Neo Rauch: Bildrechte Nicola Graef

Von Rüdiger Sünner

 

Immer mehr Frauen drehen spannende Dokus über Künstler: nach den Filmen über Gerhard Richter und Peter Handke von Corinna Belz hat es jetzt die Regisseurin Nicola Graef geschafft, den scheuen Maler Neo Rauch vor die Kamera zu bekommen. Drei Jahre lang begleitete sie ihn im Atelier und auf Reisen zu Ausstellungen in alle Welt. Das Ergebnis ist eine stille und konzentrierte Studie über einen der interessantesten und geheimnisvollsten Künstler unserer Zeit. Ein sehr „deutscher“ Maler, wie selbst seine amerikanischen Sammler immer wieder betonen. Auch ich spürte dies während der Vorführung und fragte mich, wie ich persönlich dieses Wort füllen würde. Rauch wuchs bei seinen Großeltern im Harz auf, in Aschersleben, nachdem seine Eltern mit nur 19 und 21 Jahren bei einem Eisenbahnunfall ums Leben gekommen waren.

Und Worte wie „Harz“ und „Aschersleben“ wirkten während der Kinovorführung in mir weiter, als Elemente dieser „deutschen“ Malerei. Ostdeutsche Provinz in ihrer zum Teil beklemmenden Enge, aber auch ein zu Goethe zurückreichender „magischer Harz“, wie er etwa in der Walpurgisnacht des „Faust“ auftaucht. Seltsame Figuren bevölkern Rauchs Bilder, oft in Kostümen des 19. Jahrhunderts: Professoren, Lehrer, Soldaten, Erfinder, schräge Vögel, meist  verwickelt in undurchsichtige Angelegenheiten, die oft eine unterschwellige Gewalt ausstrahlen: eine „mystische Brutalität“, wie es ein Kurator nennt. Einerseits eine verstellte Welt, die Dunkelheit und Bedrohung ausstrahlt, andererseits aber auch spielerische und traumartige Elemente, die einen lange vor den Bildern festhalten. „Dient Ihre Kunst auch dazu, das Böse zu bannen“, fragt Nicola Graef den Maler einmal und er stimmt zu. Man kann sich vorstellen, was er als Kind alles gesehen, aber auch herbeigeträumt hat. Nicht zuletzt kreist seine Imagination viel um den tragisch verunglückten Vater, der auch ein hochbegabter Maler war. Führt Rauch da irgendetwas fort oder unterhält er sich gar im Medium der Malerei mit dem Toten? Solche intimen Fragen kommen gerade auch wegen der großen Behutsamkeit der Regisseurin auf, die sich dem schmallippigen Maler-Eremiten immer neu anzunähern versucht. Neo Rauch ist ein äußerst sympathischer, unprätentiöser Mann, der ohne  Assistenten in einer alten Spinnerei in Leipzig alleine arbeitet und seine großen Leinwände selbst hin- und herwuchtet. Nur seine Frau, die Malerin Rosa Loy, ist ab und zu dabei und darf kundige Tipps geben, die der inzwischen zum internationalen Star aufgestiegene Künstler dann auch ausführt. Wenn er in den hippen, lichtdurchfluteten und riesigen Galerien von New York mit Kuratoren eine Ausstellung vorbereitet, ist immer auch ein Stück „Harz“ mit dabei. Auch hier erleben wir einen uneitlen Grübler und wortkargen Märchenerzähler, der wie ein Nachfolger der Brüder Grimm wirkt – und der sich manchmal zu wundern scheint, in welch seltsame Welten es ihn verschlagen hat. Ein kontemplativer, inspirierender und tief beruhigender Film, der in diesen turbulenten Zeiten wie ein Stück wohltuende Medizin auf mich gewirkt hat.

 

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