Langzeit-Dokumentation über Waldorfschulklasse

Glücksfall für die Waldorf-Welt

Acht Jahre lang begleitete die Filmemacherin Maria Knilli eine bayerische Waldorfschulklasse durch die Klassenlehrerzeit – von den ersten mühsam gezeichneten „Krummen und Geraden“ über Ackerbau- und Hausbau-Epoche bis hin zu Klassenspiel und Achtklass-Jahresarbeiten. Nun ist der dritte und letzte Teil der ungewöhnliche Langzeit-Dokumentation abgeschlossen: Am 10. Mai hat „Auf meinem Weg“ auf dem Münchener DOK.fest Premiere.

Wenn Kinder in die Schule kommen, entlassen ihre Eltern sie in eine Sphäre, an der sie nur indirekt teilhaben – und das ist natürlich auch gut so. Dennoch fragen sich gerade Eltern, die selbst keine Waldorfschule besucht haben, sicherlich häufig, was ihre Kinder dort eigentlich so alles erleben. Was es bedeutet, dass sie (meist) acht Jahre lang die ersten beiden Stunden des Tages mit ihrer Klassenlehrerin, ihrem Klassenlehrer verbringen. Dass sie in dieser riesigen Klassengemeinschaft mit Wachsblöckchen die ersten Krummen und Geraden malen, beim Rechnen herum hüpfen, Flötespielen lernen. Gemeinsam älter werden. Manches erzählen die Kinder, manches erahnen die Eltern, wenn sie beim Elternabend einmal selbst Formenzeichnen, Eurythmie oder andere „Waldorf-Specials“ ausprobieren.

Intime Einblicke ins Waldorf-Klassenzimmer

Vor dem Hintergrund dieser persönlichen Fragen, aber auch der breiten bildungspolitischen Diskussion über alternative pädagogische Ansätze kann das ungewöhnliche Waldorf-Filmprojekt der Münchner Filmemacherin Maria Knilli nur als Glücksfall bezeichnet werden. In Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk hat sie eine Langzeit-Dokumentation über eine Klasse der Waldorfschule Landberg am Lech gedreht, die intime Einblicke ins Waldorf-Klassenzimmer erlaubt. Was mit „Guten Morgen, liebe Kinder“ 2010 seinen Anfang nahm und 2013 mit „Eine Brücke in die Welt“ fortgesetzt wurde, findet nun mit „Auf meinem Weg“ seinen zumindest vorläufigen Abschluss: Entstanden sind drei abendfüllende Dokumentarfilme, mit denen wir die Schülerinnen und Schüler durch die achtjährige Klassenlehrerzeit begleiten, durch die wir an Höhepunkten teilhaben wie den Klassenspielen oder einer Alpenüberquerung in mehreren Etappen, aber eben auch an den ganz alltäglichen Momenten, die das Leben und Lernen an einer Waldorfschule ausmachen. Und auch wenn die Praxis der Waldorfpädagogik in hohem Maße von der Persönlichkeit der jeweiligen Lehrerinnen und Lehrer abhängt, zeigt doch das Beispiel dieser Landsberger Klasse eine Ausprägung dieser Pädagogik, die durchaus auch allgemeinere Rückschlüsse zulässt.

Dass „Auf meinem Weg“, der Film über die siebte und achte Klasse, auf dem DOK.fest München Premiere feiert, ist durchaus als Ritterschlag zu werten. Der BR sendet den Film eine Woche später, zeitgleich erscheint die DVD. Aus den teils verträumten, teils wilden Erstklässlern sind hochaufgeschossene Teenager geworden, mit allen Ecken und Kanten, die in diese Entwicklungsphase gehören. Anders als bei den vorhergehenden beiden Filmen kommen die Jugendlichen diesmal auch direkt zu Wort – sie befragen sich gegenseitig vor der Kamera zu ihren Erfahrungen: Welche Bedingungen sie brauchen, um gut lernen zu können, was ihnen an der Waldorfschule gefällt oder was nicht, oder auch, wie sie die lange gemeinsame Lern-Zeit mit ihrer Klassenlehrerin Christiane Umbach beurteilen.

Interview

Frau Knilli, Sie haben nun mit allen Vor- und Nachbereitungen insgesamt rund zwölf Jahre Lebenszeit in dieses ungewöhnliche Filmprojekt gesteckt. Wenn Sie zurückschauen – welches Fazit ziehen Sie dann?

Es gibt zwei Punkte: Das eine war für mich die Erkenntnis, dass der Mensch lernen will und man ihn nur nicht stören darf. Schon nach dem ersten Film habe ich begriffen, dass das geradezu ein Naturgesetz ist. Das zweite, mindestens genauso Wichtige: Beziehung als Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen. Das konnte ich immer wieder beobachten, etwa wenn neue Fachlehrer in die Klasse kamen. Es brauchte immer eine Zeit, bis sich die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern aufbauen konnte, erst dann lief die Zusammenarbeit gut.

Sind Sie jetzt froh, dass es vorbei ist – oder eher wehmütig?

Das Ganze war natürlich ein Kraftakt, aber eben auch ein Geschenk, dass wir über eine so lange Zeit hinter die Klassentüren schauen durften. Ich war schon ein bisschen wehmütig, Abschied von den Jugendlichen zu nehmen. Tatsächlich würde ich gerne in zwei Jahren, wenn sie in der zwölften Klasse sind, noch ein Folgeprojekt machen und sie am Ende der Waldorfschulzeit zu ihrem Resümee und vor allem auch zu ihren Plänen befragen.

Allerdings geht das Projekt auch jetzt schon auf einer anderen Ebene weiter: Wir bereiten in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Forschungsstelle des Bundes der Freien Waldorfschulen ein Video-on-Demand-Portal vor, für das wir das umfangreiche, spannende Filmmaterial nutzen wollen, das in den acht Jahren Dreharbeiten entstanden ist und natürlich nur zu einem kleinen Teil in den Filmen verwendet wurde.

Was ist da genau geplant?

Wir bereiten das Material so auf, dass es Unterrichtsbeispiele zu bestimmten thematischen Fragestellungen bietet. Zugang zu diesem nicht-kommerziellen Portal bekommen dann alle Interessenten, die sich als Hochschulangehörige oder Lehrer bzw. Studierende ausweisen können. Die Ausrichtung ist international: Alles wird englisch untertitelt, nach Möglichkeit auch noch spanisch. Im Herbst 2017 soll es online gehen, und dann je nachdem, welchen finanziellen Spielraum wir haben, sukzessive weiter ausgebaut werden.

Mehr Informationen:

32. DOK.fest München

„Auf meinem Weg“, Filmpremiere und Panel-Diskussion, mit Bayern2-Notizbuch-Moderator Klaus Schneider, Hennig Kullak-Ublick vom Bund der Freien Waldorfschulen, BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann und Maria Knilli, Mittwoch, 10.5.2017, 18 bis 20:45 Uhr, Rotes Kino HFF München

Sendetermine:
„Guten Morgen, liebe Kinder“ , BR Fernsehen, Dienstag, 9.5.2017, 22:30h
„Eine Brücke in die Welt“, BR Fernsehen, Dienstag, 9.5.2017, 24:00h
„Auf meinem Weg“, BR Fernsehen, Dienstag, 16.5.2017, 22:30h

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