Der Dalai Lama in der Frankfurter Paulskirche, neben ihm Moderator Gert Scobel (Foto Info3)

Der Dalai Lama in der Frankfurter Paulskirche, neben ihm Moderator Gert Scobel (Foto Info3)

Es ist tatsächlich so still wie in einer Kirche, als das Publikum in der Frankfurter Paulskirche, die schon lange nicht mehr sakralen Zwecken dient, an diesem Nachmittag auf einen der prominentesten geistigen Führer der Welt wartet. Der Weg von der Tür bis zum Podium zieht sich hin, weil der Mann mit der farbenprächtigen Tunika unterwegs immer wieder alte Bekannte begrüßt und kleine Scherze verteilt. Der sprichwörtliche Humor und die Herzlichkeit des Dalai Lama sind sofort im Raum. Das Auditorium erhebt sich, bis ihm in aller Freundlichkeit geboten wird, doch wieder Platz zu nehmen.

Für das heutige Podiumsgespräch unter Leitung des Buddhismus-nahen Fernsehmoderators Gerd Scobel hat man dem Würdenträger aus Tibet zwei Repräsentanten des Abendlandes hinzugestellt: den Trierer Bischof Stephan Ackermann und den Philosophieprofessor Rainer Forst von der Frankfurter Goethe-Uni. „Die Herausforderung christlicher und buddhistischer Werte durch eine säkulare Gesellschaft“ lautet das Thema.

Es war nicht neu, aber doch wieder überraschend, dass ausgerechnet der Dalai Lama als Gallionsfigur buddhistischer Spiritualität ganz klar für eine weltlich fundierte Ethik eintritt und die Rolle der Spiritualität für die Begründung von Moral eher skeptisch sieht – der Streit der Religionen scheint als Beleg dafür zu genügen, dass der Bezug auf Gott anscheinend mehr Streit als Frieden stiftet. Er habe einmal mit schiitischen und sunnitischen Muslimen gesprochen und sie gefragt, ob sie denn nicht fürchteten, Gott durcheinander zu bringen, wenn beide Parteien in ihrem Streit ihn um seinen Segen bitten – das Publikum lacht ebenso über diesen Scherz wie über das unverwechselbare Glucksen, mit dem Seine Heiligkeit dabei über sich selbst lachen muss.

Während sich Bischof Ackermann als Vertreter des Christentums auf das biblische Wort von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen als Quell von Ethik bezieht, verweist der Dalai Lama lieber auf Ergebnisse der empirischen Psychologie, wonach Menschen, die sich moralisch verhalten, gesünder und ausgeglichener sind als andere. Mitgefühl sei der Schlüssel zu Glück und Gesundheit, so der Mann aus dem Osten. Diesem derzeit populären Trend, dass die Gefühle die besseren Ratgeber sind, mochte der Philosoph Rainer Forst so nicht folgen. Was, wenn bei einem bestimmten Menschen oder bestimmten Gruppen von Menschen – Stichwort Nationalismus – sich eben kein Mitgefühl einstellt? Emotionen sind oft eine trügerische Sache, zu subjektiv, zu anfällig und schwach, um eine allgemeingültige Ethik zu tragen, so der Frankfurter Philosoph. Warum hat jemand Anspruch auf den Schutz durch moralische Werte? Warum soll ich jemandem helfen? Als unbedingte Antwort darauf müsse genügen: Weil es ein Mensch ist, so Forst in der unverkennbaren Tradition von Kant und Habermas.

Ob diese Letztbegründung des Menschlichen um des Menschen willen tatsächlich rein aus der Vernunft herzuleiten ist – dies wäre eine Frage, die insbesondere durch den immer einflussreicheren ethischen Utilitarismus aufgeworfen wird, der sehr wohl und teilweise mit fatalen Folgen Bedingungen an die Gewährung von moralischen Normen stellt. Ob also der Diskurs einer auf den Menschen gegründeten Ethik nicht doch letzten Endes metaphysische Wurzel hat oder diese sogar braucht – die verständlicherweise deutlich von dem Gast aus dem Osten dominierte Veranstaltung konnte hier keine Antworten liefern, sondern empfahl sich mit den bewährten Alltagsregeln seiner Heiligkeit: Anderen zu dienen oder ihnen zumindest nicht zu schaden, das könne auch nicht religiösen Menschen als ethische Richtschnur einleuchten, meinte der Dalai Lama.

Erfreulich an diesem Nachmittag: Der Hang zur großen Ratlosigkeit oder auch Beliebigkeit, der nicht selten beim öffentlichen Reden über Ethik beschworen wird, hier hatte er keinen Raum. Jeder der Podiumsteilnehmer zeigte auf seine Weise, dass es sehr wohl verbindliche und auch praktikable Werkzeuge zum Thema Moral gibt – man muss sie nur benutzen wollen.

 

 

Livestream Aufzeichnung, Beginn der Diskussion ab Minute 40

http://www.dalailama-frankfurt.info/programm/livestream/#.U3y_ANJ_tnG