Blüte der samenfesten Möhren-Sorte Robila © Kultursaat e.V.

Blüte der samenfesten Möhren-Sorte Robila (© Kultursaat e.V.)

Es ist aber auch alles nicht so einfach für uns bewusste Konsumentinnen: So viele Aspekte gibt es beim nachhaltigen Einkauf zu beachten! Klar, unsere Nahrungsmittel sollen ökologisch sein, möglichst saisonal passend und regional produziert. Wie sieht es mit dem Tierwohl aus, wie mit den Produktions- und Arbeitsbedingungen? Und dann tauchen da gelegentlich auch noch andere Stichworte auf, nämlich das der ökologischen Pflanzenzüchtung oder des Öko-Saatguts. Was hat das nun wieder zu bedeuten – und was hat das überhaupt mit mir zu tun?

Genau hier liegt schon die erste kommunikative Herausforderung für alle, die im Bereich der ökologischen Pflanzenzüchtung tätig sind: Das Thema Saatgut wirkt abstrakt und scheint zunächst vor allem Landwirte und Gärtner zu betreffen. Während wir beim Wein ganz selbstverständlich Lage, Sorte und Herkunft beachten und etwa bei Äpfeln verschiedene Sorten kennen und schätzen, gilt dies für die wenigsten anderen Obstsorten und erst recht nicht für Gemüse- oder Getreidesorten. Wer weiß schon, welchen Blumenkohl oder Lauch er sich gerade in den Einkaufswagen legt?

Verlust der Vielfalt

Während Saatgut über Jahrtausende hinweg regional verschieden und entsprechend vielfältig war, gab es in den letzten hundert Jahren einen dramatischen Sortenverlust. Zehn Konzerne kontrollieren heute fast drei Viertel des weltweiten Saatgut-Marktes, über die Hälfte haben die drei größten Konzerne Monsanto, DuPont und Syngenta unter sich aufgeteilt. Die seit den 1950er Jahren gezüchteten konventionellen Hochleistungssorten sind auf eine energieintensive, erdölbasierte Landwirtschaft ausgerichtet, die den massiven Einsatz von Pestiziden und künstlichen Düngemitteln, vor allem Stickstoff, erfordern. Diese Entwicklung stellt für den Ökolandbau ein großes Problem dar: Er benötigt Sorten, die auch ohne Mineraldünger und chemisch-synthetische Spritzmittel hinreichende Erträge bringen, die robust sind und nicht nur quantitativen, sondern auch qualitativen Ansprüchen genügen.

Bereits in den 1970er Jahren gab es deshalb erste Anstrengungen, dem drohenden Verlust der Sortenvielfalt entgegenzuwirken. Die Pioniere der ökologischen Pflanzenzüchtung waren biologisch-dynamische Züchterinnen und Züchter, damals vor allem motiviert durch das Aufkommen der nur bedingt nachbaufähigen Hybridsorten. In den 1990er Jahren bekam die Saatgut-Frage durch die sich ankündigende Gentechnik eine neue Dringlichkeit. 1994 wurde der gemeinnützige Verein Kultursaat mit Sitz im hessischen Bingenheim gegründet, 1996 der mit dem Verein freundschaftlich verbundene Saatgutfonds der GLS Treuhand in Bochum, der heute unter dem Dach der Zukunftsstiftung Landwirtschaft geführt wird. Der Fonds startete mit 140.000 DM, durch zunehmende jährliche Spenden hat er 2015 ein Volumen von über 1,15 Millionen Euro erreicht. Nicht nur dieser Zuwachs ist beachtlich, sondern mehr noch das Ergebnis der langjährigen Förderungen: Über 70 vom Bundessortenamt zugelassene, samenfeste Neuzüchtungen von Gemüsesorten stehen dem Anbau heute zur Verfügung, hinzu kommen knapp 40 Getreidesorten.

Alternativen sind gefragt

Blüte der Rodelika-Möhre, eine der ersten ökologisch gezüchtenen Kultursaat-Sorten / © Kultursaat e.V.

Blüte der Rodelika-Möhre, eine der ersten ökologisch gezüchtenen Kultursaat-Sorten (© Kultursaat e.V.)

Bei der Jubiläumstagung zum 20-jährigen Bestehen des Saatgutfonds kamen im Januar 2016 rund hundert Züchterinnen, Landwirte, Spenderinnen und Verbraucher in Kassel zusammen. Ein starkes Leitmotiv war die Frage, wie sich die Notwendigkeit der ökologischen Sortenentwicklung nicht nur Erzeugern und Handelspartnern, sondern auch den Verbraucherinnen und Verbrauchern vermitteln lässt. So betonte Kirsten Arp vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN): „Der BNN sieht die entscheidende strategische Bedeutung von Öko-Saatgut – wir brauchen es, um Handel und Verbrauchern auch weiterhin Alternativen zu konventionellen Sorten bieten zu können.“ Die 2013 von Naturkost-Großhändlern gegründete Zukunftsstiftung Biomarkt fördert deshalb gezielt die Öko-Züchtung, außerdem besteht seit 2015 eine Förderpartnerschaft des BNN mit der Software AG-Stiftung, die etwa drei Dutzend laufende Projekte der ökologischen Gemüsezüchtung unterstützt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die bessere Vernetzung zwischen den verschiedenen Bereichen der Wertschöpfungskette. „Wie können wir diejenigen, die selbst nicht auf dem Feld stehen, für die Probleme der Züchter und Produzenten sensibilisieren?“, fragte etwa Lukas Nossol, Bereichsleiter des Biogroßhändlers Dennree. „Und wie schaffen wir umgekehrt bei diesen eine Betroffenheit für die Probleme im Regal, also im Handel?“ Dass die Züchter Unterstützung brauchen, liegt auf der Hand, denn Pflanzenzüchtung ist langwierig und teuer: Die Entwicklung einer einzigen Sorte dauert durchschnittlich zehn Jahre und kostet je nach Sorte zwischen 600.000 und einer Million Euro.

