Hildmann

 

Lieber Attila Hildmann,

kürzlich begegnete ich Dir auf Spiegel TV in einer Reportage, die ich mir während einer Arbeitspause ansah. Unter dem Titel Vegane Shooting-Stars – erfolgreich auf Gemüse plädiertest Du zusammen mit dem Unternehmer Jan Bredack und der Köchin Nicole Just für weniger Öko-Klischees und mehr Life Challenge in der veganen Bewegung. Anfangs noch angeregt von Deiner Coolness musste ich nach dieser knapp 20-minütigen Reportage über die hippe, schöne und vitale Veganer-Welt allerdings den Laptop schockiert beiseite stellen. Vor ein paar Tagen noch hatte ich mir selbst als überzeugte Vegetarierin Gedanken über den Umschwung von vegetarischer auf vegane Ernährung gemacht.

Jetzt allerdings fühlte ich mich zutiefst abgeschreckt: Wenn das die neuen Veganer sind, möchte ich da wirklich dazu gehören?

Während der Reportage präsentiert Spiegel TV mir hautnah Deinen Alltag und den Deiner MitstreiterInnen. Nach einer Porschefahrt begleiten wir Dich ins Fitnesstudio. „Alles Tofu-Muskeln“, schwärmst Du dort. „Morgens nicht ohne meinen Power-Samen-Smoothie-Drink“, setzt der Unangenehmste unter Euch Dreien, der vegane Top Manager Jan Bredack, noch eins oben drauf – stammen die Chia-Samen eigentlich aus nachhaltiger Produktion und produzieren sie nicht allein schon auf Grund ihres Transportwegs aus Südamerika unnötigen  Co2-Ausstoß?

Vor allem frage ich mich: Verkörperst Du, lieber Attila, mit Deiner Vegan-for-life-Challenge und Deiner „Mission“ weg vom typischen Bild der „Müslis“ nicht als Alternative ein längst veraltetes Männer- und Menschenbild? Jenes Bild eines porschefahrenden und fitnesstreibenden „Effizienz-Bürgers“, weit entfernt von jeglicher kritischen Haltung gegenüber der Konsumwirtschaft – jener Haltung, die mich und viele andere meiner Generation doch erst zu dem Entschluss geführt hat, vegetarisch oder vegan zu leben?

Wo bitte bleibt das kreative Denken, lieber Attila? Wollten wir uns nicht befreien von ästhetischen Männer- und Frauenklischees à la Mukkibude, ob auf Tofusubstanz basierend oder nicht?

Wollten wir nicht offen die Produktion tierischer Nahrungsmittel anprangern als etwas, das den Tieren, aber auch der Umwelt und uns Menschen erheblichen Schaden zufügt, statt unsere politischen Forderungen hinter privaten Challenges zu verbergen? Ich falle der Krankenkasse nicht zur Last, denn ich bin schön, ich bin fit und ich bin effizient! Ich leiste etwas und ich hinterfrage nicht! War es das? Hat Ernährung nicht auch enorm viel zu tun mit Fragen nach gerechter Wirtschaft, mit der Überwindung postkolonialer Produktionsverhältnisse?

Werbepause auf Spiegel TV. Es wird Werbung eingeblendet für das ManagerMagazin – wie herrlich passend. Ich schalte auf stumm und wage einen Klick auf Deine Website. Hier springen mir Deine Bestseller in die Augen Vegan to go, Vegan for youth, Vegan for Fit – die 30-Tage-Challenge und — immerhin gönnst Du mir das — Vegan for Fun – das Ganze darf also auch Spaß machen.

Ich erhalte hier auch ein paar Infos über Dich, Deinen leiblichen Werdegang und dabei präsentierst Du Dich und Deinen Super-Body in Boxershorts von Calvin Klein, dem wahrscheinlich unnachhaltigsten Unterwäschehersteller überhaupt.

Am Ende dieser Sendung bin ich fassungslos und stelle fest: Wenn Arnold Schwarzenegger zum Vorbild wird und Porschefahren Trend werden soll, ist höchste Alarmstufe in meiner Generation angesagt. Zu dieser neuen veganen Bewegung möchte ich definitiv nicht zählen, so sinnvoll eine von Tierprodukten freie Ernährung auch sein mag. Ich wünsche mir, lieber Attila, in diesem Kontext mehr politisches Bewusstsein und weniger Beauty-Life-Challenge, please.

Freundliche Grüße von

Clarissa Heisterkamp, Hamburg

Clarissa

Foto: privat

Die Autorin ist Kommunikationsdesignerin und studiert Kunstvermittlung.