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Zukunftsperspektiven an historischem Ort: Silja Graupe und Harald Schwaetzer vor dem Rathaus in Bernkastel, das zugleich Sitz der Hochschule ist. Foto: Info3

Small is beautiful – für kaum eine andere Studieneinrichtung in Deutschland dürfte das mehr gelten als für die Cusanus Hochschule. Im vergangenen Herbst eröffnet, kommt sie zunächst einmal mit einer bescheidenen Etage des historischen Rathauses von Bernkastel aus, wo das junge Projekt freundliche Aufnahme gefunden hat. Erst zwei Studiengänge gibt es an der privaten Einrichtung: die Fächer Ökonomie und Philosophie. Diese enge Verzahnung des Wirtschaftslebens mit der Weisheitsliebe fanden wir spannend. Hier würden wir sicher etwas über Moral in Unternehmen und über die Bedeutung von Werten in einem ungerechten Kapitalismus erfahren, dachten wir auf der Fahrt an die Mosel.

Bei unserem Gespräch mit den beiden Protagonisten, den Professoren Silja Graupe und Harald Schwaetzer, werden wir aber bald eines Besseren belehrt: In einem konventionellen Hochschul-Setting ein wenig über Ethik in der Wirtschaft zu dozieren, darüber lächelt man hier eher. An der Mosel diskutiert man zwar über Ethik in der Wirtschaft, aber auch über die Rolle von Schattenbanken und aktuelle Fragen von Ungerechtigkeit; noch mehr: Man geht hier grundsätzlich noch einen Schritt weiter, Voraussetzungen und Denkmuster von Wirtschaft und Gesellschaft sowie deren Wandlung kommen auf dem Prüfstand. Nicht nur und erst der Inhalt, sondern die Hochschule selbst ist die Botschaft. Eine Hochschule soll es sein, die sich dem auf alle Lebensbereiche durchgreifenden Diktat neoliberalistischen Denkens widersetzt, die das Reden von „Bildung als ökonomischer Ressource“ ablehnt und die selbst ihren Sponsoren keine durchgreifende Gestaltungsmacht auf das innere Leben der Hochschule einzuräumen bereit ist.

„Wie könnte man Studierende besser an ein freies Unternehmertum heranführen, als wenn sie selbst Teil einer Hochschule sind, die sich selbst als Beispiel für ein verantwortungsbewusstes Unternehmen versteht?“, fragt Silja Graupe, als wir in der kleinen Bibliothek der Hochschule zusammensitzen. Sie ist selbst Kind einer Unternehmerfamilie, begann ihre akademische Laufbahn als Wirtschaftsingenieurin und hatte eine Professur an der Alanus Hochschule in Alfter inne. Dort begegnete sie auch Harald Schwaetzer, der in Alfter als Professor für Philosophie tätig war. Schwaetzer stand als Cusanus-Experte schon seit vielen Jahren mit dem Heimatort des großen Philosophen an der Mosel in Verbindung. Zusammen mit Silja Graupe und einigen Kollegen aus seinem akademischen Netzwerk sowie unterstützt von Bürgerinnen und Bürgern vor Ort entstand die Idee, in Bernkastel-Kues eine Hochschule aufzubauen, die kompromisslos ein auf Freiheit gegründetes Bildungsideal umsetzt.

 

Selbstverwaltung als Ausdruck und Basis der Freiheit

 

„Damit die Hochschule von ihrer Verfassung her größtmögliche Freiheit ermöglicht, war es uns wichtig, dass die Rechtsform das Gewollte auch tatsächlich abbildet“, erklärt Silja Graupe. „Wesentlich für uns ist der Grundsatz, dass die Hochschule niemandem als sich selbst, also der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, gehört. Wir möchten weder reale noch versteckte Möglichkeiten des Durchregierens von außen, die ja gerade auch an privaten Hochschulen gar nicht so selten sind“, sagt die Ökonomin. Auf der Suche nach einem juristischen Rahmen dafür gelangte man zu einer wohl einmaligen Konstruktion: Die Hochschule ist eine gemeinnützige Stiftung, in welcher der von allen Mitgliedern gewählte Senat das höchste Entscheidungsgremium ist. Nach außen wird die Hochschule in wirtschaftlichen und rechtlichen Belangen von einer ebenfalls gemeinnützigen Treuhandstiftung, der Cusanus Treuhand gGmbH, getragen. Diese Trägereinrichtung handelt ohne eigene Macht und ohne eigene Interessen vertreten zu können – eben treuhänderisch im echten Sinne. Im Zentrum soll ganz die Freiheit des Geistes stehen.

