Dr. med. Christoph Meinecke: Beim Thema Einschulung genau hinschauen. Foto privat

Dr. med. Christoph Meinecke: Beim Thema Einschulung genau hinschauen. Foto privat

Kommunen und Länder rudern, was das Thema Früheinschulung angeht, zurück. Immer deutlicher zeigen Studien, wie etwa das Forschungsprojekt „Früheinschulung und veränderte Kindheit“ von  Claudia McKeen und Rainer Patzlaff, dass zu frühe kognitive Ansprache und Förderung auf Kosten der körperlichen Entwicklung geht, bis hin zu einer niedrigeren Lebenserwartung. Waldorfpädagogen und anthroposophische Ärzte beurteilen die Schulreife von jeher im Horizont der Gesamtkonstitution des Kindes: Wo steht das Kind im Hinblick auf die Reifung seiner Lebenskräfte, die neben dem Wachstum auch Gesundheit und Lernen ermöglichen? Wie gut konnte es sich in seinem Körper und seinem Lebensumfeld beheimaten, sodass es sich nun interessiert der Welt zuwenden kann?  Wichtig ist Christoph Meinecke, stets aufmerksam abzuwägen, denn die Frage der Schulreife ist vor allem eines: individuell. Nicht durchweg sei in jedem Fall von einer frühen Einschulung abzuraten. Gleichwohl Früheinschulung die Gesundheit vieler Kinder nachhaltig schwächt und Späteinschulung gesundheitlich nie schadet, warnt der Arzt vor einseitiger Beurteilung und zu strenger Begrenzung; denn nicht nur Überforderung, auch Unterforderung kann zur Frustration des Kindes und zu Problemen in seinem Lebensumfeld führen. „In der Waldorfpädagogik haben wir es ja in diesem Alter manchmal durchaus auch mit dem Problem der Unterforderung zu tun.“ Deutlich wird an dieser Stelle, wie wichtig es ist, bei der Beurteilung der Schulreife den Gesamtzusammenhang zwischen der Wesensart des Kindes und seinem Umfeld im Blick zu behalten.

Frühes Aufstehen schadet

Anstelle von Verallgemeinerungen in die eine oder andere Richtung fordert Meinecke, genau hinzuschauen und realistisch zu urteilen: Denn häufig sind es eigene Vorstellungen der Eltern, die zu Stress führen und dadurch letztlich auch krank machen können. Dies gelte nicht selten gerade auch bei der Schulwahl. Müssen für den angestrebten Schulbesuch lange Anfahrtswege in Kauf genommen werden, rät der Arzt gerne zum Umdenken oder zu einem Umzug. Denn für die Kinder sei es schwierig, sich mit ihrer Schule in guter Verbindung zu fühlen, wenn diese fern ihres gewohnten Lebensumfeldes liege. Zudem erzeugt die tägliche Fahrerei für alle Familienmitglieder zusätzlichen Stress. Deshalb könne Waldorfpädagogik zu einem Teil vielleicht sogar besser umgesetzt werden, wenn das Kind die Regelschule im Kiez besuche, weil dann mehr Zeit bleibe für das Miteinander in der Familie und ein natürlicher Rahmen für die Entwicklung eigener Autonomieräume gegeben sei. Letztlich gehe es darum, die Fähigkeiten zur Selbstregulation anzuregen, eine individuell gestaltete, gesunde Mitte zu finden. Was kann in die gegebenen Beziehungen gut integriert werden?

Nicht allein die Früheinschulung ist erwiesenermaßen ein lebenslängliches Krankheitsrisiko, auch das frühe Aufstehen ist es. Die Datenlage sei mittlerweile erdrückend, sagt Christoph Meinecke: 30 bis 50 Prozent der Erstklässler gelten als Spätschläfer, unter den Jugendlichen sind es weitaus mehr. Für alle – auch für Lehrer und Eltern – sei  der Schulbeginn um acht Uhr morgens eher kontraproduktiv. Hier sieht der Arzt den Bund der Freien Waldorfschulen in der Pflicht. Längst schon hätte damit begonnen werden müssen, Konzepte zu entwickeln, die biologische Rhythmen in Bezug auf die Leistungsfähigkeit berücksichtigen und einen gesunden Tagesablauf für Kinder wie Erwachsene ermöglichen. Schließlich habe Steiner die Waldorfpädagogik nicht nur als eine kindgemäße Pädagogik begründet, sondern als Gesundungspädagogik.  Wenn Waldorfpädagogik heute diesem Anspruch gerecht werden wolle, sagt Meinecke, dann müsse schleunigst gehandelt werden.

Leistungsfreude anstelle von Leistungsdruck fördern

Nicht nur im Konfliktfall, auch unbewusst kann Stress entstehen, der sich auf das Kind überträgt. Da kann es um die eigenen Schulerfahrungen der Eltern gehen, Zukunftsängste oder den allgegenwärtigen gesellschaftlichen Leistungsdruck, der an die Kinder weitergereicht wird. Grundsätzlich, sagt Christoph Meinecke, habe jedes Kind Freude an seiner Leistungskompetenz, allzu schnell aber verwandle sich diese in die Qual, Anforderungen entsprechen zu müssen. Das gesellschaftliche Klima, Freude am eigenen Können zu bewahren und zu fördern, ist ungünstig. Obwohl das Jahrhundert des Kindes, das mit dem breiten Aufkommen einer „Pädagogik vom Kinde aus“ die Lebensbedingungen grundlegend ändern wollte, mittlerweile durchschritten ist, sind wir immer noch auf einen ungesunden Leistungsdruck geeicht. In dessen Zentrum steht die unheilvolle Partnerschaft von Idealen und Versagensängsten: Wer selten erfahren hat, dass seine Kompetenzen in sich selbst Bestand haben und entsprechend gewürdigt werden, für den ist Leistung eine Notwendigkeit, deren Ausbleiben Gefühle von Minderwertigkeit und eine feindselige Haltung gegenüber der Umwelt begünstigt. Die Fähigkeit zur Selbstregulation, der Umgang mit Frustration, eine friedliche Koexistenz der Menschen – so Meinecke – seien im Grunde sämtlich pädagogische Themen. Auch in der Waldorfpädagogik sieht er an dieser Stelle noch Entwicklungsbedarf: „Andersartigkeit als Bereicherung zu erleben, damit tun sich auch Waldorfschulen und Waldorfkindergärten nicht selten noch schwer.“

Neben seiner Arbeit im Klinikum hat Christoph Meinecke im Bezirk Berlin-Spandau ein Familienforum aufgebaut, das vor allem Angebote zur Frühprävention macht.  Hier werden Eltern auf die Geburt ihres Kindes und das Leben in der Familie vorbereitet. Prävention spielt in den Leistungskatalogen der Krankenkassen immer noch eine untergeordnete Rolle. Christoph Meinecke hat mit seinen Kollegen und Mitarbeitern ein Programm zur Stressprävention in Familien entwickelt, das von den Versicherungsträgern anerkannt ist: Vertrauensvolle Beziehungen sind der Anfang aller Kindergesundheit. ///

 

Ein Beitrag aus der September-Ausgabe von Info3 – Anthroposophie im Dialog. Kostenlose Probenummer hier.

 

Dr. med. Christoph Meinecke ist Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie verheiratet, fünf Kinder, eines davon frühverstorben. Er arbeitet in freier Praxis und in der Neugeborenenversorgung am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. Vortrags- und Seminartätigkeit  im In- und Ausland zu verschiedenen Themen der Frühen Kindheit, Prävention, Familien- und Kindergesundheit, Dozententätigkeit an verschiedenen Ausbildungsinstituten.