Inmedia + // Bewegungsmelder-Kolumne von Ramon Brüll

Es muss vor etwa 20 Jahren gewesen sein. Die Dame an meiner Seite studierte Eurythmie, zweites Jahr, kurz vor dem Semesterende. Üben, üben, üben! Der eigentliche Abschluss, kurze Zeit später auf der Bühne, war das Ergebnis harter Arbeit. Und doch sah man vor allem eins: Dies ist – nach zwei Jahren! – erst der Anfang. Bühnenreife braucht noch viel mehr. Wir besuchten den Abschluss eines Bekannten, ebenfalls im zweiten Studienjahr, Pantomime. Fesselnde Bewegungsspiele, der Saal hielt abwechselnd inne und tobte. Einzelne Szenen sehe ich bis heute vor mir. Bei aller Begeisterung für die hohe Kunst, die uns da geboten wurde, bekroch uns auch eine bange, ja frustrierende Frage: Warum ist die Eurythmie bei Weitem nicht so faszinierend, nicht so spektakulär, nicht so mitreißend wie andere Bühnenkünste?

Schätzungen zufolge praktizieren fünf Millionen Deutsche regelmäßig Yoga. Andere Stimmen gehen sogar von 16 Millionen aus, jedem fünften Einwohner. Zur Verbreitung der Heileurythmie sind meines Wissens keine Zahlen bekannt. Der Berufsverband beziffert 300 Einrichtungen (von Krankenhäusern bis zur Minipraxis), an denen die Bewegungstherapie praktiziert wird. Davon ausgehend kann man die Zahl der Menschen, die regelmäßig Heileurythmie machen, abschätzen. Es dürften einige Tausend sein, bei weitem aber keine Millionen. Beim Vergleich der Akupunktur mit der anthroposophischen Medizin verhält es sich ähnlich, wenn auch nicht ganz so krass. Im Internet fand ich aktuell Listen mit 9.486 Akupunkturärzte (Heilpraktiker nicht mitgerechnet!) und 529 anthroposophische Ärzte.

Machen wir etwas falsch? Warum fristen Eurythmie, Heileurythmie und anthroposophische Medizin, trotz der qualitativen Erfolge, die ich hier keineswegs in Abrede stellen will, ein solches Schattendasein? Wieso sind wir, etwas zugespitzt ausgedrückt, elitär und nicht populär? Ist es die böse Außenwelt, die uns den Erfolg nicht gönnt, oder sind wir es, die unsere Arbeit nicht verständlich genug oder auch zu umständlich dargestellt, „kommuniziert“ haben? Ein Kritiker schrieb einmal, kein normaler Mensch komme auf den Gedanken, „Sprache sichtbar“ machen zu wollen. Wirklich nicht? Und was ist, um nur ein Beispiel zu nennen, mit dem Ausdruckstanz? Spricht manches für sich, was wir immer noch ideologisch zu erklären versucht sind?

Nun ist soeben im Futurum Verlag in Büchlein erschienen, das der Eurythmie-Misere entgegenwirken will: Wer sich bewegt, kommt zu sich selbst. Eurythmie für jeden Tag, von Sivan Karnieli. Auf dem Cover eine attraktive, um nicht zu sagen: sexy junge Dame. Eurythmie als Übungsweg für den Alltag, den Laien. Bewegung als Meditation. Praktische Anleitungen zum Selbermachen. Die heileurythmische Hausapotheke in Form eines Schulungsheftchens für Übungen, die beruhigen, stärken, zentrieren. Die bekannten heileurythmischen Übungen werden populär dargestellt, ohne sie zu verflachen. Karnieli zitiert Rilke, Stüttgen, Lusseyran, Steiner und Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ und spricht, was ich störend finde, den Leser im Stile spiritueller Lehrer, der Ikea-Werbung und Facebook-Phraseologie mit Du an.

Ich lese parallel ein Buch über die Pionierzeit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft in den Niederlanden. Umwerfend, mit welcher Naivität und fehlender Erfahrung die Leute allein von ihrer Begeisterung geleitet ihre Aufgaben (meist) doch zu einem guten Ende geführt haben. Das funktioniert heute so nicht mehr. Längst ist klar, dass die anthroposophische Landwirtschaft, Medizin, Kunst, etc. Professionalisierung brauchen. Daran wird hart gearbeitet, sonst erreichen sie nichts in der Öffentlichkeit. Das vorliegende Büchlein zur Eurythmie zeigt den umgekehrten Weg: Es setzt auf den Mut zur Unvollkommenheit und macht die Therapieform damit populär. Die Anthroposophie braucht beide Wege, will sie wirksam sein: Professionalisierung und Popularisierung. Diese setzen sich gegenseitig vielleicht sogar voraus.