Nicolaus Cusanus - die Figur links auf einem Altarbild in Kues -

Nicolaus Cusanus (1401 bis 1464) – die Figur links auf einem Altarbild – war Theologe, Philosoph und Mystiker und griff auch in die Politik seiner Zeit ein.

„Der freie Geist bewegt sich selbst“, dieser berühmte Ausspruch des Cusanus, der auch uns Besucher schon am Eingang begrüßt hat, passt daher zeitlos aktuell als Leitidee der jungen Hochschule. Das im Bildungsbetrieb übliche Reden von „Kompetenzerwerb“ sehen unsere Gesprächspartner dagegen eher kritisch, ebenso wie man gleichmacherische Regulierungsansprüche, die mit Namen wie PISA oder der Bologna-Reform verbunden sind, deutlich zurückweist. Selbständiges Denken, die Fähigkeit, echte Fragen zu stellen, aber auch Kritik an – meist unhinterfragten – Grundmodellen der Wirtschaft wie den „Marktgesetzen“ sind hier gewollt. „Wir sind der klaren Auffassung, dass es eine gesellschaftspolitische Dimension hat, was wir hier machen“, unterstreicht Harald Schwaetzer. „In der Ökonomie ist in den letzten 60 Jahren eine vollkommen abstrakte Modellwelt zum Mainstream geworden, die der Wirklichkeit übergestülpt wird“, erklärt Graupe. Dieses unbewusste Modelldenken gelte es zu hinterfragen. Kritisch sieht man hier auch, dass auf dem Wissenschaftssektor versucht wird, das Bildungswesen in Richtung marktliberal verstandener Effizienz umzukrempeln. Hier eine Alternative aufzubauen, wird Signalwirkung haben, sind die Cusaner überzeugt.

 

Studierende als Aktivisten

 

Was erwartet junge Studierende an diesem Bildungs-Biotop an der Mosel? Insgesamt fünf feste Professorenstellen (zuzüglich einiger Lehrbeauftragter) kommen derzeit auf 35 Studierende in den Master-Studiengängen Ökonomie und Philosophie; in beiden Fächern werden im Herbst zusätzlich Bachelor-Studiengänge beginnen – und zwar jeweils mit einem Schwerpunkt „Soziale Verantwortung“. Wer sich zu einem Studium entschließt, mit dem wird ein Aufnahmegespräch geführt, das mehr zählt als Noten. Die Studiengebühren von 480 bis 600 Euro monatlich erscheinen auf den ersten Blick happig, auch wenn Teile davon durch Förderstipendien ausgeglichen werden können. „Aber“, so erläutert Harald Schwaetzer, „dies ist weit weniger, als ein Studienplatz an einer privaten oder staatlichen Hochschule tatsächlich kostet. Wir aber erhalten keinerlei staatliche Unterstützung.“ „Bei uns“, ergänzt Silja Graupe, „haben Studierende dafür die Möglichkeit, nicht nur ein Angebot zu konsumieren, sondern selbst aktiver Teil eines Projekts zu sein.“

An wenigen Orten dürfte die Möglichkeit zu praktischer Mitwirkung an einer Hochschule so günstig sein wie hier. Selbstbildung und Engagement sind gefragt. Das beginnt beim Einsortieren der zahlreichen noch in Kisten befindlichen Bücher für die Hochschulbibliothek über vielfältige Formen des Lernens und reicht bis zum selbstorganisierten Wohnen. Für Letzteres hat es sich glücklich gefügt, dass die Jugendherberge des Ortes bis zu ihrer anstehenden Renovierung als Wohnheim genutzt werden kann – in Selbstverwaltung der Studierenden natürlich. Von dem hoch gelegenen historischen Gebäude hat man eine phantastische Sicht über das Moseltal – ein Weitblick beim Wohnen, der zur Perspektive der Hochschule gut zu passen scheint. ///

 

Mehr Informationen zur Cusanus Hochschule hier.

Studiengänge: BA Ökonomie, BA Philosophie, MA Ökonomie, MA Philosophie. Bewerbungen zum Wintersemester 2016/2017 möglich.