Lieber Jürgen Domian,

Ohne Dich wären meine Nächte ganze Nächte. Deine Sendung teilt die Nacht für mich seit elf Jahren in eine Vor-Domian und eine Nach-Domian Hälfte. „Ihr Lieben“ sagst Du um ein Uhr in der Nacht Im Radio EinsLive und im WDR-Fernsehen, und dann öffnen sich die Seelen der Zuhörer, sie rufen Dich an und lassen uns zu Teilhabern an ihrer  Lust und ihrem Schmerz werden. Sie öffnen sich Dir, erzählen (oft zum ersten Mal)  von unfassbaren Verletzungen und unerhörtem Heldentum mitten im Alltag. Sie  vertrauen sich Dir an und Du hörst zu, nimmst ernst, beschönigst nichts und  dann antwortest Du.

Deine Antworten aber haben sich völlig verändert. Warst Du in der ersten Zeit noch der Alles-Allesversteher, der jedem Sünder die Absolution erteilte, so bist Du jetzt ein strenger, gerechter Richter geworden, der harte Urteile fällt und Umkehr fordert. Als Du Dich so verändert hast, fand ich das zunächst entsetzlich moralisierend und ich kannte viele Ex-Domian-Fans, die Deinen schleichenden Kurswechsel als „konservatives Rollback“ verabscheuten. Zuerst stimmte ich in diese Melodie ein, dann hörte ich Dir genauer zu und mittlerweile glaube ich, dass ich eine Lektion von Dir gelernt habe.

Auf der einen Seite lebst Du selber das tolerante „anything goes“, bisexuel und offen für alle Formen des hedonistischen Glücks. Auf der anderen Seite gibt es höhere Werte, die Du als Moderator eindrucksvoll ernst nimmst. Du bringst diese beiden Seiten zusammen, weil Du in Dir eine Hierarchie der Werte entwickelt hast. Das Wichtigste ist Dir, dass keiner zu physischem oder seelischem Schaden kommt, ist das geklärt, dann ist alles erlaubt. Soweit konnte ich natürlich mitgehen.

Aber dann kam etwas Neues und für unsere Zeit sehr atypisches dazu: Untreue, zum Beispiel, verurteilst Du – auch wenn der Betrogene nichts davon weiß. „Das ist nicht korrekt – damit musst Du aufhören“, sagst Du dann, oder bei chronischen Fällen: „das ist wirklich das Allerletzte“. Menschen, die Dir von ihren Verbrechen erzählen, sagst Du, sie hätten „schwere, schwere Schuld“ auf sich geladen und Leute, die mit sich ringen, ob sie einen Verwandten anzeigen sollen, der sein Kind schlägt, sagst  Du, dass sie „die verdammte Pflicht“ dazu haben, und zwar „nicht morgen,  sondern sofort, sonst bist Du verantwortlich für alles weitere!“ Die Opfer oder  Menschen in unglücklichen Beziehungen forderst Du auf, diese Situation  unverzüglich zu verlassen und hart gegen die Peiniger, aber auch hart gegen sich selbst zu sein.

Du wirst immer strenger und genau das wollen die Leute von Dir hören. Warum? Weil Du aufgehört hast, Deinen Zuhörern das Ego zu streicheln, weil Du nicht mehr die eitle Persönlichkeit ansprichst, die für alles eine dreiste Ausrede hat, sondern weil Du Deine Zuhörer beim großen ICH packst, sie in ihrem höheren Selbst ansprichst, weil Du diese edle Version des Menschen dazu provozierst, das fette Ego in den Arsch zu treten und endlich das Zepter der Selbst-Verantwortung in die Hand zu nehmen.

Du hast eine intime Beziehung zu archaischen Dingen, aber sie sind für Dich nur die Grundlage, auf der das Bedeutsame aufbaut. Weil Du weißt, dass Dein Job für viele Menschen wirklich wichtig ist, weil Du die Verantwortung, die damit verbunden ist, annimmst, hast Du Dich für ein asketisches Leben entschieden – etwas an Dir ist wie ein Mönch, und das strahlst Du auch aus. Du kennst Dich aus in der Unterwelt, aber Du weißt auch umr die Bedeutung der Oberwelt und des Himmels mit seinen übersinnlichen Phänomen, die Dich so sehr faszinieren.

In Deiner Hierarchie ist Dir Lust und Gier elementar und Du rufst zur Integration dieser bio-emotionalen Basis auf, aber Treue zum ehrlichen Leben, Verantwortung für seine Taten und humanistische Tugenden, die sind Dir wichtiger und stehen für Dich höher. Ganz oben steht bei Dir die Liebe, und Du liebst Menschen, die lieben können. Dann strahlst Du!

Es gibt in Dir die Hierarchie der Werte und das ist es, wonach sich Deine Zuschauer sehnen, dass ihnen jemand sagt, was bedeutsamer ist und was weniger bedeutsam. Sie wollen nicht länger für jeden narzistischen Nonsens geliebt werden, vor allem dann nicht, wenn er anderen weh tut. Sie wollen jemanden, der seinen Blick auf dasjenige in ihnen richtet, was groß ist und heilig und was bereit ist aufzustehen und alles zur verändern.

Dein gesunder Menschenverstand verleiht Dir Gewicht und es ist der gesunde Teil der Menschen, der Dich anruft und der von Dir gestärkt werden will. Dieser Teil des Menschen, der bereit zur Veränderung ist, der wird von Dir in seiner Tiefe angesprochen ihm gilt Dein Zuspruch, Dein Mitgefühl und Deine Liebe. Du bist den asozialen Egos ein strenger Richter und dem Ich, welches sich von dieser Verstrickung befreien will, bist Du ein treuer Diener – in unendlich vielen Nächten. Werte sind wertvoll. Diese Lektion habe ich von Dir gelernt und dafür danke ich Dir „von ganzem Herzen“.

Herzlich, Dein Sebastian Gronbach