Auge des Hurricans Isabel. Foto: NASA

Von Stefan Ruf

Wir leben in einer außergewöhnlichen Epoche, in der ein Bewusstseinswandel stattfindet –von einer Dimension, die durchaus vergleichbar ist mit dem der Renaissance. Wir nehmen nämlich dank zunehmender globaler Vernetzung und Wissenschaftsformen wie der Klimawissenschaft wahr, dass unser Verhalten im Hier und Jetzt Folgen hat, die weit über unseren individuellen Umkreis hinausgehen, sowohl räumlich als auch zeitlich: Ich kann heute durch mein Kaufverhalten Familien in Bangladesh in großes Unglück stürzen und zur Vernichtung der Regenwaldgebiete Brasiliens beitragen. Und ich kann der übernächsten Generation von Kindern und Breitmaulnashörnern einen in weiten Teilen unbewohnbaren Planeten hinterlassen. Die Kenntnisse hierzu sind längst nicht mehr „Privatmeinung“ einer kleinen ökologischen Avantgarde, sondern im Mainstream angekommen.

Die Scientific Community ist mit der Geologischen Weltgesellschaft einig, dass wir in einem neuen Erdzeitalter leben, dem Anthropozän, weil man selbst in einer so menschenfernen Wissenschaft wie der Geologie überall auf Spuren des Homo sapiens stößt: in Eisbohrungen der Antarktis ebenso wie auf dem Boden des Pazifiks oder bei Untersuchungen von Flusssediment in der Mongolei. Ban Ki Moon, bis vor kurzem Generalsekretär der Vereinten Nationen, nannte den Klimawandel die größte Herausforderung der Weltgemeinschaft. Und Papst Franziskus, immerhin Oberhaupt von einer Milliarde Gläubigen, spricht in seiner Encyclika Laudato si, die sich mit der Zerstörung des Menschen und der Erde auseinandersetzt, von der Notwendigkeit einer großen Transformation und fordert die Entwicklung einer ganz neuen Anthropologie.

Was uns hindert

So weit, so gut. Trotzdem tun wir als Menschheit (und auch wir als kulturkreativer Teil der Menschheit) weit weniger, als notwendig wäre (siehe auch „Wenn die Erde Fieber hat“ in Info3 10/2017). Die Frage ist also:

Warum ist das so? Warum tun wir nicht mehr?

Drei Antworten sind schnell gefunden: Trägheit, mangelnde Zeit sowie Komplexität und Verwirrung.

Trägheit: Ja, natürlich ist es extrem schwer, gewohnte Verhaltensweisen zu verändern. Vor allem, wenn es einem gut geht mit denselben – keine Not macht keinen Druck, Luxus macht Antidruck. Aber da fängt das Rätselhafte ja schon an: Kein normaler Mensch würde relaxt in seiner Küche seinen frischgebrühten Kapselkaffee genießen, wenn gerade das Haus abbrennt. Und wem diese Metapher zu billig ist: Ich glaube, auch wenn es seriöse astronomische Daten von einem in zehn Jahren bevorstehenden Crash mit einem Kometen gäbe, würde die Menschheit nicht so „entspannt“ dahinleben, wie sie es in Bezug auf den Klimawandel tut. Man würde vermutlich in einem globalisierten Kraftakt alles dafür tun, den Zusammenstoß zu vermeiden. (Warum das meiner Ansicht nach so ist, werde ich weiter unten beschreiben.)

Mangelnde Zeit: Da ist sicher eine Menge dran. Aber letztlich gilt dasselbe Argument wie oben: Sobald das Haus brennt, verändern sich die Prioritäten. Und dann hat man Zeit. Aber man muss halt sehen, dass es brennt. Warum sieht man es nicht?

Komplexität und Verwirrung: Ja, die globalisierte Welt ist komplex und vernetzt, wahrscheinlich deutlich komplexer als frühere Welten, und ihre Undurchschaubarkeit kann einen z.B.  bei Kaufentscheidungen zur Verzweiflung treiben. Komplexer jedoch als alle Welten ist die menschliche Seele. Bevor ich mich aber jener zuwende, möchte ich einen Aspekt der äußeren Komplexität doch hervorheben. Denn ein Teil der Komplexität und Verwirrung wird bewusst produziert von einer Anti-Klima-Lobby.