Züchtung ohne gesetzlichen Sortenschutz

Eine zentrale Schaltstelle für diese Arbeit im Gemüse-Bereich ist der Verein Kultursaat, der an rund 30 Standorten im deutschsprachigen Raum die Ökozüchtung unterstützt. „Wir sind überzeugt, dass Kulturpflanzen als Teil der Menschheitsentwicklung der letzten tausend Jahre uns allen gehören“, sagt Geschäftsführer Michael Fleck. „Die von Kultursaat mithilfe von Spenden gezüchteten Sorten betrachten wir nicht als unser Eigentum, auch wenn wir für sie und ihre Pflege weiter verantwortlich sind und den damit zusammenhängenden Aufwand tragen.“ Der Verein hat sich bewusst gegen einen klassischen Sortenschutz entschieden und setzt stattdessen auf Einsicht und Kooperation der Vertriebspartner, die das Saatgut dieser Züchtungen auf den Markt bringen: Diese stellen einen sogenannten freiwilligen Sortenentwicklungsbeitrag bereit, der der fortlaufenden Pflege der Sorten zugute kommt. Die Gründung des Vereins vor über 20 Jahren wurde von vielen Seiten als Spinnerei belächelt – doch den Pionieren von damals ist es zu verdanken, dass heute ein Grundstock an Öko-Sorten gelegt ist. Dennoch lässt der große Durchbruch bisher noch auf sich warten: „Die Bedeutung samenfester Sorten generell und der von unseren Züchtern entwickelten Sorten im Speziellen ist im Erwerbsgemüsebau noch nicht besonders groß“, bedauert Michael Fleck.

Der wirtschaftliche Druck ist enorm, das weiß auch Horst Ritter, selbst Kultursaat-Züchter. Er ist Mitinhaber der Demeter-Gärtnerei Piluweri in Müllheim südlich von Freiburg, die auch Saatgutvermehrung und Gemüsezüchtung betreibt: „Wir befinden uns in einem ständigen Spagat: Wir möchten eine möglichst große Bandbreite abdecken und würden auch gerne noch deutlich mehr Raritäten anbieten, doch das ginge mit einem noch kleinteiligeren und weniger rationalisierten Anbau einher.“ Manche Gemüsearten wie Möhren oder Rote Bete werden bei Piluweri komplett aus samenfesten Sorten produziert, doch bei anderen Kulturen wie Rosenkohl, Brokkoli oder Blumenkohl verwendet der Betrieb ausschließlich Hybrid-Saatgut. „Wir versuchen, mit unseren Kundinnen und Kunden darüber ins Gespräch zu kommen“, erklärt der Gärtner. „Viele erwarten, dass ein Demeter-Betrieb selbstverständlich nur samenfeste Sorten verwendet. Andere haben sich mit dem Thema noch gar nicht auseinandergesetzt, denen ist vor allem die ökologische Anbaumethode wichtig.“

Mehrwert kommunizieren

Die enge Verknüpfung der ökologischen Pflanzenzüchtung und Saatgutvermehrung mit dem Ökolandbau, aber auch mit grundlegenden Fragen der Ernährungs-Gerechtigkeit und -Souveränität ist nach wie vor nur wenig bekannt – und auch die Unterstützung durch den Handel ist ausbaufähig. „Die einzelnen Einkäufer schauen dann eben doch vor allem auf den Preis. Es ist wirklich schwierig, den Mehrwert zu kommunizieren“, meint Horst Ritter.

Dabei drängt die Zeit: Immer subtilere neue Zuchttechniken und Patentierungen von Sorten durch marktbeherrschende Konzerne sind alarmierende Entwicklungen, die gleichzeitig die Notwendigkeit der ökologischen Züchtung unterstreichen. Und die können auch die Verbraucher fördern: durch gezielte Nachfrage ökologisch gezüchteter Sorten, durch Verwendung von Ökosaatgut im heimischen Garten oder auch durch Unterstützung von Initiativen wie Saatgutfonds oder Kultursaat. Wenn man sich die verschiedenen ökologischen Züchtungsinitiativen vor Augen führt – lauter kleine Experimentierfelder und Forschungsstuben, von der Ostsee bis zu den Alpen –, dann bilden diese Punkte ein zwar zartes, aber wirkungsvolles Netz von Zukunftskeimen. Es birgt eine Art trotziges Versprechen: sich nicht einschüchtern zu lassen von der eigentlich überwältigenden Übermacht der Großkonzerne, sondern beharrlich an den eigenen Vorstellungen von Qualität und Autonomie festzuhalten. Dabei sollten wir Verbraucher sie nicht allein lassen. ///

 

Filmtipp:
Die knapp einstündige TV-Doku „Die Saatgut-Retter“ (Erstausstrahlung März 2014 auf Arte) schildert ausführlich und anschaulich das Engagement deutscher und französischer Saatgut-Aktivisten, darunter auch die Bingenheimer Saatgut AG und verschiedene biologisch-dynamische Züchterinnen und Züchter.