Man muss sich der Anthroposophie erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft. „Endstation Dornach“, der über 350 Seiten umfassende Gesprächsband der Herren Christian Grauer, Felix Hau, Christoph Kühn und Ansgar Martins ist ein wahnwitziges Unterfangen. Es stellt den tollkühnen Versuch dar, sich dem Ideenkosmos von Rudolf Steiner erlebend zu stellen – und die Gefahr der Knechtschaft zu vermeiden. Grauer & Co., die „vier Evangelisten“ der „Endstation“ (mit dem Untertitel „das sechste Evangelium“ nehmen Sie auf eine Reihe von Christus-Vorträgen Bezug, die Steiner unter dem Titel „Das Fünfte Evangelium“ hielt) wenden dabei einen Kunstgriff an, den schon der legendäre Zen-Patriarch Lin-chi im 9. Jahrhundert seinen Schülern mit auf den Weg gab: „Wenn ihr den Buddha unterwegs trefft – tötet den Buddha!“ Gemeint war mit dieser drastischen Aufforderung natürlich nicht, sich gegen den Buddha zu stellen. Vielmehr handelte es sich um eine Warnung davor, Buddhas Vorstellungen und Konzepte, seine Lehren und sein Weltbild ungeprüft zu übernehmen – und sich damit unter die Knechtschaft einer Ideologie zu begeben. Das Wahrspruchwort des Lin-chi gilt selbstverständlich nicht nur für den Buddha, sondern für alle spirituellen Lehrer und Lehren einschließlich Rudolf Steiner. Die unkritische Übernahme von philosophischen, spirituellen oder religiösen Ideen und Bildern ist ein Hindernis auf dem Weg zur Selbsterkenntnis und -verwirklichung. Noch niemals wurde jemand erleuchtet, weil er eine bestimmte Lehre angenommen hat. Erleuchtung ist das, was bleibt, wenn man Lehrer und Lehren hinter sich gelassen hat – oder zumindest bis zu ihrer Essenz vorgedrungen und nicht länger auf die äußere Form angewiesen ist.

Die vier Autoren der „Endstation Dornach“ machen von dieser „spirituellen Lizenz zum Töten“ weidlich Gebrauch. Ob dabei Etikette, Ton und Takt immer richtig getroffen werden, darüber mag man ja streiten. Aber auch ein Zen-Koan wie der von Lin-chi ist schließlich nichts für jedermann. Berechtigt ist das Anliegen der vier  jedenfalls. Denn in Rudolf Steiners breit angelegtem Werk finden sich philosophische, religiöse, naturwissenschaftliche, künstlerische und medizinische Ideen von solchen Dimensionen, dass man fast unweigerlich unter ihre Knechtschaft gerät, wenn man keine bewussten Gegenmaßnahmen ergreift. Diese können in Form einer „seelischen Notwehr“ mitunter recht drastische Züge annehmen und gar in ein Massaker ausarten. „Endstation Dornach“ ist ein Beispiel für eine solche Gewaltkur. Die „vier Evangelisten“ schießen nämlich nicht nur neckische Elementarwesen und adrette Zwergenpüppchen, wie man sie aus dem Waldorf-Kindergarten kennt, ab, lästern nicht nur über die „abben Ecken“ und die lasierten Zimmerwände in anthroposophischen Wohnstätten, wie das heute auch in aufgeklärten Anthro-Kreisen schon gang und gäbe ist. Nein, die Herren sind auf Großwildjagd. Und so müssen auch zentrale Elemente der christlichen Überlieferung, wie sie in manchen anthroposophischen Kreisen gepflegt wird, dran glauben. Dieses Gemetzel wird mit den Mitteln der Satire und dem Übermut vollzogen, der sich fast unweigerlich einstellt, wenn vier trinkfeste ehemalige Waldorfschüler unverhofft die Gelegenheit erhalten, sich in einem Schlösschen in Südfrankreich zum feucht-fröhlichen Läster-Marathon zu treffen, ihre Waldorferlebnisse auswerten und festzustellen, dass die Anthroposophie doch eine tolle Sache wäre – gäbe es da nicht die blöden Anthroposophen mit ihrem Dogmatismus und sektenhaften Gehabe. In dem alten Gemäuer im Land der Katharer und Tempelritter, dessen Boden mit dem Blut mittelalterlicher Glaubenskriege getränkt ist, entledigt sich die ketzerische Viererbande unzähliger anthroposophischen Verschrobenheiten und Mythologeme mit einer postmodernen Beiläufigkeit, wie ich sie sonst nur aus einem Quentin-Tarantino-Film kenne, in sich dem sich zwei Auftragskiller intensiv über so profunde Themen wie Fußmassagen und die Gewichtsmaße von Hamburgern unterhalten, ohne sich dadurch auch nur im geringsten von ihrem blutigen Geschäft abhalten zu lassen. Das ist zwar cool, setzt aber einen speziellen Sinn für Humor voraus, der nicht überall vorausgesetzt werden kann. Auf zarte Gemüter muss das Gemeinschaftswerk ähnlich wirken wie die aufgesägten und in Formalin eingelegten Wirbeltiere von Damien Hirst, einem der wichtigsten Künstler der Gegenwart, auf mich als Tierfreund und Vegetarier.

