Skagen Buchtitel

Von Wolfgang G. Vögele

Am 21. April stellte der bekannte norwegische Literat Kaj Skagen (geb. 1949) am Goetheanum in Dornach seine neue, umfangreiche Steinerbiographie mit dem Titel Morgen ved Mittnatt (Morgen um Mitternacht) vor, die Leben und Werk Steiners bis zum Jahr 1902 nachzeichnet.  Mit dem Autor diskutierten der Anwalt Cato Schiøtz und Bodo von Plato vom Dornacher Vorstand. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Leiter der Dokumentation am Goetheanum, Johannes Nilo, der einleitend das in 16-jähriger Forschungsarbeit entstandene Werk als „das bisher umfangreichste Werk über den jungen Rudolf Steiner“ kennzeichnete. Der Autor ist in Norwegen durch seine Romane, Essays und Gedichte bekannt. Er gilt dort als „einer der kühnsten, unberechenbarsten Kritiker der Gegenwart“. Das Buch hat in Norwegen schon heftige Diskussionen in den großen Tageszeitungen ausgelöst. Nilo begrüßte außerdem Cato Schiøtz, einen der prominentesten norwegischen Anwälte, der sich u.a. als Kämpfer für die Pressefreiheit einen Namen gemacht hat und außerdem der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung angehört.

Skagen las zunächst in deutscher Übersetzung ein Kapitel seines Buches, das von dessen langer Entstehungszeit handelt. Dabei kam immer wieder der feine Humor des Autors zum Vorschein. Zunächst sei er dem Thema immer wieder ausgewichen, schrieb zwischendurch eine Autobiographie, weil er spürte, nicht genügend Distanz zu Steiner zu haben: „Es war, als sollte ich ein Sachbuch über eine vergangene Geliebte schreiben“, so Skagen. Auch habe er in Gefahr gestanden, sich in Spezialstudien zu verlieren. Mit Fichte sei es ihm ergangen „wie mit meiner Ehefrau: ich liebte ihn, aber ich verstand ihn nicht“.  Die Identität von Idee und Wesen habe sich für ihn als Grundüberzeugung Steiners, ja als Schlüssel zum jungen Steiner erwiesen. Durch die Zusammenschau verschiedender Perspektiven Steiners habe sich Skagen ein bestimmtes Muster, eine Koinzidenz ergeben. Überhaupt sei dieses Buch ein Logbuch seiner eigenen Erkenntnisreise geworden.

Cato Schiøtz erzählte dann auf Englisch, wie er schon früh verschiedene Biographien Steiners kennenlernte. Als Anwalt habe ihn schon immer interessiert, was Kritiker über Steiner sagen. Er sei dann später Mitglied der Steiner-Nachlassverwaltung geworden. In Steiners Biographie und Werk habe er nach den „essentials“ gesucht, die nicht leicht zu identifizieren gewesen seien. Für ihn seien folgende Fragen wichtig: Wie erklärt ein Biograf Steiners „Wandlungen“? Sieht er einen Bruch oder eher eine Kontinuität? Skagen sehe keinen Bruch in Steiners geistiger Entwicklung. Auch viele weitere Probleme müssten noch bearbeitet werden.  Vorausblickend auf Steiners 100. Todestag im Jahr 2025 sollte man sich klar werden, welche Aufgaben noch in Angriff zu nehmen seien: Neben der Vollendung der Gesamtausgabe hält Schiøtz auch die forschende Zusammenarbeit mit Nichtanthroposophen für unerlässlich.

Bodo von Plato fragte aus der Perspektive des Historikers nach dem Wandel des Steinerbilds im Lauf der Geschichte. Er sei überzeugt, dass Steiners „Sichtbarkeit“ in Bezug auf Genauigkeit und Vielfalt wachse, was man von anderen Geistesgrößen wie Hegel oder Kant nicht behaupten könne. Skagen habe mit seinem Werk erheblich zu dieser Sichtbarkeit beigetragen. Steiners wichtigste Botschaft, die sich durch sein gesamtes Leben und Werk ziehe, bleibe die Freiheit. Gefolgschaft und Bekennertum seien zwar legitim, doch dürfe daraus keine Lebenslüge werden.

Kritik wandle sich bei Steiner immer wieder zur Anerkennung des Fremden, zur Toleranz. Das zeigten seine Hommagen an Nietzsche oder Haeckel. Diese Fähigkeit zur Anerkennung habe Steiner schon früh in sich kultiviert. Verehrung sei ihm zur Lebenspraxis geworden. Gemeinsamkeit im Gegensätzlichen sei auch heute ein Ideal. Das Aufblicken zu einer „Autorität“ sei im Geistesleben völlig natürlich. Statt Autorität sollte man aber heute besser Orientierungs- oder Richtkraft sagen. Eine esoterische Schule mit Hierarchien und Graden sei heute problematisch. Die von Steiner konzipierte Dornacher Hochschule komme ohne Hierarchie aus. Dieser Entwurf sei allerdings bis heute noch nicht völlig realisiert, dazu werde es noch Jahrzehnte brauchen. Im Umgang mit Kritikern sei das Freund-Feind-Denken heute überholt und auch nicht mehr entscheidend.

Skagen ergänzte noch, dass Steiner mit seiner Dissertation „Wahrheit und Wissenschaft“  die rückschauende Position zu Goethe verlassen habe. erhabe seinen Plan einer Wiederbelebung des deutschen Idealismus aufgegeben und sich seitdem verstärkt der Gegenwart zugewendet, etwa Nietzsche und Haeckel. Während seiner Berliner Zeit (um 1900) habe die Mystik immer im Hintergrund gestanden. Skagen, der alle Artikel Steiners aus dieser Zeit chronologisch las, entdeckte in einem dieser Artikel eine geradezu „anthroposophische“ Haltung.  „Er reitet immer diese zwei Pferde“, erklärte Skagen und meint damit die Mystik und die Naturwissenschaft.

Steiner habe beruflich durchaus auch andere Möglichkeiten gehabt als bei den Theosophen anzudocken, meinte Skagen. Hätte man ihm etwa das Rektorat einer neugegründeten sozialistischen Hochschule angeboten, hätte er vermutlich auch dieses Angebot angenommen. Steiner ließ um 1900 bewusst eine ungewöhnliche „Passivität“ walten und forcierte nichts. Er habe dem Zufall eine Chance eingeräumt. Sein Plan, eine „Philosophie des Zufalls“ zu schreiben (den er in einem Brief an Rosa Mayreder äußerte), hatte er zu dieser Zeit noch nicht aufgegeben. Er wartete auf das, was auf ihn zukam. Später hat er diese von außen auf ihn zu kommenden Aufgaben als Karma bezeichnet.

Er habe sein Buch nicht für einen bestimmten Leserkreis geschrieben, meinte Skagen abschließend. Sein nichtanthroposophischer Lektor sei übrigens während des Lesens zum „Steinerfan“ geworden.  Offenbar besteht größtes Interesse an einer deutschen Übersetzung, versichert Skagen. Er und sein Verlag sondieren zurzeit die Möglichkeiten dafür.

Der norwegische Autor Kaj Skagen / Foto: klassenkampen.no

Der norwegische Autor Kaj Skagen / Foto: klassenkampen.no

www.kajskagen.no