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Boris Reitschuster, Foto: bestsellery.net

Herr Reitschuster, Sie sind 1991, kurz nach dem Abitur und noch zu Sowjetzeiten, mit zwei Koffern nach Moskau geflogen – und dann, verliebt in das große weite Land und seine Menschen, dort geblieben. Was fasziniert Sie an Russland?

Es war eine unglaubliche Zeit 1991. Die Menschen waren offen für alles, sie hatten das sowjetische System satt, der Leitspruch damals war: „So kann man nicht weiterleben.“ Man wünschte sich Demokratie und Freiheit. Die Offenheit, die Herzlichkeit, die Emotionalität der Menschen, ihre Gastfreundschaft, ihre unkonventionelle, direkte Art, und ganz besonders ihr Humor: Es war bei mir Liebe auf den ersten Blick. Ich habe damals ein halbes Jahr bei einer Gastfamilie gelebt, die nicht auch nur eine Kopeke von mir angenommen hat.

In Deutschland scheint es nur zwei Haltungen zu Russland und seinen Bewohnern zu geben: Die einen halten die Russen für daueralkoholisierte Verkehrsrowdies, die anderen sind sehr um die „russische Seele“ besorgt; sie idealisieren alles Russische, inklusive der Staatsmacht. Können Sie uns zu einem ausgewogeneren Bild verhelfen?

Ich denke, dass viele Deutsche durchaus differenzieren. Das Problem ist, dass uns vor allem diejenigen Russen auffallen, die erstens das Geld haben, um in den Westen zu reisen, und die hier dann zweitens nicht gerade zurückhaltend sind. Die schweigende und nicht reisende Mehrheit kennen leider nur die Russland-Reisenden. Die „Idealisierer“ würden auch sehr schnell aufhören mit ihrem Putin-Lob, wenn sie vor Ort erleben würden, wie die einfachen Menschen unter der Gesetzlosigkeit, der Willkür und dem Steinzeit-Kapitalismus ohne jede soziale Absicherung leiden.

Inzwischen kritisieren Sie offen den Kreml. Es ist bekannt, dass man als kritischer Journalist unter Putin nicht ungefährlich lebt …

Ich wurde verprügelt, von der Polizei angefahren und festgenommen; es gab Morddrohungen. Die Staatsanwaltschaft hat nicht einmal den Anschein erweckt, als würde sie ernsthaft ermitteln. Ich wurde in den Staatsmedien übel beschimpft – das ging so weit, dass man suggerierte, Menschen wie mein Großvater müssten Hitler zum Angriff auf Russland überredet haben, man solle eine Prämie für den größten Russland-Hasser einführen und nach mir benennen. Dann wurde auch noch im Internet meine Adresse veröffentlicht, zusammen mit dem Aufruf, es mir zu zeigen. Ein Stasi-Forscher erklärte mir später, dass der Psycho-Terror, dem ich ausgesetzt bin, aus dem Stasi- bzw. KGB-Lehrbuch stammt und an den Universitäten dieser ehrenwerten Organisationen, die heute in Russland wieder hoch im Kurs stehen, unter dem Begriff „Zersetzung“ gelehrt wurde.

Anna Politkowskaja, die vermutlich international bekannteste Kreml-kritische Moskauer Journalistin, wurde 2006 vor dem Aufzug zu ihrem Appartement erschossen. Und sie ist längst nicht die Einzige, die ihr Engagement für Russland und gegen die Machtelite mit dem Leben bezahlen musste. – Haben Sie Angst?

Ganz klar: ja. Das Problem ist, dass man das Risiko nicht einschätzen kann und geneigt ist, die Gefahr zu verdrängen oder sie ins Lächerliche zu ziehen. Mit Galgenhumor. Man lacht, weil man sonst ständig weinen würde. Wenn ich in Deutschland von diesen Problemen erzähle, denken viele: „Mensch, der hat Verfolgungswahn!“ Das hatte man Politkowskaja auch gesagt. Die Realität in Russland ist so weit von unserer Denkwelt im Westen entfernt, dass viele sie gar nicht wahrnehmen können. Oder wollen.

