Kritische Steiner Ausgabe

Die gute alte „GA“ bekommt Konkurrenz: Wer Steiner – insbesondere im wissenschaftlichen Kontext – zitiert, wird wohl künftig auf die „SKA“, die „Schriften Kritische Ausgabe“ aus dem renommierten philosophischen Fachverlag frommann-holzboog zurückgreifen. Die auf zunächst acht Bände angelegte (und in Kooperation mit dem Steiner Verlag  vertriebene) Werkausgabe soll die wichtigsten von Steiner selbst in Buchform herausgegebenen Titel enthalten, angefangen von seinen philosophischen Frühschriften bis hin zur Geheimwissenschaft von 1910. Acht Bände sind zunächst geplant, für die Herausgabe zeichnet Christian Clement von der Brigham Young Universität in Utah, USA, verantwortlich (Info3 brachte ein Interview mit dem Herausgeber).

Als Erstes sind nun als Band 5 zusammengefasst Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung sowie Das Christentum als mystische Tatsache erschienen – beides Werke, bei denen Steiner anlässlich von Neuausgaben teils wichtige Veränderungen vorgenommen hat. Diese Änderungen dokumentiert nun erstmals die SKA bis zum kleinsten Komma in einem durchlaufenden Anmerkungsapparat, ohne dass dabei der Lesefluss durch eine komplette Synchron-Darstellung der Texte gestört würde. Außerdem hat der Herausgeber – und das ist gerade bei diesen beiden Werken wichtig – in einem umfangreichen Stellenkommentar die von Steiner selbst oftmals nicht genau genannten Quellen für sein Sachwissen rekonstruiert. Wie hier die zitierten Mystiker in die Publikationen der vorletzten Jahrhundertwende und von dort minuziös bis in die entsprechenden Werkausgaben zurückverfolgt werden, verdient jeden Respekt. Was aber neben der dokumentarischen Arbeit ebenso wichtig scheint: Clement liefert im Apparat Querverweise und Verständnishilfen, die wichtige Formulierungen Steiners immer wieder in den Duktus seiner Grund-Intentionen einbetten.

Kontinuität statt „Bruch“

Das Verständnis, mit dem Clement bei seiner Edition zu Werke geht, betrifft keineswegs nur die philologische Ebene. Denn  der Herausgeber hat sich ganz offensichtlich – im Unterschied etwa zu den Steiner-Biographen Zander und Ullrich – intensiv mit der Erkenntnistheorie Steiners auseinandergesetzt, begreift diese in ihrem spirituellen Duktus und kann so die Kontinuitäten in Steiners Gedankenentwicklung von der Philosophie der Freiheit zu seinen Darstellungen über die Mystik und das Christentum aufzeigen, anstatt vorschnell dem Eindruck eines „Kontinuitätsbruchs“ zu erliegen, der sich lediglich einem Wechsel der Themen verdankt. Beide Schriften bilden eine Art Scharnier zwischen der philosophischen und der theosophisch-anthroposophischen Phase von Steiners Werkentwicklung. Clement zeichnet diese Scharnierfunktion in seiner Einleitung behutsam nach und ist – anders als andere Interpreten, die gar einen opportunistischen Wandel Steiner zwischen der „philosophischen“ und der „theosophischen“ Phase konstatieren – davon überzeugt, dass die „dialektische Konzeption“, die der Mystik-Schrift zugrunde liegt, „Steiner schon vor der Jahrhundertwende vor Augen stand“ und „dass die Schriften von 1901 und 1902 als fundamentale Untersuchung von Wesen und Entwicklung des Bewusstseins konzipiert waren und somit als keimhafte Darstellung der anthroposophischen Wissenschaftskonzeption gedeutet werden können.“ Besonders überraschend: Auch Steiners Christus-Verständnis wird von Clement als „konzeptionell bereits eindeutig im Wesens-Begriff der steinerschen Frühschriften angelegt“ bezeichnet – und damit gegen den Verdacht in Schutz genommen, Steiner habe hier lediglich theosophische Vorbilder der Christus-Deutung von Blavatsky oder Besant adaptiert.

Seinsgrund jenseits von Subjekt und Objekt

Steiners Buch über das Christentum wird von Clement daher nicht als Neuansatz, sondern als Fortschreibung seiner erkenntnistheoretischen Grundlagen gedeutet. In den Mysterien sei für Steiner ein Erfahrungswissen darüber erlangt worden, dass die vom naiven Volksglauben zu Göttern erhobenen Größen in Wirklichkeit Spiegelbilder des menschlichen Bewusstseins sind – allerdings nicht in der trivial misszuverstehenden Weise, es handele sich hier nur um täuschende Projektionen, sondern so, dass „der Myste seine Aufmerksamkeit von den selbstgeschaffenen ‚Göttern‘ auf die in diesen wirksame ‚götterschaffende Tätigkeit‘ des eigenen Bewusstseins lenkte“. Steiner habe zeigen wollen, dass in dieser Tätigkeit „nicht nur er selbst als ‚Subjekt‘, sondern vielmehr der Subjekt und Objekt umfassende Grund des Seins als solcher am Werk sei.“ Dieser Gedanke sei, wie Clement in einer Anmerkung ergänzt, „unzweifelhaft eine ideelle Metamorphose des in der Philosophie der Freiheit (…) auftauchenden Theorems von der ‚Beobachtung des Denkens‘“ und meint daher, schon Steiners philosophisches Hauptwerk sei „im Geiste der antiken Mysterienidee gestaltet, wie sie Steiner ab 1901 imaginierte.“

Wenn Clement formelartig zusammenfasst, „die steinersche Esoterik kann als eine zum Zweck der Anschaulichkeit vorgenommene ideelle Umstülpung seiner Philosophie verstanden werden“, dann ist diese Verständnisbrücke zwischen „philosophischem“ und „mystisch-christlichem“ Steiner nicht nur im Blick auf die „externe“ Steiner-Rezeption hilfreich. Sie könnte auch eine Besinnungshilfe darstellen für die heute teilweise stark konfessionalisierte binnen-anthroposophische Sicht auf Steiner als neuen „Verkünder des Christentums“. Der erste Band der neuen Edition ist also ein großer Schritt in Richtung akademischer Öffentlichkeit – und eine Herausforderung für die anthroposophische Szene gleichermaßen.

Rudolf Steiner: Schriften. Kritische Ausgabe (SKA). Herausgegeben von Christian Clement. 2013 ff. 

Band 5: Schriften über Mystik, Mysterienwesen und Religionsgeschichte, Verlag frommann-holzboog und Rudolf Steiner Verlag, Stuttgart/Bad Cannstatt und Basel 2013,
ISBN 978-3-7728-2635-1, 375 Seiten, Leinen, € 88,-.

 




Sie wollen diesen Artikel diskutieren? Schauen Sie in unserem Online-Forum vorbei!

Artikel-Archiv