Einen Oskar hat dieser Film wohl jetzt schon sicher – den für die beste Maske. Denn die Expertinnen für das Verändern von Gesichtern haben weiß Gott in diesem Film Großartiges geleistet: Sie verwandeln das Gesicht von Hugh Grant vom eiskalten Atomkraft-Leiter zum kriegslüsternen Stammeshäuptling, sie lassen Hugo Weaving vom futuristischen Bösewicht zu einem Drachen von Altenpflegerin werden und nicht zuletzt metamorphosieren sie – abgesehen von sämtlichen anderen Hauptfiguren – einen brillierenden Tom Hanks in nicht weniger als sechs Rollen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Das sagt zugleich auch schon etwas über die ungewöhnliche Komplexität dieses Films, der immer wieder die Grenzen seines Genres zu sprengen droht. Denn es ist nicht nur ein Motiv, es sind sechs verschiedene Geschichten, die der Film in starken emotionalen Bildern erzählt.

Ein Kaleidoskop in Zwiebelschichten

Im ersten Drittel wird das Publikum mehr als einmal überrascht sein, wenn nach ein paar Minuten, man hat sich gerade auf das Gezeigte eingestellt, wieder ein ganz neuer Film zu beginnen scheint: Ein einsamer, alter Erzähler macht den Anfang, dann folgen Bilder einer Seefahrer-Geschichte aus der Zeit des frühen 19. Jahrhunderts, abgelöst von einem Drama zwischen zwei Musikern im England der 1930er Jahre, wobei einer von ihnen ein Reisetagebuch aus der ersten Geschichte entdeckt … Zeitsprung in die 1970er in den USA: Die engagierte Journalistin Luisa Rey deckt unter Lebensgefahr die dunklen Machenschaften um ein Atomkraftwerk auf – ausgelöst durch die Begegnung mit einer inzwischen gealterten Figur aus der zweiten Geschichte. In einem Plattenladen hört sie zufällig eine Aufnahme des außerordentlichen Cloud Atlas-Sextetts, ein Musikstück, das im zweiten Handlungsstrang entsteht. – Weiter nach London in die Jetzt-Zeit: Ein gealterter Verleger, der soeben durch einen ungeheuerlichen Vorgang – ja, das war schon wieder Tom Hanks! – zu unerwartetem Reichtum kommt, landet auf der Flucht in einem Altenheim, aus dem kein Entrinnen mehr möglich scheint. Die ur-komische Geschichte seines Ausbruchs wird später verfilmt (wer spielt wohl die Hauptrolle?!) und inspiriert in der fünften Film-Zwiebelschicht, die in einer totalitären Zukunft spielt, eine Arbeits-Klonin mit menschlichen Zügen zum Befreiungskrieg gegen ein mörderisches System. In diesem Science-Fiction-Handlungsstrang mit seinem vielen Action-Szenen ist vor allem die Handschrift der Wachowsky-Geschwister spürbar. In einer letzten Geschichte schließlich spielt die Handlung in einer post-apokalyptischen, von brutalen Stammeskriegen geprägten Kultur, wo ein Wesen als Gottheit verehrt wird, das sich als niemand anderer herausstellt als Somni, Heldin des Befreiungskampfes aus der vorangegangenen Episode. Sechs Geschichten, die vordergründig nichts miteinander zu tun haben außer ein paar spärlicher horizontaler Klammern, die sich aber nicht nacheinander entfalten, sondern gleichzeitig – und überall tauchen Tom Hanks, Halle Barry, Hugh Grant und all die anderen Gesichter wieder auf, wundersam verwandelt – die Kunst der Maske eben.

Der ewige Kampf zwischen Unterdrückung und Freiheit verbindet die sechs Geschichten ebenso wie die Macht der Liebe: der junge Rechtsanwalt beispielsweise und seine Zuneigung zu einem entlaufenen Sklaven auf dem Seeweg von Australien zurück nach Amerika; die kongenial aufeinander zulaufende und dann abrupt sich in Hass wendende Verstrickung eines homosexuellen Künstlers mit einem alternden Komponisten; unerklärliche Liebe und ein Vertrauen, das nicht aus Begegnungen in diesem Leben herrühren kann, spielen ebenso bei der Bekämpfung des korrupten Atombetriebs eine entscheidende Rolle wie auch in der Widerstandsgeschichte gegen das Konsumterror-Regime, das ins Asien des 23. Jahrhunderts führt.

Tykwers Lebensmotiv

Sogar wer die Romanvorlage von David Mitchell bereits kennt, wird es gleich nach dem Ende dieses Films mit seinen opulenten zwei Stunden und vierzig Minuten Spielzeit noch einmal genauer wissen wollen: Wie hängt denn nun eigentlich dieses durcheinander gewürfelte Kaleidoskop von Schicksalen zusammen? Wer war da eigentlich wer? Und was hat es mit dem geheimnisvollen Muttermal in Form eines Kometen auf sich, das bei manchen auftaucht? „Unsere Leben und unsere Entscheidungen, jede Begegnung  eröffnet eine neue, mögliche Richtung“, sagte eine der Figuren im Film. Damit klingt das wohl entscheidende Motiv an, das Regisseur Tom Tykwer von seinen künstlerischen Anfängen an umtreibt und das erstmals in Form der drei völlig verschiedenen Erzähl-Varianten bei  Lola rennt zum Ausdruck kam. Ähnlich wie es damals in der Berliner Kleinkriminellen-Story die jeweiligen Entscheidungen der Protagonisten waren, die den weiteren Verlauf entscheidend verschoben, sind es bei Cloud Atlas nun die gleichen Figuren, die sich in unterschiedlichen Zeitkontexten vor ähnliche Herausforderungen gestellt sehen – und je nach Entscheidung weiterkommen in ihrer Entwicklung oder auch scheiternd zurückfallen.

„Unsere Leben gehören nicht uns, wir sind verbunden mit anderen, in Vergangenheit und Gegenwart. Und mit jedem Verbrechen und mit jedem Akt der Güte erschaffen wir unsere Zukunft“ – dieses Vermächtnis, das die Heldin Somni der Welt hinterlässt, fasst wohl auch die tiefste Überzeugung von Tom Tykwer zusammen, der bereits in seinem Frühwerk Der Krieger und die Kaiserin das Motiv von Wiedergeburt und Schicksal anspielte. Aber eben nicht im Sinne eines unausweichlichen Fatums, sondern als Chance freier Entwicklung, die von der Entscheidung des Menschen abhängt.

Alles ist verbunden und unser Leben reicht über die Grenzen von Geburt und Tod hinaus, so lautet die zentrale Botschaft dieses Films. Cloud Atlas lässt dieses große Motiv in künstlerisch unaufdringlichen Andeutungen das sein, was es wohl immer sein wird: ein Rätsel, ein Mysteriendrama.

28.11., 18.00 Uhr: Jens Heisterkamp zu Gast bei Kult.Radio – das Märchenradio im Gespräch mit Ronald Richter über Cloud Atlas. 

22.11., 20.00 Uhr: Jens Heisterkamp zu Gast bei Radio EnlightenNext im Gespräch mit Tom Steininger über Cloud Atlas, die menschliche Seele und das Schicksal nach dem Tod. http://www.enlightennext.de/radio-enlightennext/