Im Zuchtgarten auf dem Quellenhof in Bingenheim © Laura Krautkrämer

Im Zuchtgarten auf dem Quellenhof in Bingenheim-Echzell © Laura Krautkrämer

Oliver Willing von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft freute sich bei der Begrüßung über das große Interesse und würdigte Bingenheim als Sitz des Vereins Kultursaat e.V. und der Bingenheimer Saatgut AG als zentralen und traditionsreichen Standort für die ökologische Saatgutzüchtung. Gleichzeitig wies er auf aktuelle Herausforderungen hin, die sich etwa angesichts der weiterhin zunehmenden Machtkonzentration der Großkonzerne stellten. So verhandeln derzeit Monsanto und Syngenta über eine Fusion, bei deren Zustandekommen ein neuer Mega-Konzern entstünde, der über 40 Prozent des Weltmarktes für Saatgut kontrollieren würde. Auch die Entwicklung im Bereich der Saatgut-Patente müsse Sorgen bereiten: So wartet allein Monsanto aktuell auf die Erteilung von 30 Pflanzen-Patenten, Syngenta auf rund ein Dutzend (mehr zum Thema Saatgut-Patente z.B. hier bei „no patents on seeds“). „Wir sehen an diesen Vorgängen die grandiose Fehlentwicklung, die sich aus der Übermacht wirtschaftlicher Interessen und Kriterien in diesem Bereich ergibt“, unterstrich Willing. Dr. Beatrix Tappeser, Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, bezeichnete die Saatgutentwicklung in ihrem Grußwort als „Nadelöhr“ des Ökolandbaus. „Wir sind als Gesellschaft darauf angewiesen, dass Sie diese Grundlagen schaffen“, wandte sie sich an die zahlreichen anwesenden Züchterinnen und Züchter.

Eindrucksvolle Bandbreite ökologischer Züchtung

04.07.2015 Saatgut-Tagung des Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft auf dem Quellenhof bei Echzell: Führung durch die Züchter durch die Zuchtgärten.

© Zukunftsstiftung Landwirtschaft/Hendrik Rauch

Rund 15 verschiedene Exkursions-Angebote in den Zuchtgärten belegten die eindrucksvolle Bandbreite der vom Saatgutfonds geförderten Projekte. Zu sehen gab es beispielsweise Getreidezüchtungen des Dottenfelderhofes in Bad Vilbel, des Keyserlingk-Instituts in Salem oder der Getreidezüchtung Peter Kunz in Feldbach (Schweiz). Beim Gemüse reichte der Bogen von Möhren oder Salaten über Zucchini, Spinat und Tomaten bis hin zu Blumenkohl und Broccoli, bei denen an samenfesten Alternativen zu den derzeit dominierenden CMS Hybriden gearbeitet wird. Außerdem bestand die Möglichkeit, die Produktionsräume der benachbarten Bingenheimer Saatgut AG zu besichtigen.

Unter den teilweise von weither angereisten Teilnehmern waren sowohl Profi-Züchterinnen oder Hobby-Gärtner als auch Menschen, die sich eher allgemein für die gesellschaftliche Dimension des Themas interessierten. Sie alle hatten auf dem Feld reichlich Gelegenheit, mit den jeweiligen Züchterinnen und Züchtern ins Gespräch zu kommen und sich über aktuelle Fragen und Züchtungsziele ebenso wie spezifische Herausforderungen einzelner Sorten auszutauschen. Um Chancen und Herausforderungen ging es auch in einer Gesprächsrunde mit Thomas Heinze (Kultursaat e.V.) und Karl-Josef Müller (Getreidezüchtung Darzau), beide Preisträger des Bundeswettbewerbs Ökologischer Landbau. Sie thematisierten unter anderem die nötige Balance zwischen der Marktnachfrage, bei der vor allem quantitative und wirtschaftliche Fragen im Vordergrund stünden, und dem Züchterimpuls, der auch qualitative Faktoren wie etwa Geschmack oder Inhaltsstoffe im Blick habe. Als eine der zentralen Zukunftsfragen benannten sie den partnerschaftlichen Umgang des Menschen mit den Pflanzen in einem gemeinsamen Kulturprozess und lenkten die Aufmerksamkeit auf die Frage, wie wirklich „nahrungsfähige“ Pflanzen entwickelt werden können.

Kulturgut Saatgut als gesellschaftliche Aufgabe

Am Ende dieses außerordentlich anregenden Tages blieb der Eindruck, dass trotz aller Übermacht der Großkonzerne eine vielfältige und gut vernetzte Bewegung besteht, die dem profitorientierten Zugriff der Großkonzerne zukunftsträchtige Perspektiven entgegensetzt. Doch dabei brauchen sie unsere Unterstützung: Das Kulturgut Saatgut zu schützen, weiterzuentwickeln und auszubauen, ist eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der die Verbraucherinnen und Verbraucher die Züchterinnen und Züchter nicht allein lassen dürfen.