Fieber

Wie jeder vernünftige Mensch hoffe ich natürlich, gesund zu bleiben, und ich tue sogar einiges dafür. Aber wenn es mich „erwischt“, dann versuche ich, die Krankheit willkommen zu heißen und das Beste daraus zu machen. Sobald ich spüre, dass es kein Zurück mehr gibt, dass kein heißes Bad, kein Eisbeutel und kein Wickel, weder Schnaps noch Kräutertee helfen, dann wehre ich mich nicht länger, sondern öffne die Tür für den ungebetenen Gast und bemühe mich, ihn mit derselben Freundlichkeit zu behandeln wie jeden anderen Besucher. Vielleicht gelingt es mir ja, mit ihm ins Gespräch zu kommen, oder er hat mir sogar etwas Wertvolles mitgebracht und wartet nur darauf, sein Geschenk auf meinem Tisch ausbreiten zu dürfen. Auch wenn ich natürlich mein medizinisches Denken nie vollständig abschalten kann, richte ich mich emotional so gut es eben geht in der Rolle des Patienten ein und erkunde aus dessen Innenperspektive eine Welt, von der ich sonst als Arzt von früh bis spät nur die Außenseite wahrnehme. Auf diese Weise mache ich laufend neue Entdeckungen und lerne nicht nur mich selbst besser kennen, sondern lasse mich auch über die tieferen Zusammenhänge von Gesundheit und Krankheit belehren, wie sie in keinem Lehrbuch und auf keinem medizinischen Kongress dargestellt werden.

Zuletzt ist es mir vor wenigen Wochen so ergangen, als das Sturmtief Felix über  Deutschland hinweg zog und ich, vielleicht ein wenig zu leicht bekleidet, eine größere Joggingrunde durch die Fränkische Landschaft drehte. An diesem Spätnachmittag herrschte ein Wetter, das wirkliche Extreme in sich vereinte. In der einen Richtung leergefegter, strahlend blauer Himmel und die intensivste Wintersonne, die möglich ist, in der anderen eine bedrohlich dunkle Wolkenfront, die sich jedoch bald auflösen sollte. Eben hatte mir der Wind bei Überqueren der Straße noch eine erfrischende Brise Eisregen in Gesicht geschleudert, da hatte ich schon Schutz in einem Eichenwald gefunden, der mich mit seinem milden Mikroklima umschmeichelte. Und als ich nach ein paar Kilometern den Wald hinter mir ließ und wieder ins Freie kam, vor mir das offene fränkische Land, wurde ich mit dem intensivsten Sonnenuntergang beschenkt, den ich jemals östlich von Kalifornien erlebt habe. Der Himmel explodierte förmlich in Purpur, Orange und tiefroten Farbtönen. Ich war ergriffen wie ein Kind, das zum ersten mal einen Bach-Choral hört, und das Tosen des Windes, gegen den ich anlief, kam mir vor wie Musik. Als mir zwei Spaziergänger begegneten, schweren Schrittes und in dicke Anoraks gehüllt, die Mützen tief ins Gesicht gezogen, musste ich über ihre Montur schmunzeln, wie kann man sich an einem so schönen Tag nur so vermummeln…