Manche deutsche Kommentatoren weisen darauf hin, dass bereits unter Jelzin die russischen Medien in den Händen der Oligarchen waren, Pressefreiheit also nur bedingt bestand. Putin jedoch hat in den vierzehn Jahren seiner Regentschaft die Pressefreiheit systematisch abgeschafft. Wie hat man sich das Medienwesen im Russland des Jahres 2014 vorzustellen?

Natürlich gab es unter Jelzin keine Pressefreiheit im westlichen Sinne. Ich habe Jelzin auch nie für einen Demokraten gehalten. Wenn der Westen wirklich eine Ursünde im postsowjetischen Russland begangen hat, dann waren das diese Fehleinschätzung und die  Unterstützung für Jelzin. Aber unter ihm gab es wenigstens verschiedene Meinungen, es gab kremlkritische und kremlfreundliche Oligarchen-Medien und TV-Sender. Putin hat die wichtigen Medien, also das Fernsehen und die großen Zeitungen, gleichgeschaltet. So schwer mir so harsche Worte fallen: Putins Medien betreiben Gehirnwäsche, Kriegstreiberei und Volksverhetzung. Die Propaganda hat inzwischen ein solches Ausmaß erreicht, dass Westdeutsche die Beispiele, die ich erzähle, nicht glauben können. Etwa, dass Putins Medien berichteten, in der Ostukraine würden mit dem Geld der EU Konzentrationslager für Russen erbaut.

Wladimir Putin ist bekanntlich ein Geheimdienst-Mann. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass er die Schlüsselpositionen der Kreml-Macht nach und nach mit alten Freunden – viele von ihnen aus dem Lager des ehemaligen KGB – besetzt hat. Wie weitreichend sind diese Verbindungen?

Diese Seilschaft kontrolliert heute Russland. Sie sitzt an den Schalthebeln der Macht und der Konzerne. Wer ihnen Konkurrenz macht, hat im besten Fall Probleme mit seinem Eigentum, im schlimmsten Fall mit der Lebenserwartung. Mit diesen Männern zog auch die Denkweise des KGBs in den Kreml und die Wirtschaft ein. Was bei uns immer vergessen wird: Diese Männer waren sozusagen die Beißhunde des Sowjetsystems. Damals waren sie immer unter Kontrolle der Partei. Heute sind sie die Hausherren.

In den Jahren 2011/2012  gab es in Russland zuletzt eine große Oppositionsbewegung. Zehntausende Menschen waren auf den Straßen und haben gegen „die Macht“ im Kreml protestiert – etwas, das sich Anna Politkowskaja immer gewünscht hat. Was ist damals geschehen und warum ist Ihrer Einschätzung nach auch dieser berechtigte Volkszorn inzwischen versandet?

Putin hatte mit seiner zynischen Macht-Rochade den Bogen überspannt: Als er zugab, dass er die Russen jahrelang an der Nase herumgeführt hatte mit der Marionette Medwedew, als die Fälschungen allzu dreist wurden. Als er nach ersten Protesten die Erkennungszeichen der Demonstranten mit Präservativen und sie selbst mit Affen verglich. Das war zu viel. Es waren dann plötzlich Hunderttausende, die auf die Straße gingen, und da bekam es Putin mit der Angst zu tun. Er wechselte die Taktik, verhielt sich geschickter, fraß Kreide. Und die Opposition verstand es nicht, die Gunst der Stunde zu nutzen – nach vielen Jahren Diktatur ist sie stark angeschlagen.

Ich denke, die Ukraine-Krise ist auch eine Reaktion auf die Ereignisse von damals: Putin sitzt seither der Schrecken im Rücken, und mit der Kriegsstimmung, dem Hurra-Patriotismus, schart er die Menschen um sich, lenkt von den inneren, sozialen Problemen ab. Aber das funktioniert nur kurzfristig.