Dennoch berechtigt eine solche Befangenheit nicht, ignorant darüber hinweg zu gehen. Apropos Vegetarismus: In einem fort wird gegessen (durchaus nicht nur vegetarisch), getrunken und geraucht – mit Vorliebe Edelzigaretten der Marke Nil. Letzteres ist ebenso ungesund wie dandyhaft – und passt gerade deswegen so gut ins provokative Konzept dieses philosophischen Quartetts der besonderen Art. Die nonkonformistische Bohème zeigt Geschmack und ist allein schon dadurch dem angepassten Rest der Szene um Kulturepochen voraus, auch wenn sie in ihrem nicht mehr ganz jugendlichen Leichtsinn dafür in Kauf nimmt, frühzeitig an Lungenkrebs oder Arteriosklerose zu sterben.

„Endstation Dornach“ – der Titel des Buches ist mit Bedacht gewählt. Denn Dornach ist in einem doppelten Sinne Endstation. Zum einen ist das Schweizer Örtchen im Kanton Solothurn Endstation der Basler Tramlinie 10. Zum anderen beheimatet das provinzielle Nest das Goetheanum und damit das Weltzentrum der Anthroposophischen Bewegung. Dieses Zentrum mit seinen Institutionen und ist in gewisser Weise auch eine Endstation – zur Form gewordene Idee, die einst der Innenwelt eines Menschen namens Steiner angehörte und aus ihm herausgesetzt zur äußeren Form geronnen ist. Die Autoren des Buches erleben diese Form als „Tod der Idee“. Sie scheinen unter einer Anthroposophie zu leiden, die nicht mehr lebt, sondern zur Masche, zur Konvention, zum ästhetischen Kanon geworden zu sein scheint, mit dessen spießbürgerlicher Biederkeit und Enge sie sich als ehemalige Waldorfschüler und Sprösslinge von Anthroposophen-Familien vielleicht von Kindheit an auseinandersetzen mussten. Einer Anthroposophie, die heute zudem in einer tiefen Krise zu steckt, nicht nur, weil ihren Institutionen das Geld ausgeht, sondern weil sich die Szene über Jahrzehnte gegen neue Ideen und neue Menschen abgeschottet hat. Angetrieben werden die Evangelisten der „Endstation“ von einer inneren Verbundenheit mit Steiner, vor allem mit dem jungen, von Nietzsche begeisterten, individualanarchistischen Autor der „Philosophie der Freiheit“.

Vor dieser Verbundenheit habe ich Respekt und bewundere die Radikalität und Hartnäckigkeit, mit der die vier Freunde vorgehen, sehe aber auch die Gefahren des Fanatismus, der mit einer negativen Fixierung einher gehen kann – auch eine Art von Knechtschaft. Ich habe Menschen gekannt, die haben sich über solche Auswüchse, wie die von Grauer, Hau, Kühn und Martins beschriebenen, buchstäblich zu Tode geärgert. Die spöttische Distanz und der fröhliche Hedonismus, den die  Endstations-Evangelisten an den Tag legen, hätte sie vielleicht vor dem Schlimmsten bewahrt. Satire als letzter Ausweg. Doch, ich glaube die humorlose Szene hat dieses Buch nötig. Klare Kaufempfehlung für alle einsamen Wanderer, denen die konventionelle, konfessionelle Anthroposophie den Verstand zu rauben droht.

 

Endstation Dornach. Das sechste Evangelium von Christian Grauer, Felix Hau, Christoph Kühn und Ansgar Martins, Rinteln 2011. Hier bestellen.