Foto: Hüther privat

Foto: Hüther privat

„Ich wollte, dass meine Eltern mit mir zufrieden waren. In die Freude darüber, dass mir das gelegentlich gelang, mischte sich nun aber die Angst, ihre Zuneigung und damit die Geborgenheit und Sicherheit, die Verbundenheit mit ihnen zu verlieren, wenn das, was ich entdeckt oder zustande gebracht hatte, nicht ihren Erwartungen entsprach.“ Diesen Einblick in seine eigene Kindheit gibt der bekannte Hirnforscher Gerald Hüther in seinem neuen Buch Etwas mehr Hirn, bitte. Es handelt von den Vorstellungen, die wir und andere von uns haben. Und es handelt von der Angst, dem Preis für unser lernfähiges Gehirn, die uns zu immer neuen Erkenntnissen anstachelt. „Ihr lässt sich nur durch die Aneignung von Wissen und Können begegnen (…) innerhalb einer Sicherheit bietenden, vertrauensstiftenden Gemeinschaft“, lesen wir in dem Buch.

So wie wir die Angst als Signalfunktion benötigen, brauchen wir auch die Vorstellungen. Wir Menschen seien die einzigen Wesen, „die in der Lage sind, sich etwas in Gedanken durchzuspielen und vorzustellen“, erläutert Gerald Hüther gegenüber Info3 im Gespräch. Nur seien nicht alle Vorstellungen, die wir entwickelt haben, für alle Zeiten hilfreich. Zeitweise fördere etwa der Wettbewerb Einzelleistungen, die ohne ihn nicht erzielt werden können. Das bedeute aber nicht, dass Weiterentwicklung nur da stattfinde, wo der Wettbewerb hinreichend stark sei. „Da sind wir dann in eine Falle gelaufen,“ meint Hüther. Unsere Vorstellung sei zur Ideologie geworden. Und wie wir alle wissen, durchziehe der Wettbewerb heute sämtliche Lebensbereiche. „Fachidioten und Leistungssportler kriegen Sie, wenn Sie den Wettbewerb führen“, bringt es Hüther im Gespräch auf den Punkt, „aber komplexe Persönlichkeiten, Menschen, die mit anderen gemeinschaftlich in Teams nach neuen Lösungen suchen, die kriegen Sie mit Wettbewerb nicht.“

 

Handbuch für Gesellschaftsveränderung

Also ist Etwas mehr Hirn, bitte auch ein Handbuch zur Gesellschaftsveränderung. Ohne dass der Hirnforscher und Neurobiologe es geplant habe, sei es in dessen Sabbatjahr entstanden, das er sich 2014 nahm, um mal wieder einigen Fragen auf den Grund zu gehen, anstatt nur „oben herumzuschwimmen“. Hüther beschreibt die Verfestigung der Vorstellungen, wie sie im Kindesalter ablaufen. Nicht nur die Eltern, die Erzieherinnen im Kindergarten, die Lehrer und Mitschüler, die nicht mehr so begeistert davon seien, was das Kind sich alles ausdenke, seien das Prägende. Vielmehr geschehe etwas im Gehirn, wo sich die Wahrnehmungen und Erfahrungen zu Vorstellungen verdichten: „Dort oben, in ihrem Kopf, bilden sie ganz von selbst immer wieder Hypothesen darüber, wie das alles einzuordnen und zu bewerten ist“, schreibt Gerald Hüther. „Und wenn diese Vorstellungen dann einigermaßen zu dem passen, was sie erleben, werden die dabei aktivierten Verschaltungsmuster immer fester und stabiler, bis sie irgendwann so stark gebahnt sind, dass sich das eigene Denken nicht mehr von diesen Vorstellungen lösen lässt.“

Dies sei der Nährboden, der uns die Lust am Denken unterminiere. Kinder meinen, dumm zu sein, zu stören oder dass es auf ihre Ideen nicht ankäme. Sie können sich selbst nicht mehr leiden. „Genau mit diesen giftigen Vorstellungen laufen wir alle herum.“  Das sei die gegenwärtige Kultur, die uns beibringe, die Rolle zu spielen, die wir ganz am Anfang aufgegriffen haben – ob als Therapeut, als Vorgesetzter, als Lehrer oder armes Opfer.

