Stichwort Lichtempfindlichkeit

Leben in einer Disko

Solange die Sonne scheint, ist alles gut. Doch mit der Dämmerung beginnt es zu flimmern, aus Smartphones, LED-Straßenlaternen und -Ampeln, aus Fahrzeugscheinwerfern und digitalen Werbetafeln. Besonders die dunkle Jahreszeit ist eine Tour de Force für Lichtempfindliche, für Menschen wie Maximilian Blaschke von der Selbsthilfegruppe „Lichtgesundheit“ in Leipzig.

Maximilian Blaschke, du behauptest von dir, dass du wegen einer erhöhten Sehfrequenz die Bewegungen von elektrischem Licht mitverfolgen kannst. Was bedeutet das?

Ich lebe in einer Disko! Denn das stroboskopartige Flimmern vieler LEDs sowie das Flackern und Aufblitzen von Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen ist für mich deutlich wahrnehmbar. Ein wildes Geblinke aus allen erdenklichen Richtungen und Winkeln, das seine Bewegungen überall dort fortführt, wo es hinleuchtet.
Und das beeinträchtigt nicht nur mein Wohlgefühl, sondern verursacht beinahe unmittelbar Übelkeit, Schwindel, Orientierungslosigkeit sowie starke Schmerzen in Augen und Kopf, denen bei einer Flimmer-Überdosis Fieber folgt. Sobald das Sonnenlicht nicht mehr ausreicht, jenes diskontinuierliche Licht aufzufüllen, muss ich dringend eine sichere Umgebung aufsuchen, in der ich mich auch ohne Sehen zurechtfinde. Ein normales Leben zu führen, ist mir so nicht möglich.

Beim Verlassen deiner Wohnung in Leipzig trägst du immer einen Notfallkoffer mit Glühbirnen bei dir. Wie ist der bestückt und was tust du damit?

Bevor ich zu einer Verabredung gehe, erkundige ich mich nach den dortigen Lichtverhältnissen und Lampenfassungen. Bei Bedarf bringe ich entsprechende Glühbirnen mit. In meinem Notfallkoffer habe ich zudem immer je zwei 60, 40 und 25 Watt-Birnen. Damit bin ich im Alltag flexibler und kann auch auf unvorhergesehene Situationen gelassener reagieren.

Wie reagiert deine Umwelt auf diese Empfindlichkeit?

Bisher stoßen Flimmer-Betroffene wie ich allzu oft auf Unverständnis. Ich möchte jedoch, dass Betroffene mit ihrem Problem, das technisch ja lösbar wäre, ernstgenommen werden. Sogenannte „asthenopische Beschwerden“ sind in der Lichttechnik bekannt und medizinisch dokumentiert. Es würde mich daher sehr freuen, wenn dieser Umstand künftig auch öffentlich thematisiert und bei Entscheidungen berücksichtigt wird – ähnlich wie bei barrierefreien Bauvorhaben. Da darf die Beleuchtung gern ebenfalls barrierefrei sein! Doch es gibt auch Lichtblicke. Wenn ich mein Erscheinen vorher angekündigt habe, werden mancherorts Glühlampen eingeschraubt oder elektrisches gegen Kerzenlicht ausgetauscht. Für den sicheren Hin- und Rückweg bin ich, vor allem in dieser Jahreszeit, zumeist auf eine Begleitperson angewiesen.

Auf uns eindringendes Kunstlicht ist ja nicht nur die Beleuchtung, sondern sind eben auch unsere unzähligen Displays. Wie verträgst du die?

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie andere Menschen unentwegt auf kleine wie große Bildschirme schauen und damit spielen, lesen oder etwas betrachten, während ich nur flimmerbuntes AN-AUS-AN-AUS erkennen kann. Je moderner die Geräte, desto schlimmer das Geflimmer. Früher habe ich gern ferngesehen – vor LED-Fernsehern nehme ich Reißaus. DVD-Filme schaue ich nur selten und dann auch mehr mit den Ohren. Um meine Anfragen für bessere Lichtbedingungen versenden zu können, ist mein alter Monitor auch nur minutenweise bei genügend Tageslicht eingeschaltet. Gewissermaßen ist der Drucker mein Bildschirm.

