Ende März wurde bei der Weleda AG ein komplett neuer Verwaltungsrat (Aufsichtsrat) gewählt. Neuer Präsident ist Paul Mackay (Foto), der Georg Fankhauser ablöst. Den Hintergrund dieser Vorgänge bildet eine erschreckende Ertragslage bei dem traditionsreichen Unternehmen: Weleda weist bei (im Vergleich zum Vorjahr) nahezu gleichbleibendem Jahresumsatz 2011 weltweit einen Verlust von ca. 10 Millionen Schweizer Franken aus, was rund 8,4 Mio. Euro entspricht. Von Managementfehlern ist die Rede. Die beiden Hauptaktionäre, die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG) und die Ita Wegman Klinik, haben deshalb auf einer außerordentlichen Generalversammlung der Weleda AG vom 23. März den bisherigen Verwaltungsrat „gebeten“, das Feld zu räumen. Sanieren dürfen das leckgeschlagene Schiff jetzt andere. Neben Paul Mackay sind das Dr. Jürg Galliker, Dr. Andreas Jäschke, Dr. Harald Matthes und Elfi Seiler.

Als ich die Nachricht von Mackays neuer Aufgabe erfuhr, erfüllte sie mich mit Freude und Sorge zugleich. Mit Freude, weil nach der Ära Fankhauser endlich wieder Menschen an die Spitze des anthroposophischen Vorzeigeunternehmens getreten sind, die wissen, was Anthroposophie ist und die Quellen kennen, aus denen es lebt. Man darf somit eine Besinnung auf die Aufgaben der Weleda erwarten, die in den letzten Jahren vor lauter Bemühung, Weltmarktführer für natürliche Kosmetik zu werden, kaum mehr erkennbar waren. Wenn sich zugleich ein mulmiges Gefühl in mir breit macht, dann deshalb, weil die beiden genannten Hauptaktionäre jetzt unmittelbar die wichtigsten Stellen im Verwaltungsrat besetzen (Paul Mackay ist zugleich Vorstand der AAG, Andreas Jäschke Geschäftsführer der Ita Wegman Klinik). Ob da keine Begehrlichkeiten aufkommen? Die Weleda AG hat in den vergangenen Jahren, wenn überhaupt, dann nur sehr bescheidene Dividende ausgeschüttet. Die Hauptaktionäre Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft AAG (das Goetheanum) und die Wegman Klinik sind aber selbst auf erhebliche Geldzuflüsse angewiesen. Desweitern hat Mackay soeben die Sanierung der Goetheanum-Finanzen abgeschlossen und seine Fähigkeiten dort als Krisenmanager bewiesen. Annähernd 20 Prozent des Personals wurde entlassen, einem weiteren Teil die Arbeitsstunden (theoretisch) und das Gehalt (praktisch) gekürzt. Sieht die Belegschaft der Weleda nun ähnlichen Maßnahmen entgegen?

Hinzu kommt ein weiterer Stachel. Auf der Ende März zu Ende gegangenen Generalversammlung der AAG wurde anderthalb Stunden lang im fast vollen großen Saal des Goetheanum über die Geschicke der Weleda debattiert. Vorausgegangen war ein Beschluss der Generalversammlung vor einem Jahr, laut dem der Vorstand am Goetheanum beauftragt worden war, eine außerordentliche Mitgliederversammlung der AAG einzuberufen, die sich ausschließlich mit den Kapitaleigentumsfragen der Weleda beschäftigen sollte. Der Beschluss ist bisher schlicht nicht umgesetzt worden, weshalb die letztjährigen Antragsteller diesmal erneut um Gehör und Abstimmung kämpften. Die ursprüngliche Eigentumsfrage wurde allerdings von den aktuellen Ereignissen überlagert. Mackay und andere prominente Redner baten die anwesenden Mitglieder der AAG inständig darum, sich nicht weiter einzumischen, sprich: den vorliegenden Antrag von Andreas Worel und anderen abzulehnen, um in Ruhe die Sanierung und Neuorientierung der Weleda in Angriff nehmen zu können. Der Antrag von Worel fand zwar lebhafte Unterstützung, kam letztlich aber bei der Abstimmung nicht durch. Das ist aus Sicht der Weleda zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich gut so, es ist zugleich für die AAG eine verpasste Chance, ihr Verhältnis zum Aktienbesitz (und zur Bedeutung von Mehrheitsbeschlüssen!)  grundsätzlich zu klären. Der nicht-ausgeführte Beschluss von 2011 hat jedenfalls der Glaubwürdigkeit eines Vorstandes geschadet, der sich offenbar um rechtmäßige Beschlüsse seiner Mitglieder nicht schert.

Man soll aber nicht über seine Mitmenschen sprechen, sondern mit ihnen. Zumal, wenn es sich um Freunde handelt. Deshalb kleide ich meine wichtigste Botschaft von dieser Stelle an in die Form eines Briefes an den neuen Verwaltungsratspräsidenten. Sie, liebe Leserinnen und Leser, dürfen über meine Schultern mitlesen.

 Ratschlag vom Ufer

„Lieber Paul,

Du kennst das niederländische Sprichwort, das übersetzt in etwa heißt: ‚Die besten Steuerleute stehen am Ufer.’ Es besagt, dass die, die nur gaffen und keine Verantwortung tragen, leichtes Reden haben, wenn sie dem Kapitän Ratschläge zurufen. Ich brülle trotzdem. Deine – keineswegs beneidenswerte! – Aufgabe als Krisenmanager ist es, das leckgeschlagene Schiff der Weleda in ruhigere Gewässer zu manövrieren. Meine Aufgabe als Publizist aber liegt darin, die Geschehnisse zu kommentieren. Ich tue das nach der alten Manier der Gaffer am Ufer. Ich rufe Dir ungebeten ein paar Ratschläge zu.

