Ein Signal, das aufhorchen lässt: Im Herzen des Finanzkapitalismus formiert sich Kritik am zerstörerischen Geldsystem unserer Zeit. Von arabischen und europäischen Vorbildern inspiriert zündete der Funke an der amerikanischen Wall Street, sprang auf Europa zurück und verbreitet zurzeit ein Lauffeuer des Protestes gegen Banken und Politik. Ein Blick auf den Ort, wo das alles begann. /

Von Antje Tönnis

Alles fing damit an, dass adbusters, eine kanadische Organisation, die sich dem culture jamming (dem Zurückerobern der Kultur) widmet, zu einem Protest an der Wall Street aufrief. Die Konsumkritiker regten an, für einige Zeit einfach die Wall Street zu besetzen. In ihrem Magazin adbusters hatten die KanadierInnen ein Poster mit den Prinzipien der spanischen Volksversammlungen abgedruckt, von deren Protesten im Mai 2011 sie inspiriert worden waren. Mehrere tausend Menschen kamen am ersten Tag zu einer Demonstration zusammen, vielleicht hundert von ihnen gingen nicht mehr nach Hause. Sie wollten mehr als eine kurze Demonstration. An diesem 17. September entstand ein Zeltlager und besteht seither weiter im Zuccotti Park in New York City, den die BesetzerInnen inzwischen in „Liberty Park“ umbenannt haben.

Worum geht es den AktivistInnen? Sie wollen die Banken zur Rechenschaft ziehen für die Situation in den USA, die von Massenarbeitslosigkeit, fehlenden Zukunftsperspektiven für junge Leute, einem überteuerten Studiensystem und schlechter gesundheitlicher Versorgung geprägt ist. Gleichzeitig gibt es die kleine Gruppe der „Superreichen“. Das große soziale Ungleichgewicht steht bei den Protesten im Vordergrund, und damit verbunden immer wieder die Frage, warum staatliches Geld für die Rettung der Banken da ist, aber kein Geld für Bildung, Gesundheit und gerechte Löhne. Auf ihrer Internetseite erläutern die adbusters, warum das globale Wirtschaftssystem immer fragwürdiger wird. Sie sprechen von einem kranken Schneeballsystem, das immer neue Investitionen braucht, um damit die Finanzwelt weiter am Leben zu halten. Letztere bewegt sich inzwischen vollkommen abgeschnitten von der Realwirtschaft: Die Summe der spekulativen Finanztransaktionen beläuft sich täglich auf 1,3 Billionen Dollar, was dem 50-Fachen der Summe aller realwirtschaftlichen Handelstransaktionen entspricht.

Noch gibt es kein wirkliches Programm der Protestler mit abgestimmten Forderungen. Aber es gibt die Einsicht, dass die konventionellen Lösungen, die von Seiten der Politik immer wieder vorgeschlagen werden und die das alte System lediglich ausbessern sollen, nicht richtig sind. Es macht sich das Gefühl breit, dass tiefergehende Veränderungen notwendig sind.

Inzwischen gibt es in fast allen großen US-amerikanischen Städten ähnliche Proteste und seit Mitte Oktober auch in anderen Ländern der Welt Demonstrationen und Besetzungen, die sich auf das „occupy“-Motto beziehen. In Deutschland ist insbesondere die Bankenmetropole Frankfurt am Main im Fokus.

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Dort gibt es sogar Unterstützung aus vielleicht unerwarteten Kreisen: Die örtliche Filiale der aus anthroposophischen Impulsen gegründeten GLS Bank hat den BesetzerInnen eine Duschmöglichkeit in den eigenen Räumen angeboten, die sich in der Nähe des Camps befinden. Die GLS-Angestellten wurden daraufhin gleich zum Mittagessen ins Camp eingeladen. Bankendialog geht also auch anders.

Es gibt viel Unterstützung der Protestierenden, aber auch Kritik. Vor allem ist zu hören und zu lesen, dass keine Lösungen angeboten werden. Ich sehe das umgekehrt: Eine Bewegung mit bereits fertigen Lösungen wäre unheimlich. Was alle Demonstrierenden eint, ist nicht nur der Ärger auf das „System“, sondern auch ein anderes Wertesystem, das sie zu leben bereit sind. Es geht darum, die Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen und nicht den Profit zum Gott zu erklären. Wenn man weiß, was man nicht mehr will, dann hat man schon mal einen guten Anfang gemacht.

Und die Kritik an Banken und dem Geldwesen insgesamt steht in guter Tradition. Rudolf Steiner, auf dessen Anregungen wichtige Impulse für ein ethisches Bankwesen zurückgehen, äußerte sich bereits 1918 in einem Vortrag eindeutig dazu: „Es gibt heute etwas höchst Unnatürliches in der sozialen Ordnung: Das besteht darin, dass das Geld sich vermehrt, wenn man es bloß hat. Man legt es auf eine Bank und bekommt Zinsen. Das ist das Unnatürlichste, was es geben kann, es ist eigentlich ein bloßer Unsinn. Man tut gar nichts, man legt sein Geld auf die Bank, das man vielleicht auch nicht erarbeitet, sondern ererbt hat, und bekommt Zinsen dafür. Das ist ein völliger Unsinn!“ (Vortrag in Dornach/Schweiz am 30. November 1918). Und ein Jahr später hoffte er für die Zukunft: „Es wird dasjenige, was heute dem Geld anhaftet – dass es Ware ist – das wird wegfallen. Dasjenige, was im Geldwesen vorliegen wird, wird nur eine Art wandelnde Buchführung sein über den Warentausch der dem Wirtschaftsgebiet angehörenden Menschen. Eine Art aufgeschriebenes Guthaben wird man haben in dem, was man als Geldunterlage hat. Und eine Abstreichen dieser Guthaben wird stattfinden, wenn man irgendetwas erlangt, was man zu seinem Bedarf braucht.” (GA 337a (13), S. 78-79). Keine Spekulation mehr mit Geld, sondern nur noch die Funktion als reales Zwischentauschmittel: Das könnte eine „occupy wall street“-Forderung sein.

Stark gekürzte Version eines Artikels aus der November-Ausgabe von Info3 – Anthroposophie im Dialog

Dr. Antje Tönnis ist Geografin und hat selbst mehrere Jahre in Nordamerika gelebt. Sie setzt sich seit langer Zeit mit den Zielen und Aktionsformen der adbusters in Vancouver auseinander und engagiert sich für die Themen Schenken und Gemeingüter.