Buchbesprechung

Leitwolf gesucht

Jesper Juul über ein neues Bild von Führung in Familien

 

 

Führung ist für die Regulation und Selbstregulation sozialer Systeme und ihrer Mitglieder wichtig. Kindern – darüber sind sich Experten einig – brauchen Führung. Wie aber kann sie heute, in einer Zeit, in der die Idee individueller Entwicklung und Entfaltung die traditionellen Rollenmuster abgelöst hat, in Familien und Institutionen gelingen?

Die Emanzipation der Frauen und die Bewegung der antiautoritären Erziehung haben das traditionelle Konzept elterlicher Führung in Familien zum Kippen gebracht. Nur langsam, so der dänische Psychologe und Familienberater Jesper Juul in seinem Buch „Leitwölfe sein“, setze sich ein neues Paradigma an die Stelle des alten. Gezeigt hat sich, dass weder die autoritäre noch die antiautoritäre Erziehung hilfreich waren für die Entwicklung von Selbstwertgefühl und gesunden sozialen Beziehungen.

Selbstwertgefühl aber, so Jesper Juul, sei der wichtigste Parameter für Gesundheit. Während Selbstvertrauen durch Kompetenzgewinn gestärkt werden kann, sei die Entwicklung von Selbstwertgefühl auf zwischenmenschliche Beziehungen angewiesen, die von Liebe, Zuverlässigeit, Vertrauen und Authentizität getragen sind. Eltern, so Jesper Juul, haben die hunderprozentige Verantwortung für die Qualität der Beziehungen, in denen ihre Kinder in der Familie aufwachsen, und die Art und  Weise, wie Erwachsene diese Verantwortung tragen, sei maßgeblich für die Entwicklung der Kinder. Zugleich aber sind auch die Eltern selbst Lernende, die gerade in Bezug auf das Selbstwertgefühl in den Beziehungen zu ihren Kindern viel profitieren können, wenn sie Führung nicht als eine Frage der Macht, sondern als eine Sorge für das Wohl aller Beteiligten verstehen. Jesper Juul prägt in diesem Kontext den Begriff der Gleichwürdigkeit: Nicht Gleichheit, wohl aber Gleichwürdigkeit sei der Schlüsselbegriff für gesunde Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Das bedeutet, dass Eltern für ihre Kinder, denen es aufgrund ihres Lebensalters an Erfahrung, Voraussicht und Orientierung mangelt, Führung übernehmen, ohne ihr Selbstwertgefühl, ihre Integrität und ihre Würde durch Macht, Machtmissbrauch oder Gewalt zu verletzen. Das heißt, ohne das Kind zur Anpassung zu zwingen, es zu beschämen oder sein Selbstwertgefühl und seine Integrität zu beschädigen – Erziehungsmethoden, mit denen die heutige Elterngeneration selbst noch aufgewachsen ist. Wie das gelingen kann, zeigt Juul anhand einer Vielzahl von Beispielen, die zeigen, wie schnell Konflikte in kräftezehrende Machtkämpfe ausarten können und alte Strukturen von Gehorsam und Unterwerfen reaktivieren – Beispiele, die vielen aus dem Familienalltag vertraut sein dürften.

Leitwölfe jedoch kommen weitgehend ohne Kampf und Aggression aus. Das Bild des Wolfes hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Galt er einst als böses, listiges, räuberisches Tier, so versteht man heute, dass Wolfsrudel über ein gut funktionierendes System von Führerschaft und eine hochentwickelte Sozialstruktur verfügen. Für Führung innerhalb von Familien gelte dasselbe: Der Schlüssel zum Erfolg sind klare Strukturen, eindeutige Signale und Beziehungen, die auf Nähe basieren.

Jesper Juul schärft mit seinem Buch erneut den Blick für die Möglichkeiten der Gegenwart: Wir leben in einer Gesellschaft, die uns die größtmögliche Freiheit bietet, unsere Potenziale zu entfalten – das gelingt jedoch nur, wenn wir bereit sind, die volle Verantwortung für unsere eigene Entwicklung und die unserer Kinder zu übernehmen, auch die Verantwortung für unsere Fehler. Nicht Perfektion und die Erfüllung von Ansprüchen sind das Ziel im Zusammenleben mit Kindern, sondern Neugier, Offenheit für Entwicklungsprozesse und die Bereitschaft, sich selbst zu befragen und weiter zu lernen. Und diese Eigenschaften wurden uns glücklicherweise in die Wiege gelegt.

 

Jesper Juul: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie. Beltz 2016. 216 S., € 16,95.

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