Hast du Freunde und Kollegen, die ähnlich empfindlich sind?

Mir sind Elektrosensible in meinem Umfeld bekannt. Wohingegen eine extreme Sehüberforderung durch Lichtflimmern wie in meinem Fall wohl eher selten ist.

Ich stelle dir diese Fragen in der dunkelen Jahreszeit. Du hast sie eben schon erwähnt. Kannst du noch genauer ausführen, wie du dir die organisierst?

Ich halte Winterschlaf! Zumindest bleibe ich überwiegend zu Hause und setze mich von dort aus für gesunde Lichtbedingungen ein. Ich sensibilisiere, bitte um Mithilfe, stelle Anfragen, lasse mich beraten und bin für Betroffene da. Die beiden vorangegangenen Winter erlebte ich als sehr unangenehm. Vor dem jetzigen fürchtete ich mich bereits seit dem Frühjahr. Denn das Geflimmer nimmt stetig zu. Und da eine baldige Besserung der Beschwerden weder für mich noch für weitere Betroffene zu erwarten ist, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Marktdurchdringung technisch minderwertiger Leuchtmittel zu beanstanden und Lösungen zu erkunden. An sonnigen Tagen verteile ich außerdem für die Selbsthilfegruppe Handzettel und erzähle bei Interesse ein paar Worte zum Thema LICHTGESUNDHEIT. Doch so wie der Wattwanderer noch vor der Flut das rettende Ufer aufsuchen sollte, muss ich noch vor Einbruch der Dunkelheit mein sicheres Heim erreicht haben, um nicht im Lichtermeer unterzugehen.

Magst du Dunkelheit?

Ich liebe die Nacht. Die Dunkelheit bewirkt eine veränderte Tiefenwahrnehmung und erschafft eine magische Welt aus Schemen, Schatten und Spiegelungen. Doch in einer lichtverschmutzten Stadt wie Leipzig kann ich sie nicht genießen. Überall flimmert es – durch beinahe jedes Fenster, auf den Balkonen, in den Gärten, aus Smartphones, LED-Straßenlaternen und -Ampeln, auf beleuchteten Bäumen und Gebäuden, aus Fahrzeugscheinwerfern und digitalen Werbetafeln, an Hausnummern und Klingelschildern – Disko, soweit das Auge reicht! Bei Kerzenschein und Kaminfeuer kann ich mich hingegen wunderbar entspannen.

Kennst du in Deutschland Städte und Regionen, wo eher noch traditionelles Licht im Einsatz ist?

Nein, da kenne ich keine. Mit der derzeitigen Klimapolitik wird angestrengt „Modernität“ betrieben. Als leuchtendes Vorbild walzt Greenpeace vor dem Brandenburger Tor dann auch schon mal zehntausend fabrikneue Glühbirnen platt, um den Klimawandel zu bekämpfen. Diese Politik: noch Gebrauchsfähiges gegen sich noch zu Bewährendes großflächig auszutauschen, ohne etwaige Nebenwirkungen zu kennen, halte ich für bedenklich. Hier wünsche ich mir zuvor eine gründliche Lebenszyklus-Analyse durch alle Prozessschritte und Aktivitäten eines Leuchtmittels, die auch mögliche Schäden an Produzenten, Verbrauchern und Umwelt mit einbezieht und somit den tatsächlichen Gesamtenergieaufwand vergleichbar macht. ///

Die Fragen stellte Ronald Richter.

Selbsthilfegruppe LICHTGESUNDHEIT Leipzig 

Tel: 0341/ 97 51 400

E-Mail: lichtgesundheit@web.de

Ein Text aus der Ausgabe 2/2018 von Info3. Mehr zum Thema in unserem Sonderheft „Mehr Licht“

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