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Bildhauerin Karla Fassbender  Foto: privat

Bildhauerin Karla Fassbender
Foto: privat

Wer wissen möchte, was Inklusion tatsächlich sein kann, sollte sich die Fernsehsendung Achterbahnshow ansehen. Eine Kultursendung von und für Sehende, Sehbehinderte, Gehörlose und alle anderen Menschen. Die Sendung ist laut, vieles passiert gleichzeitig; wer bislang durchschnittlich gut sehend, hörend und sprechend durchs Leben gegangen ist, wird sich umsehen. Inklusion erzeugt einen vielstimmigen Dialog, der auf anderen Kanälen läuft, als wir sie gemeinhin nutzen: Hier wird parallel mit Gebärdensprache gesprochen und verbal artikuliert, während nebenbei der Audiokanal eingespielt wird, der das Sichtbare beschreibt und im Zuschauerraum Menschen nicht nur klatschen, sondern ihre Zustimmung auch durch fröhliches Winken zum Ausdruck bringen. Sich angesichts dessen selbst zu verorten, ist gar nicht so einfach. Wie das bei einer Achterbahnfahrt eben so ist.

Karla Fassbender, Bildhauerin aus Alfter bei Bonn, hat im Frühjahr den Achterbahn-Kulturpreis  gewonnen. Es ist nicht die einzige Auszeichnung, die sie für ihre Arbeiten aus Stein gewonnen hat. Zuletzt konnte sie unter der Schirmherrschaft des englischen Bildhauers  Anthony Cragg mit dem Bundesverband bildender Künstler im Stapelhaus in Köln ausstellen, zusammen mit anderen blinden und sehbehinderten Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt, die von einer Jury nominiert wurden. Auch bei dieser Ausstellung überraschte der Eindruck: Ganz schön laut hier. Sakrale Stille im Ausstellungsraum? Fehlanzeige. Denn Kunst von blinden Menschen fordert den Rezipienten nicht nur auf, Kunstwerke zu ertasten und erfühlen, Art Blind ist vielmehr eine Großoffensive für einen breit angelegten Austausch. Alle reden miteinander, aber nicht über Kunst, sondern über das, was sie wahrnehmen. Denn das kann eben ganz unterschiedlich sein, und die Kunst entsteht, wenn diesbezüglich ein Austausch beginnt.

Als Sehende stellen wir uns aufgrund unserer Sensibilitätsschranken und mentalen Sehbehinderungen häufig vor, dass Blinde mit den Händen sehen, sie also uneingeschränkt mit anderen Sinnen arbeiten, die bei uns selbst aufgrund unserer dominant-visuellen Karriere verkümmert sind. Dieses romantische Motiv steht im Zentrum vieler Filme und Bücher und ist ein Topos, der möglicherweise in die Mottenkiste der Zivilisation gehört. Denn nicht alle, die blind sind, sehen gar nichts. Die Abstufungen sind wie immer graduell, und auch wer dicke Brillengläser braucht, hat eine Sehbehinderung, ohne als blind zu gelten. Umgekehrt war, wer tatsächlich blind ist, es vielleicht nicht sein Leben lang und kann das Sehen in unterschiedlichster Weise in seine Auseinandersetzung mit der Welt und in die Kunst mit einbeziehen. Auch Karla Fassbender ist zwar sehbehindert, kann ihre Skulpturen aber durchaus auch mit den Augen sehen, und im Verein Blinde und Kunst e.V., dem sie angehört, sind nicht alle Künstler Bildhauer und Installationskünstler, sondern auch Maler und Graphiker. So sieht’s aus.

