Schon die Örtlichkeit war eine Ansage: In prominenter Lage zwischen Brandenburger Tor und Hotel Adlon am Pariser Platz bot das von Star-Architekt Frank Gehry gebaute Axica-Kongresszentrum einen beeindruckenden Rahmen für eine Veranstaltung, die man noch vor wenigen Jahren kaum an diesem Ort vermutet hätte. Eingeladen nach Berlin hatte die „Global Alliance for Banking on Values“ (GABV). Diese Dach-Organisation ethisch orientierter Geldinstitute hat inzwischen 22 Mitglieder in aller Welt, in Deutschland ist die Bochumer GLS neben der Triodos Bank das bekannteste. Und wenn auch die vereinigte Bilanzsumme der GABV winzig erscheint im Vergleich zu den „Global Players“, unterstrich die unter imposanten Glaskuppeln inszenierte Veranstaltung doch den Anspruch, in der gegenwärtigen Krise auf reale Alternativen zum herrschenden Finanzsystem verweisen zu können – Alternativen, die auch bei wichtigen Verantwortungsträgern inzwischen ernster genommen werden.

Lammert für Re-Regulierung

Das begann gleich mit Bundestagspräsident Norbert Lammert, der für sein Grußwort praktischerweise zu Fuß vom Reichstag herüberkommen konnte. Der streitbare Politiker, übrigens ebenso wie die gastgebende GLS Bank von Hause aus Bochumer, führte in gewohnt rhetorisch versierter Weise die seit den 90er Jahren wachsende Schräglage der Weltwirtschaft vor, in der die spekulative Finanzwirtschaft inzwischen rund zehnmal mehr Volumen ausmacht als die Realwirtschaft. Das flammende Plädoyer des CDU-Manns Lammert für eine Re-Regulierung der Finanzmärkte dürfte viele überrascht haben.

Ökonomische Glaubenssätze hinterfragen

Ebenso unterhaltsam wie geistreich stellte der Ökonom und Philosoph Tomáš Sedláček („Die Ökonomie von Gut und Böse“) die ideologischen Werte-Voraussetzungen der heutigen Wirtschaft heraus. Die Ökonomie gebe zwar vor, ethisch neutral zu sein, maße sich aber sehr wohl an, Werte wie Erfolg, Wachstum und Profit unhinterfragt festzusetzen. Wirtschaft habe daher heute eher den Charakter einer Religion, die den Menschen sagt, was richtig und falsch ist und ihnen Gebote gibt, etwa die Devise „Maximiere deinen Einsatz“. Die Ausführungen des tschechischen Denkers über die Rolle von Mythen in der Wirtschaft und sein Vergleich der Wirkung von Zinsen mit Alkohol wurden vom Publikum mit dankbarer Heiterkeit aufgenommen. Sedláček hielt sich mit grundlegender Kritik an der Ökonomie zurück, rief jedoch dazu auf, zentrale Gaubenssätze wie die Heiligkeit der Märkte zu hinterfragen und den Werten ihre Bedeutung zurückzugeben. „Es gibt kein Banking ohne Werte, denn ohne Werte könnten Sie niemandem Geld leihen“, sagte Sedláček in der anschließenden Diskussion.

