Goethes Farbkreis, 1809

Goethes Farbkreis, 1809

Wenn Sie dieses Buch lesen, dann sollten Sie unbedingt ein Prisma zur Hand haben, um damit die eigens dafür gedruckten Schwarz-Weiß-Abbildungen zu betrachten. Schaut man durch das Prisma auf ein weißes Quadrat vor schwarzem Grund, so ergibt sich ein schönes Spektrum in den Farben des Regenbogens: Blau, Dunkeltürkis, Grün, Dunkelgelb und Rot in fließenden Übergängen. Blickt man hingegen auf ein schwarzes Quadrat vor hellem Grund, dann ergibt sich das komplementäre Spektrum: Gelb, Hellrot, Purpur, Hellblau und Türkis. Im ersten Falle erblicken Sie Newtons Vollspektrum, im zweiten das von Goethe.

„Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. Dass ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute.“ So Goethe in hohem Alter zu Eckermann. Die Physiker seines Jahrhunderts folgten letztlich aber fast ausnahmslos Newtons Optik, die weißes Licht als eine Mischung verschiedenfarbiger Lichter verstand. Ausgehend von „seinem“ Spektrum suchte Newton in sorgfältigen Experimenten diese Behauptung zu beweisen. Dass dem nicht so sei, wollte Goethe ausgehend von seinem komplementären Spektrum zeigen. Die Fachwelt sah und sieht Goethe im Unrecht, nennt ihn gar einen „dilettierenden Schöngeist“. Mit diesem Vorurteil möchte nun Olaf Müller, Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Humboldt-Universität Berlin, in seinem Buch aufräumen. Und wirklich: Zumindest die erste Hälfte des Buches ist für einen naturwissenschaftlich interessierten Leser sicher spannender als jeder Kriminalroman.

Wissenschaftlicher Todesstoß?

Zunächst stellt der Autor didaktisch brillant Newtons wichtigste Experimente vor, die er mit scharf abgegrenzten Lichtbündeln in seiner Dunkelkammer durchführte, und sucht die Leser von dessen Beweisführung zu überzeugen. Im Anschluss zeigt er, wie Goethe mit exakt komplementären Experimenten Newtons Beweisführung den Todesstoß versetzt: So wie in dem eingangs geschilderten „subjektiven“ Experiment Newtons weißes Quadrat auf schwarzem Grund durch ein schwarzes auf weißem Grund ersetzt wird, kann man auch anstelle eines gebündelten Lichtstrahles in der Dunkelkammer einen abgegrenzten Schatten in einem hell erleuchteten Raum durch das Prisma senden und erhält auf einem Schirm die beiden komplementären Spektren. Wenn Experimente im Anschluss an das Newton-Spektrum als Beweis für die heterogene Zusammensetzung des Lichtes herhalten sollen, dann wären Experimente mit dem Goethe-Spektrum ebenso ein Beweis für die Heterogenität der Finsternis. Beide Sichtweisen sind nach Goethes Auffassung falsch: Nur die Polarität von Licht und Finsternis vermöge Farben hervorzurufen.

Olaf Müller versucht sich an einer „Rehabilitation“ von „Goethe als Naturwissenschaftler“. Und in der Tat zeigt er überzeugend, dass Goethe experimentell auf der Höhe seiner Zeit war und theoretisch mitunter auf geradezu „hellsichtige“ Art und Weise die Schwächen seines Kontrahenten durchschaute. Und mehr noch: Vor dem Hintergrund aktueller wissenschaftsphilosophischer Diskussionen werde deutlich, dass Goethe zumindest implizit die „empirische Unterbestimmtheit“ von Theorien klar gewesen sei, dass sich also Theorien streng genommen nicht durch Experimente beweisen lassen, sondern allenfalls mit ihnen verträglich sein können. Newtons Theorie der Heterogenität des Lichtes und Goethes Verweis auf eine mögliche Theorie einer Heterogenität der Finsternis werden dem Autor in der (etwas langatmigen) zweiten Hälfte des Buches zum wissenschaftshistorischen Beispiel dafür, dass zwei verschiedene Theorien gleichermaßen gut die Ergebnisse empirischer Forschung erklären können.

Anspruch auf objektive Wissenschaft

Allerdings versucht Müller seine Rehabilitation Goethes auf ganz andere Weise als die aktuelle goetheanistische Naturwissenschaft. Zum Teil räumt er gar mit Vorurteilen auf, die manchmal auch in unseren Kreisen herrschen: Goethe sei gewiss kein Gegner von „Laborwissenschaft“ – vielmehr erfülle er deren Kriterien in vollem Umfang. Auch seien seine Experimente keineswegs „subjektiv“. Sowohl Goethe als auch Newton bedienten sich in einigen Experimenten des „subjektiven“ Blicks mit dem Auge durch das Prisma und in anderen der „objektiven“ Projektion von Bildern auf Schirme. Mit beiden Vorgehensweisen erhöben sie im heutigen Sinne den Anspruch „objektiver Wissenschaft“. Darüber hinaus ignoriert Müller aber so ziemlich alles, was einem goetheanistischen Forscher an Goethes Farbenlehre lieb und teuer ist. Alle Ausführungen zu physiologischen und chemischen Farben, zur psychologischen Wirkung von Farben, zu ihren ästhetischen Aspekten lässt er beiseite. Auch beschränkt er sich fast ausschließlich auf Goethes prismatische Experimente. Und nicht zuletzt lässt er Goethes eigentliche Theorie der physikalischen Natur von Licht und Farbe gänzlich beiseite – weil er sie einfach nicht für rational rekonstruierbar, also letztendlich unverständlich hält. Den aus dieser Vielfalt von Zugängen resultierenden ganzheitlichen und nicht zuletzt auch humanistischen Anspruch Goethes würdigt er allenfalls beiläufig.

Olaf Müller macht seinen Lesern diese Abgrenzung mehrfach ganz explizit deutlich. Unterzieht man sich jedoch der Mühe, die in außerordentlich sorgfältiger Recherche ausgewählten Textbezüge und Experimente in Goethes Schriften nachzuvollziehen, dann wird deutlich, dass Müller sich auf einen geradezu marginalen Ausschnitt der Arbeiten zur Farbenlehre bezieht. Goethe selbst ist dessen experimentelle und theoretische Brisanz wahrscheinlich nicht annähernd so deutlich gewesen wie dem Autor des vorliegenden Buches; denn in diesem Falle hätte er ihnen wohl einen ganz anderen Platz in seiner Farbenlehre zugewiesen. Möglicherweise zieht der dichtende Naturwissenschaftler seine Überzeugungen doch viel mehr aus dem heuristischen Rahmen, den eben die ganzheitliche Behandlung der Farbphänomene liefert.

Aus meiner Sicht handelt es sich bei diesem schönen Buch also weniger um eine umfassende Würdigung Goethes als Naturwissenschaftler – so gerne ich sie von einem prominenten Vertreter akademischer Wissenschaft auch gelesen hätte – sondern eher um eine von Goethes Farbenlehre inspirierte eigenständige kritische Auseinandersetzung des Autors mit den Beweisansprüchen der Newtonschen Theorie – und von Naturwissenschaft überhaupt. Aber auch unter diesem Blickwinkel ist das Buch absolut lesenswert!

Ein Artikel aus der Zeitschrift Info3 – Januar 2016 – hier unverbindlich ein Probeheft bestellen!

 

MüllerOlaf Müller: Mehr Licht. Goethes mit Newton im Streit um die Farben.

Fischer 2015, 544 S., Hardcover, € 26,99.