Damit sind wir bei der aktuellen Lage. Alle Welt fragt sich: Wohin steuert Wladimir Putin? Was glauben Sie?

Er will die Ukraine kontrollieren. Zum einen, weil er nicht als derjenige russische Präsident in die Geschichte eingehen will, der die Ukraine verloren hat. Zum anderen, weil in der Ostukraine Rüstungsschmieden liegen, die entscheidend sind für seine Pläne, Russland hochzurüsten. Am wahrscheinlichsten ist ein georgisches Szenario: In der Ostukraine will Putin einen Brückenkopf errichten wie Abchasien und Süd-Ossetien in Georgien, wo man mit kriminellen Mitteln und örtlichen Machthabern für Instabilität sorgt. Langfristig will er die ganze Ukraine wieder unter Moskaus Kontrolle stellen, etwa, indem er, wie in Georgien, einen kremltreuen Politiker an die Macht bringt. Die meisten Menschen im Westen haben im Fall Georgiens nicht einmal begriffen – beziehungsweise zu spät begriffen –, dass genau das passiert.

Insbesondere in Deutschland wird gerne darauf verwiesen, dass vor allem die Administration der USA, aber auch die EU und letztlich überhaupt alle Staatsregierungen um keinen Deut besser seien als die russische.

Ich halte eine solche Position für ausgesprochen zynisch – oder naiv. In den USA und auch in der EU mag vieles im Argen liegen, aber es sind Demokratien und Rechtsstaaten. Russland unter Wladimir Putin ist hingegen ein Unrechtsstaat, in dem täglich Menschenrechte, Gesetze und soziale Rechte der Menschen mit Füßen getreten werden. Während bei uns das Recht die Norm und das Unrecht die Ausnahme ist, ist es in Russland umgekehrt. Wer das leugnet oder verdrängt, versündigt sich in meinen Augen an den einfachen Menschen in Russland, die unter diesem System leiden – und es in ihrer Mehrheit nur deshalb erdulden, weil ihnen die Medien täglich eintrichtern, im Westen sei es auch nicht besser; Unrecht, Willkür und Diktatur seien quasi ein Naturgesetz. Das geht so weit, dass mir meine russischen Freunde nicht glauben, dass ich noch nie einen Polizisten bestochen habe, dass man vor unseren Gerichten als einfacher Mensch Recht bekommen kann und dass das Ergebnis bei Wahlen nicht vorher feststeht.

Was müsste passieren, damit Russland sich – endlich und im Dienste seiner Bürger – zu einem freien, modernen Land entwickeln kann?

Das, was in der Ukraine gerade passiert. Es wird in Russland nicht von heute auf morgen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geben. Demokratie vielleicht noch viel später als Rechtsstaatlichkeit. Das größte Vergehen von Putin ist nicht, dass er beides nicht durchsetzen kann. Das Problem ist, dass er den Russen weismacht, beides gebe es gar nicht, beides sei schlecht, und dass seine Medien darüber in einem Tonfall berichten, als handele es sich um Geschlechtskrankheiten. Die Quintessenz des Putinismus besteht darin, den Menschen einzureden, dass die vorhandenen Missstände normal seien.

In der Ukraine geschieht genau das Gegenteil: Es gibt weiter Korruption, Willkür, Machtmissbrauch. Aber niemand käme dort mehr auf die Idee zu sagen: „Das ist gut so. Wir brauchen das so. Das ist überall so.“ Das ist ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entwicklung einer zivilisierten Gesellschaft. Russland bewegt sich mit Siebenmeilenstiefeln in die andere Richtung. ///

Das Interview führte Felix Hau.

 

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Putins Demokratur
Ein Machtmensch und sein System.
Econ, 3., aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 2014
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