1. Laut dem zuletzt veröffentlichten Geschäftsbericht 2010 beschäftigt die Weleda-Gruppe weltweit, umgerechnet auf Ganztagsstellen, 1.931 Menschen. Es wurden 115.818.000 Schweizer Franken für Mitarbeitereinkommen (ohne Sozialabgaben gerechnet) aufgewendet, umgerechnet ca. 97 Mio. Euro. Daraus ergibt sich ein durchschnittlicher Verdienst von brutto 50.000 Euro im Jahr oder 4.200 im Monat. Nun beschäftigt Weleda auf der einen Seite als anspruchsvolles Pharmaunternehmen mit Forschungsabteilung hochqualifizierte Mitarbeiter und auf der anderen Seite als Produktionsunternehmen mit eigenen Verpackungs- und Logistikabteilungen zahlreiche weniger qualifizierte Malocher. Man darf also annehmen, auch ohne Details zu kennen, dass ein starkes Gehaltsgefälle auch innerhalb der einzelnen Standorte vorherrscht, sagen wir zwischen 24.000 und weit über 100.000 Euro im Jahr. Kurzfristig wirst Du die Sachkosten kaum reduzieren können. Um wieder in die Gewinnzone zu kommen, schicken Sanierer in der Regel einen Teil des Personals in die Arbeitslosigkeit, bei Weleda müssten das etwa acht Prozent der Beschäftigten sein, um einen Verlust von 10 Mio. Franken auszugleichen. Du hast aber eine Alternative: Kürze für einen begrenzten Zeitraum von zwei bis drei Jahren die mittleren Gehälter ab zum Beispiel 50.000 Euro Jahresverdienst um fünf Prozent und die höheren ab 100.000 Euro um 10 bis 20  Prozent. Lasse aber das untere Drittel in Ruhe. Und garantiere im Gegenzug den Erhalt aller bisherigen Arbeitsplätze. So muss niemand um seine Existenz bangen. Wer im Jahr 100.000 verdient ist existentiell jedenfalls weniger bedroht, wenn er auf 10 Prozent verzichtet, als jemand der mit 24.000 Euro im Jahr auskommen muss. Und falls der eine oder andere eine Kürzung auf 90.000 Euro als unwürdig empfinden sollte – so lasse ihn ziehen. Du kannst sicher sein, dass sein Hauptmotiv nicht die Entwicklung des anthroposophischen medizinischen Impulses war.

2. Ein weiterer Vorschlag: Über die Gewinnverwendung (Ausschüttung von Dividende) entscheidet künftig nicht die Aktionärsversammlung, sondern eine Kommission, die paritätisch je zu einem Drittel aus Vertreter/innen der Mitarbeiterschaft, der Betriebsleitung und der Aktionäre zusammengesetzt ist. Künftige Begehrlichkeiten, auch in Deiner Seele als Goetheanum-Verantwortlicher, kannst du so im Zaum halten. Solange ohnehin noch kein Gewinn erwirtschaftet wird, tut eine grundsätzliche Übertragung dieser Befugnis auf die besagte Kommission nicht einmal weh… Führe deshalb einen entsprechenden Beschluss schon bei der nächsten Aktionärsversammlung herbei.

3. Baue möglichst schnell den Verwaltungswasserkopf mit seinen Machtallüren ab. Sogar ein bürokratisches Ungetüm wie die Europäische Union kennt zumindest theoretisch das Subsidiaritätsprinzip: Delegiere keine Entscheidungsbefugnisse nach oben, die auch auf einer „niederen“, das heißt in der Regel: realitätsnäheren Ebene beschlossen werden können. Warum soll das ein Unternehmen wie die Weleda, das aus dem Sozialimpuls der Anthroposophie entstanden ist, nicht auch praktisch können? Dort wo „übergeordnete“ Organe notwendig sind, sollen sie im Sinne der Selbstverwaltung aus der freien und freiwilligen Zusammenarbeit der autonomen Niederlassungen entstehen und legitimiert werden.

4. Säge an den Beinen Deines eigenen Stuhls! Deine Aufgabe kann nur eine vorübergehende sein. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum sich Geldgeber (die Aktionäre, die in diesem besonderen Fall nicht einmal das Geld gegeben, sondern bekommen haben!) sich als Auftraggeber verstehen sollten. Auftraggeber sind bei Weleda, organisch betrachtet, ausschließlich die Verbraucher und vor allem die Patienten. Du stehst zweifelsohne vor einer gewaltigen Aufgabe. Diese erschöpft sich jedoch nicht darin, das Unternehmen wieder in die Zone schwarzer Zahlen zu führen. Überzeugend kann Weleda ihre Mission nur erfüllen, wenn sie zugleich angemessene Sozial- und Eigentumsformen entwickelt. Das heißt auch: die Macht des Eigentums muss abgebaut, neutralisiert werden. Entmachte darum, nach getaner Arbeit, den Verwaltungsrat, dessen Präsident Du bist.

Ich wünsche Dir eine gute Fahrt!

Ganz herzlich,

Ramon, der am Ufer steht“