Hemmerich

Jedes Meditationsbuch sollte uns fremd und zugleich vertraut erscheinen, will es uns doch auf neue Wege mitnehmen. Das vorliegende Bändchen von Dr. med. Fritz Helmut Hemmerich, ärztlicher Leiter des Eridanos-Zentrums für Salutogenese auf Teneriffa, erfüllt diese Vorgaben in ansprechender Schlichtheit.

Es bezieht sich auf Karfreitag und Ostern, wird auch als Ostermeditation auf Teneriffa praktiziert, möchte aber eine Anleitung fürs ganze Jahr sein. „Wir können jeden Tag lesen wie eine Miniatur des Jahres“, heißt es dort.

Die Karfreitagsmeditation ist für die „Henkerstunde“ beim Erwachen gedacht, wenn es draußen noch grau und kalt ist. Das Dämmern zwischen Zurücksinken und Aufstehen – das Opfer ist vollbracht, die Wandlung noch nicht eingetreten – bildet metaphorisch der Karsamstag ab. Mit den ersten Sonnenstrahlen setzt der Ostersonntag ein: „Das aufkeimende Vertrauen in die Aufrichte.“ So können wir Ostern alle Tage zelebrieren – in welcher Gegend und bei welcher Lichtstimmung auch immer, betont der Autor.

Karfreitag und  Karsamstag stehen für das Zerschlagen der Bilder, das Zerreißen der Landkarten in uns, die das Feste repräsentieren und Wandel und Wachstum verhindern. Hinzuzufügen wäre: Wer dies innerlich schafft, braucht es im Außen nicht mehr zu tun. Gelingt es uns nur „für die Dauer eines Lidschlags“ mit der ganzen uns umgebenden Welt lebendig zu sein, erleben wir die Auferstehung des Ostersonntags darin.

Das Altvertraute ist in diesem Büchlein die meditative, knappe Sprache, die Lust macht, die Texte praktisch auszukosten. Das Fremde sind die über mehrere Seiten sich erstreckenden Meditationsstrophen, umspielt von Schwarzweiß-Grafiken, die das aufregend Potenzielle im Gethsemane-Geschehen abbilden: ohne Ende ist da immer wieder neu zusammenzufügen. Nur kurze Anleitungen stehen diesem substanziellen Inhalt gegenüber. Die wir genau lesen sollten. Dann erfahren wir, dass beispielsweise die Meditationen nicht etwa gleich zum Aufwachen gesprochen werden, da wir noch nicht genügend zur Welt, zur Sprache gekommen sind, sondern zu irgendeiner anderen Stunde des Tages. Wichtig sei es, deren Stimmung in die morgendliche Gedankenarbeit mitzunehmen. Dann kann ich bemerken, wie nach dem Zerreißen und der Wandlung „der Wille mich vom All ergreift und mich aufrichtet.“  Ostern eben.

 

Fritz Helmut Hemmerich: Hervor aus dem dunklen Spiegel! Innehalten für eine geistige Gesundung. Mit Illustrationen von Frank Schubert, 80 Seiten, Borschur, Info3 Verlag Frankfurt am Main, € 12,-.

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