 

Vorstellungen überwinden

Das alles müssen wir überwinden, meint Gerald Hüther. Indem wir Gemeinschaften bilden, „in denen Menschen lernen, wie schön das ist, wenn sie einander nicht wie Objekte behandeln und nicht ihre jeweiligen Rollen spielen, sondern indem sie einander begegnen als Subjekte, indem sie einander einladen, ermutigen und inspirieren, endlich das zu erleben, was Menschsein sein kann“.

Solche Gemeinschaften können wir aber nicht in Dimensionen von Staaten oder riesigen Kulturkreisen bilden, sondern als Gemeinschaften von höchstens fünf bis 30 Menschen. „Potentialentfaltungsgemeinschaften“ nennt sie der Autor. Wenn es davon einmal immer mehr gibt, werden sie sich miteinander vernetzen und helfen, unsere bisherige Beziehungskultur über das praktische Erleben jener anderen Kultur in kleine Gemeinschaften zu transformieren, ist er sich sicher.

Also ist Gerald Hüther vom Schreibtisch hinaus in die Praxis getreten, um die Akademie für Potentialentfaltung zu gründen. Menschen, die in einer Gemeinschaft mit anderen leben, arbeiten oder lernen und die das Gefühl haben, dass die Gemeinschaft nicht so ist, wie sie sich das vorstellen, sich aber zutrauen, etwas zu ändern, können sich bei der Akademie melden und werden dann begleitet. Und zwar so, dass sie den Prozess der Umgestaltung der Beziehungskultur in ihrer betreffenden Gemeinschaft selbst organisieren. Es kommt kein Fremder herein, sondern es wird aus der Gemeinschaft heraus entwickelt und nur dann, wenn sie es will. Und wie sie es machen will, das soll sie selbst erfinden dürfen. „Das ist alles ein bisschen anders als das, was wir bisher kennen“, fasst es Gerald Hüther zusammen.

Die entscheidende Frage für ihn lautet: Wie werden wir glücklich? Und die werde von den meisten immer noch so behandelt, als käme es nur auf sie selbst an. „Doch in diesem Buch und in den neueren Erkenntnissen, die ich aus der Hirnforschung ableite, wird deutlich, dass das so nicht geht. Man kann nicht alleine glücklich werden und schon gar nicht auf Kosten anderer“, sagt Gerald Hüther.

Der Gedanke der gemeinsamen Potentialentfaltung ist bestechend. Doch wie soll vermieden werden, dass einzelne, nicht so leicht konsumierbare Gedanken nicht sehr schnell abgeschmettert werden? Auch fragten wir Gerald Hüther, ob er nicht etwas Angst davor habe, ein Guru zu werden. Dies, so meint er, weiß er schon länger zu vermeiden. „Ich möchte weder andere Menschen als Objekte meiner Belehrungen benutzen, noch möchte ich selbst zum Objekt der Bewunderung durch andere werden.“

Deshalb arbeite die Potentialentfaltungsakademie als gemeinnützige Genossenschaft. Sie besteht aus einer zentralen Koordinationsstelle in Göttingen und soll schrittweise durch den Aufbau regionaler Außenstellen im deutschsprachigen Raum erweitert werden. Jeder kann Mitglied werden und das unterstützen, was die Genossenschaft gemeinsam will.

Fazit: Ein Buch, das wahrhaft den Horizont öffnet. Was alles schief läuft, vom Kindergarten und von der Schule an, und wie die Kräfte in uns wieder erlöst werden können – darüber gibt es reichlich Stoff zum Nachdenken. ///

Ronald Richter ist kultradio.eu.

Gerald Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte: Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten. Vandenhoeck & Ruprecht 2015, 187 Seiten, Hardcover, € 19,99