ende der Lektüre der beiden kleinen Bücher bleibt eine gewisse Ratlosigkeit. Grunwalds Plädoyer für institutionelle Reformen erscheint so berechtigt wie Paechs Appell an den Einzelnen, einen nachhaltigen Lebensstil zu wählen. Paechs Projekt einer „Postwachstumsökonomie“ bleibt jedoch nur individuell erkennbar, nicht für Deutschland, Europa, die Welt. Doch die Verve des Kampfs gegen den „Überfluss“, von dem wir uns befreien sollten, wirft Fragen auf, die schwer zu beantworten sind: Könnte es nicht beispielsweise sein, dass nur ein gewisser Überfluss, ein Zuviel vom Nötigen, ein Hinaufklettern auf der berühmten Bedürfnispyramide Maslows möglich macht? Setzt die Entfaltung des Postmateriellen nicht die Sättigung des Materiellen voraus? Und vielleicht am wichtigsten: können wir nicht erst dann großzügig sein, wenn wir zumindest subjektiv im Überfluss leben? Wenn wir genug Liebe, Schönheit, Glück erfahren, so dass wir etwas davon verschenken können? Paech würde sagen: Ganz sicher, es gehe ihm nur um den materiellen Überfluss. Aber das stimmt nicht, sein Kampf richtet sich vor allem gegen die Fremdversorgung. Fremdversorgung wiederum ist Überfluss im Guten: ich versorge einen anderen, gebe ihm ab von meiner Zeit, meinen Gütern. Eine Fremdversorgungswirtschaft ist im Grunde ein großzügiges Projekt, stellen wir einmal den Warentausch zurück. Würde ein Rückbau zur Selbstversorgung die Menschheit wirklich großzügiger machen, liebevoller, die Welt schöner? Eine offene Frage, eine wichtige. ///

Prof. Dr. Michael Opielka ist Wissenschaftlicher Direktor des IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin und Professor für Sozialpolitik an der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena.