Von Frank H Pospischil

Wir wurden dazu sozialisiert, unter Evolution „die Entstehung der Arten“ zu denken. Das war es, was Darwin verstehen wollte, und so hat er auch sein Buch genannt. Darwin hat also in gewisser Weise das gefunden, was er finden wollte. – Ein völlig normaler Vorgang in der Wissenschaft. Man beantwortet in der Regel nur die Fragen, die man sich zuvor auch gestellt hat.

Die Frage nach der Entstehung der Arten dreht sich sehr um die Differenzierung, Veränderung und Anpassung von Lebewesen, nicht um die grundsätzlichere Frage, warum überhaupt Leben entstanden ist. Darwins korrekte Ausgangsvermutung war, dass heutige Arten aus früheren, vorangegangenen Arten entstanden sind.

Bitte führen Sie sich an dieser Stelle nochmals die folgenden Mega-Schritte der Evolution vor Augen, die über das übliche Verständnis der Entstehung von neuen Arten weit hinausgehen:

 

 

  1. Wie konnte sich überhaupt Materie in Leben verwandeln?
  2. Wie konnten aus Bakterien (die es ja heute auch noch in allen möglichen Formen an allen Orten gibt) lebende Zellen werden?
  3. Wie wurden aus lebenden Zellen ausgeformte Tiere?
  4. Und wie konnte dann Bewusstsein entstehen, das sich selbst erfährt – in uns Menschen?

Diese vier Fragen sind Beispiele für gigantische Sprünge in der Evolution. Jeder Einzelne von ihnen ist viel größer als etwa der biologische Übergang vom Affen zum Menschen, bei dem die wissenschaftlich bestätigte Gen-Identität beider Arten bei durchaus erstaunlichen mehr als 98 Prozent liegt. Es soll hier auch gar nicht darum gehen, ob man heute auf einige dieser Fragen schon befriedigende Antworten gefunden hat und sie eventuell erklären kann. Worum es geht, ist die Einsicht:

Hinterher gab es immer eine dicke Überraschung!

Bei allen diesen vier Beispielen der Evolution entstand hinterher etwas ganz anderes, als das, was man vorher hätte erwarten können, als das, was das Ausgangsmaterial hergab. Es gab einen Output, den man aus dem, was vorher als Input da war, überhaupt nicht hätte erwarten oder prognostizieren können.

Die Evolution produziert Überraschungen!

Die Evolution produziert nicht nur eine neue Version und Ausdifferenzierung dessen, was schon da ist (wie etwa die unterschiedlichen Finken bei Darwin), sondern völlig überraschende Ergebnisse. Das ist an dieser Stelle noch einmal wichtig zu betonen, weil man sonst durch den Gedanken der „Entstehung der Arten“ (verschiedener biologischer Arten) zu sehr auf ein Denken innerhalb einer bestimmten Kategorie festgelegt ist: Das Neue sei nur eine weitere physisch ausdifferenzierte Variante von Lebewesen – was es nicht ist, oder nicht sein muss, wie wir oben gesehen haben. Evolution kann auch das Grundsätzlich-Andere, Grundsätzlich-Neue hervorbringen und hat dies schon oft getan. Leben statt toter Materie, Innerlichkeit und Seele statt bloßer Vegetation, selbstreflektierendes Bewusstsein statt bloßer Empfindung.

Diesen Gedanken brauchen wir jetzt, um zu verstehen, dass ein heutiges Voranschreiten, ein Weitergehen der Evolution von der Basis „Mensch“ (Homo sapiens) aus, keine neue äußerliche Artenvariation sein wird. Das nächste Level der Evolution ist keine neue biologische Form!

Die Entwicklung geht stattdessen in uns und zwischen uns weiter. Im sozialen und kulturellen Bereich, als ein neues soziales und kulturelles Level. Das heißt, es geht um einen inneren Entwicklungsprozess des einzelnen Menschen, der gleichzeitig die Gemeinschaft betrifft. Dieser Entwicklungsschritt verändert etwas von dem, was in uns und zwischen uns an Bewusstsein stattfinden kann. Insofern handelt es sich sowohl um einen individuellen als auch um einen sozio-kulturellen, menschheitlichen Entwicklungsschritt.

Trotz allem Kampf und Chaos in der Welt lebt heute eine ebenso große Sehnsucht nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit und menschlicher Verbindung in uns. Das ist zum Beispiel überdeutlich zu erkennen an den kommerzialisierten Vernetzungs-Angeboten, die uns die moderne Informations- und Kommunikationstechnik zur Verfügung stellt. Es gibt zu Social-Media und den Blüten, die sie hervorbringt, sicher auch berechtigte kritische Stimmen. Aber klar ist, dass die milliardenfache Annahme eines technikbasierten, mobilen Jederzeit-Verbindungs-Angebots ein tiefes zugrundliegendes Bedürfnis bedient, sonst könnten diese Angebote nicht so erfolgreich sein. Die heutige Internet und App-Ausprägung ist vermutlich ein wichtiger Schritt im Prozess hin zu dem neuen Level und sicher auch ein Beitrag dazu, dass die Evolution weiter voranschreiten kann. Sie bildet als äußere Technikbasis eine Vorstufe und die Vorbereitung für einen inneren, einen psychischen und gesellschaftlich-kulturellen Evolutionsschritt.

Selbstreflexives Bewusstsein als erste Version

Mit dem Auftreten unseres menschlichen Vermögens zur individuellen Selbstreflexion (beim Homo sapiens) und seiner späteren Überfokussierung auf das „Ich“ wurde der Sinn für das Ganze verdrängt und ging uns weitgehend verloren. Im kommenden Update ist kollektives Bewusstsein gleichsam vor-installiert. Wir bekommen ein besseres, gesteigertes Gefühl dafür, wer wir sind und was es für uns als Gesamtheit bedeutet.

Die Evolution sorgt für sich selbst: Nachdem die Menschheit die vielfache individuelle Erfahrung eines unvollständigen, unausgewogenen, teilweise übersteigert-selbstreflexiven (egoistischen) Bewusstseins (samt ihrer Auswirkungen) jetzt lange genug machen konnte, sichert die Evolution ihre eigene Nachhaltigkeit mit einer Kurskorrektur in Form eines weiterer Schritts, sodass uns dann beides zur Verfügung steht: Unser bekanntes Selbstbewusstsein und ein neues, zusätzlich gemeinschaftsreflexives, verbundenes Bewusstsein.

Indizien dafür gibt es viele – auf wirtschaftlicher, politischer und ökologischer Ebene:

In der Wirtschaft ist es etwa die sogenannte Share-Ökonomie, in der das Prinzip des persönlichen Besitzes zurücktritt vor dem neuen Prinzip der gemeinsamen Nutzung. Das gilt beispielsweise für Autos, früher das Status-Symbol schlechthin, das heute von immer mehr Menschen einfach nur noch geteilt wird, wenn man es wirklich braucht. Beim Couch-Surfing, das sich unter Jugendlichen großer Beliebtheit erfreut, lässt man Fremde kostenlos in die eigene Wohnung. Etwas professioneller, aber ebenso gemeinschaftsorientiert verändern verschiedene Mitwohn-Plattformen unser Verständnis der „eigenen vier Wände“. Ein noch kleiner, aber zukunftsweisender Impuls ist die Community-supported Agriculture (CSA): Dabei kooperieren Landwirte, die immer mehr durch den Preisdruck industrieller Landwirtschaft vom Aussterben bedroht sind, direkt mit Kunden, die durch das Eingehen einer verbindlichen Beziehung zu einem Hof dessen Produkte abnehmen und so sein Überleben sichern.

Ein neues verbundenes Bewusstsein zeigt sich auch in der Politik: Hier wird es zunehmend unmöglich, alleine für sich zu handeln. In immer mehr Bereichen können Nationalstaaten für sich alleine gar keine Entscheidungen und Regelungen mehr treffen, die funktionieren. Die Finanzkrise ging von einzelnen Ländern und Akteuren aus, erfasste aber fast alle Staaten. Die Welt wird immer stärker ineinander verflochten, und das geht weit über eine nur wirtschaftliche oder durch das Internet geschaffene Online-Verflechtung hinaus. Entscheidungen an einer Stelle haben Konsequenzen an vielen anderen Stellen, die außerhalb nationalstaatlicher Landesgrenzen liegen. Das wird uns und den Staaten gerade immer deutlicher bewusst, und zwar deshalb, weil die Folgen unseres Handelns immer unübersehbarer werden und die zum Teil beunruhigenden Auswirkungen uns immer stärker treffen: Wassernotstand, Rohstoffknappheit, Kriege und daraus resultierende Flüchtlingsströme, Klimaflüchtlinge, unbewohnbar werdende Landstriche, Internationale Wirtschafts- und Finanzkrisen, Religionskonflikte und Terrorismus – die Reihe ist endlos und wird täglich durch neue Nachrichten erweitert.

Letztlich läuft die Betrachtung unserer heutigen Welt mit ihren enormen Herausforderungen darauf hinaus, dass wir immer deutlicher erkennbar eine Schicksalsgemeinschaft bilden. Als Menschheit sind wir von dem, was passiert, alle betroffen, und wir werden es entweder zusammen schaffen oder gar nicht. Die Menschheit ist eins … Wir sind startklar für den nächsten Schritt der Evolution und Entwicklung!

Autor Frank H Pospischil freut sich über Einladungen, um seine Ideen persönlich zu diskutieren unter f.pospischil@gmail.com

Frank H. Pospischil

wurde 1966 in Frankfurt geboren und hat Wirtschaft und Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen studiert. Er war lange in verantwortlicher Position bei verschiedenen Wirtschaftsunternehmen tätig und arbeitet zurzeit regelmäßig in Nigeria mit jungen Erwachsenen, die dort eine Berufsausbildung in Kooperation mit deutschen Verbänden erhalten.

 

 

 

Gekürzter Teilabdruck aus: Frank H Pospischil: Nu-Level. Die grenzenlose Erfolgsgeschichte der Evolution – und wie es jetzt für uns weitergeht. Info3 Verlag Frankfurt am Main 2017, 160 Seiten, Klappenbroschur, € 18,-. Hier direkt beim Verlag oder in jeder Buchhandlung bestellbar.