Damit aber ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Vielmehr: Wer noch nie einen Ausstellungskatalog von blinden und sehbehinderten Künstlern in der Hand hatte, war bislang möglicherweise überraschend einseitig in seiner Wahrnehmung. Da geht es nun nicht allein um Bilder und Skulpturen, sondern auch um Abbildungen von Bildern und Skulpturen. Damit alle etwas damit anfangen können, ist das Wahrnehmungsfeld im Katalog Art Blind anders angelegt, als wir es gemeinhin kennen. Mit schwarzem Relief-Lack sind die Konturen und Oberflächen von Skulpturen und Gemälden auf schwarzes Papier gedruckt und können als erhabene Flächen ertastet werden, ebenso wie Werktitel und Künstlername in Brailleschrift. Verklebte Buchseiten, die von den Betrachtenden erst geöffnet werden müssen,  zeigen Fotografien der Ausstellungsstücke und geben Raum für kurze Statements der Künstler. Eine Hör-CD vermittelt eine Beschreibung der Werke, die sich weder auf das Sichtbare noch auf das Tastbare beschränkt. Auch der Katalog, so könnte man sagen, ist laut. Er fordert unsere Aufmerksamkeit auf verschiedenen Ebenen, und ihn eben mal schnell durchzublättern ist genauso unmöglich wie sich als sehbehinderter oder blinder Mensch einen schnellen Überblick von einer Ausstellung zu verschaffen: Es geht darum sich die Dinge zu erarbeiten, sich vorzutasten, hinzuhören, um eine innere Vorstellung zu bilden. Denn da, so könnte man sagen, fängt das Sehen erst an. Für ihre Arbeit, so Karla Fassbender, wähle sie den Stein, der in ihr die stärkste Vision aufsteigen lasse. „Ein Stein, der Charakter hat, der mir eine Herausforderung in der Masseverteilung bietet. Kurz, ein ‚echtes’ Gegenüber.“ Wenn der Dialog über die vielgestaltige Wahrnehmung an die Stelle des äußeren Werkes tritt, wenn das Werk mithin immer Vision, immer im Prozess bleibt, ist „blinde Kunst“ dann der Weg zu einem immateriellen Werkbegriff, der uns die Augen öffnen kann?

Inklusion fordert uns heraus. Wahrnehmung ist vielschichtig. Inklusion im Bereich der Kunst setzt nicht auf Veränderung der Rezeption, sondern auf eine Umgestaltung der Kunst selbst. Art Blind –  verstanden als eine neue Art, Inklusion zu betreiben – fordert den Rezipienten dazu heraus, in einen umfassenden Dialog mit dem Kunstwerk zu treten. Die Distanz, die eine Werkbetrachtung braucht, wird überflüssig, der Zugang zu den Werken bedarf einer großen Offenheit, die, so wir sie finden, auf drastische Weise verdeutlicht, wie sehr uns die Dominanz des Sehens in unserer Herangehensweise gemeinhin einschränkt und wie oberflächlich unsere Wahrnehmung häufig ist. Stefanie Gather von der Sommerakademie Alfter, bei der Karla Fassbender über acht Jahre die Bildhauerei gelernt hat, lacht, wenn jemand ihr mit dem Begriff Inklusion kommt. „Das haben wir eigentlich schon immer gemacht.“ Kunst brauche die Dialogfähigkeit auf allen Ebenen; und weil die Sommerakademie Alfter sich von Anbeginn an als Stifterin und Hüterin jenes schöpferischen Zwischenraumes verstanden hat, in dem alles einen Platz hat, im Prozess miteinander ist und ständig Neues entsteht, war das Thema Inklusion hier von vornherein inkludiert. Ganz ohne Konzepte.

Die Begegnung mit der Kunst von blinden Menschen ist eine spannende Reise in Übergangsräume zwischen innen und außen, die uns nicht geläufig sein mögen, gleichwohl sie jedem potenziell zugänglich sind. Das verleiht der Wahrnehmung ungeahnte Dimensionen, und zuletzt fragen wir uns, was nun eigentlich wichtig ist für das Sehen und die Kunst und wo das eine wie das andere angefangen hat – im Kopf, im Gefühl, beim Lauschen, beim Tasten oder beim Schauen? Kurzum, wir wissen es nicht. Inclusio: Das Werk darf ganz sich selbst gehören. Es ist im Fluss und sieht dich an. ///

 

Mehr Informationen:
http://www.achterbahnshow.de

Video zur Ausstellung Art Blind

https://www.youtube.com/watch?v=YWl3Or7ybu8 ()

Katalog zur Ausstellung Art Blind. Eine Ausstellung internationaler blinder und sehbehinderter Künstler und Künstlerinnen. 15.05. bis 16.06.2013. Im BBK Köln. Unter der Schirmherrschaft von Anthony Cragg. Köln 2013.