Vom Ego- zum Eco-System

Einen mehr systemischen Blick auf die gegenwärtige globale Krise warf Otto Scharmer, der als weltweit tätiger Berater und Erfinder der „U-Theorie“ einen Weg von der Evolution des Bewusstseins zur Transformation zentraler gesellschaftlicher Bereiche sucht. Wir produzieren heute kollektiv Ergebnisse, die subjektiv niemand gut findet, analysierte Scharmer die Lage. Durch alle sozialen Felder von der Politik über Gesundheits- und Bildungssystem bis zur Wirtschaft müsse sich ein Wandel „vom Ego-Bewusstsein zum Eco-Bewusstsein“ vollziehen. Ein Weg, der den Geist, das Herz und den Willen öffnet, um den engen Geltungsbereich des Ego zu weiten und Raum zu schaffen im eigenen Selbst, damit dort mehr erscheinen kann als nur das eigene Selbst. Dazu brauche es den Mut, Altes loszulassen und das Neue einzuladen, das wir noch gar nicht genau kennen. Was differenzierte Analyse, gedankliche Kreativität und soziale Visionskraft angeht, konnte Scharmer in Form zahlreicher Charts bereits eine beeindruckende Landkarte des nötigen gesellschaftlichen Wandels zeichnen. So wird es etwa beim Begriff „Arbeit“ für Scharmer in Zukunft stärker um persönliches Unternehmertum statt um Beschäftigung gehen; der konventionelle Begriff von Geld als Wertäquivalent wird abgelöst werden vom Verständnis von Geld als kreativem Kapital. Scharmer warb außerdem für Gemeingüter-orientierte Nutzungsrechte und andere Übungsfelder von gemeinschaftsorientiertem Handeln, gerade auch in der Wirtschaft.

Frauen verändern die Basis

Praktische Einblicke in Projekte sozialen Wandels bot die Sozialunternehmerin Wendy Luhabe. In ihrer Heimat Südafrika gründete sie Finanzierungsfonds, die speziell unternehmerische Tätigkeiten für Frauen ermöglichen und mithilfe von Solarenergie Familien Zugang zu Elektrizität und infektionsfreiem Brauchwasser schaffen. Die ökonomische Rolle der Frauen sei insgesamt erst in den Anfängen, so Wendy Luhabe. Sie gingen anders, sorgsamer und verlässlicher, mit Geld um. „Wenn wir die Probleme dieser Welt lösen wollen, müssen die Frauen dabei sein, nicht um die Macht zu übernehmen, sondern um ihr besonderes Potenzial einzubringen“, erklärte die Reformerin, die sich in ihren Ausführungen unter anderem auch auf den amerikanischen Visionär Charles Eisenstein und sein Buch „Sacred Economics“ berief. Das Stichwort von der Rolle der Frauen aufgreifend kritisierte eine Teilnehmerin in der anschließenden Diskussion, dass Frauen im Programm der Tagung allerdings deutlich unterrepräsentiert waren – ein Mangel, der auch die abrundende Podiums-Diskussion am Abend betraf.

Forderungen nach Transformation der Banken

Am Ende konnten Thomas Jorberg (GLS) und Peter Blom (Triodos) als Gastgeber trotzdem zufrieden sein. Den Kern ihrer Botschaft hatten sie zusammen mit den anderen wertorientierten Banken ihrer Allianz auch in einer „Berliner Erklärung“ zur Transformation des Finanzsystems zusammengefasst, die mit ihren Kernforderungen nach mehr Transparenz, nach ökosozialer Ausrichtung der Wirtschaft und einer Vielfalt von (auch kleineren und regionalen) Bankinstituten den Medien präsentiert wurde. Dabei scheint die zweite Anregung, die sozialen und ökologischen Folgen von Bankgeschäften anhand verbindlicher Indikatoren zu dokumentieren, am weitesten zu reichen: Sie erinnert ebenso an die derzeit trendigen Ideen einer „Gemeinwohl-Ökonomie“ wie auch an die auf Steiner zurückgehenden, gesamtgesellschaftlichen Ursprungs-Impulse des alternativen Geldwesens. Was wohl die GLS-Urgesteine Wilhelm Ernst Barkhoff und die kürzlich verstorbene Gisela Reuter angesichts dieses Events gedacht hätten? Der Weg von der Bürgerinitiativen-ähnlichen Gründung der GLS in den 60er Jahren zu solch einer ambitionierten Veranstaltung in Berlin war jedenfalls weit. Welche themensetzende Wirkung davon ausgehen kann, wird die Zukunft zeigen.