Rote Nase, roter Kopf

Als ich nach Hause kam und ein wenig aufgewärmt hatte, fasste ich mich kurz an die Nase, wo ich einen leichten stechenden Schmerz spürte, den ich sogleich wieder verdrängte. In der Nacht hatte ich wohl ein wenig Fieber, war aber wie die meisten Patienten zu faul, die Körpertemperatur zu messen. Am nächsten Morgen war meine Nase ein wenig geschwollen und leuchtete rötlich – nicht ganz so intensiv wie der Sonnenuntergang am Vorabend. Allerdings war mein Gesicht insgesamt etwas röter als sonst, so dass die Nase nicht negativ auffiel. Vielmehr musste ich mir, wohl wegen meiner „gesunden“ Gesichtsfarbe, von meinen Patienten öfter als sonst anhören: „Herr Doktor, Sie sehen heute aber gut aus“, worauf ich wie üblich ein kaum hörbares „Das täuscht“ nuschelte. In der Nacht hatte ich wieder Temperatur, die ganze Nase und Teile der rechten Gesichtshälfte schmerzten, Lymphknoten waren geschwollen und taten weh. Mir war klar, dass ich es mit einer beginnenden Weichteilinfektion zu tun hatte, möglicherweise ausgelöst durch die starken Einwirkungen von Winde, Nässe und Kälte bei meinem Lauf am Tage zuvor. Ich nahm mehrfach Globuli von einem bewährten anthroposophischen Arzneimittel ein, das ich in solchen Fällen im Anfangsstadium oft verordne. Ansonsten hilft bei solchen Infektionen häufig nur ein hochdosierte Antibiotikum. Am nächsten Morgen tat die Nase richtig weh und war gefühlt auf das Doppelte angeschwollen und noch röter als am Tag davor. Ich fühlte mich schwach, entschied mich aber dennoch zur Arbeit zu gehen, die Globuli weiter zu nehmen und kein Antibiotikum. Stattdessen bestellte ich mir das Arzneimittel, das ich bisher in Form von Streukügelchen (Globuli) im Mund zergehen lassen hatte, als Ampullen zum Spritzen. Gegen Mittag fühlte ich mich so schwach, dass ich Termine absagen musste. Auch Schmerzen und Schwellung hatten nochmals zugenommen. Einen Patienten hätte ich in dieser Situation wahrscheinlich ins Krankenhaus eingewiesen. Inzwischen waren aber auch die Ampullen da, so dass ich mir sofort eine Spritze unter die Haut geben konnte. Es handelte sich um dieselbe Mischung aus potenzierten Zubereitungen aus Tollkirsche, Honigbiene und Quecksilber, die ich die ganze Zeit schon eingenommen hatte (Apis/Belladonna cum Mercurio), ohne eine besondere Wirkung zu spüren, außer vielleicht einer gewissen Erleichterung kurz nach der Einnahme.

Umwerfende Spritze

Die Wirkung der Spritze hat mich jedoch – im positiven Sinne – umgehauen. Schon eine Stunde später fühlte ich mich nur noch halb so krank, die Schmerzen ließen nach, Nase, Gesicht und Lymphknoten waren deutlich abgeschwollen, und ich war wieder kräftiger. Und nach insgesamt 4 Spitzen in den nächsten 36 Stunden war ich zu meiner Überraschung bis auf geringfügige Restbeschwerden wieder gesund. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nach über 20 Jahren als anthroposophischer Arzt bedurfte es dieser abenteuerlichen Selbsterfahrung, um die überlegene Wirksamkeit von Spritzen gegenüber der Einnahme durch den Mund mit dieser Deutlichkeit zu erleben. Selten habe ich in so kurzer Zeit so viel gelernt wie durch diese Gesichtsphlegmone. Danke.

Die Vorliebe für Spritzen geht übrigens auf Rudolf Steiner zurück, der die Vorteile der Injektionstherapie in bestimmten Krankheitssituationen aufzeigte. Heute muss sie immer wieder neu gerechtfertigt werden: vor Behörden, welche die Notwendigkeit von homöopathischen und anthroposophischen Ampullenpräparaten anzweifeln und Wirksamkeitsnachweise fordern, aber auch gegenüber Patienten, welche die Kosten, die meist zwischen 5 und 10 Euro pro Spritze liegen, häufig selbst tragen müssen. Denn anthroposophische Injektionen sind meist keine Kassenleistung. ///

 

Achtung! Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und keine Empfehlungen. Er stellt keine ärztliche Beratung oder Anleitung dar. Weder der Autor noch der Verlag übernehmen eine Garantie oder Haftung für seinen Inhalt.

 

Dr. Frank Meyer ist Experte für Naturheilverfahren und schreibt seit 1980 für Info3. Seit 1994 praktiziert er als integrativer Hausarzt in Nürnberg.