Wie bei der Zigarettenindustrie

Die Methode ist dieselbe, wie sie die Zigarettenindustrie seit den 70er Jahren angewandt hat und die ihr rund 40 Jahre Luft gegeben hat, Millionen Lungen zu zerstören: Leugne nicht die Wissenschaft. Leugne nicht, dass es Untersuchungen geben könnte, die Hinweise geben, dass Rauchen schädlich sein könnte. Stelle dich im Gegenteil als besonders seriöser Anhänger der Wissenschaft dar. Und als solcher kannst Du sagen: Ja, stimmt, solche Studien gibt es. Es gibt aber auch Studien, in denen kein Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenschädigung darstellbar war, außerdem wissen wir noch viel zu wenig über die Wirkfaktoren, wenn es sie überhaupt gibt … Wir brauchen also mehr Zeit. Genau im selben Duktus wurde auch, z.T. von denselben Lobbyisten, seit Mitte der 2000er-Jahre bezüglich der Erderwärmung argumentiert.            Heute aber, im Zeitalter der alternativen Fakten, braucht es diese Argumentationskette gar nicht mehr (wie Jens Heisterkamp in seinem Buch Schöne neue Wirklichkeit darlegt). Heute geht das viel leichter: Ich habe meine Wahrheit, Du Deine: Ich glaube nicht an den Klimawandel. Ich glaube, dass das eine (und jetzt wahlweise ankreuzen): a) Erfindung der Chinesen ist b) Panikmache der Grünen ist, die eine Ökodiktatur errichten wollen, c) dass es schon immer Klimawandel gab, d) dass er mit Hilfe der Technik leicht beherrschbar gemacht werden kann. Die Argumente sind austauschbar, wichtig und nicht austauschbar ist der Effekt: Lasst Euch nicht stören: fühlt Euch nicht verantwortlich. Macht weiter wie bisher.

Aber wieder: Wenn das Haus brennt, dann spürt man mindestens Unbehagen. Weil man etwas riecht. Und dann schaut man hin. Und wenn man hinschaut, dann machen Argumente wie: Wir wissen doch gar nicht genau, ob es wirklich brennt. Und ob es wirklich ein Haus ist, was brennt. Und wenn ja, ob es wirklich Dein Haus ist wenig Sinn. Also: Warum schauen wir nicht genau hin?

Liegt es am Ende daran, dass wir es mit angezündet haben, das Haus?! Oder sind unsere Sinne so abgestumpft, dass wir wirklich nichts mehr riechen? Oder ist die Metapher zu billig: Feuer kann man riechen und sehen und hören und spüren, Erderwärmung nicht. Aber die Folgen einer fossilen Kohlenstoffwirtschaft, verbunden mit einer neokapitalistischen Wachstumsideologie, die kann man bereits seit Längerem riechen und schmecken, hören und sehen.

Also: was steckt hinter der den Argumenten Trägheit, mangelnde Zeit sowie Komplexität und Verwirrung?

Ich werde im Folgenden eine psychologische Deutung und später eine anthropologische Deutung versuchen:

Co-Abhängigkeit und Mittäterschaft

Wir haben uns in einem komplexen System eingerichtet, von dem wir sehr profitieren – solange wir Verantwortung delegieren – und das zu verändern viel Willenskraft bedürfte. Das komplexe System kann man verkürzt eine auf Kohlenstoff (egal ob als Energieträger oder als Strukturträger) basierende, kapitalistische globalisierende Wachstumsideologie nennen, die uns in Europa momentan noch eine Menge Bequemlichkeit beschert. Die wenigsten von uns sind dabei wirklich aktiv Handelnde und selbst diese fühlen sich oft Zwängen unterworfen. Also auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende von VW mag nicht ganz glücklich sein damit, dass für die (Nicht-)Einhaltung der an sich schon kriminell hohen CO2 Grenzwerte (für die er jahrelang mit harten Bandagen gekämpft hat) auch noch gewaltig betrogen werden musste von seinen Ingenieuren. Er fühlt sich aber seinen rund 600.000 Mitarbeitern, Kunden, Shareholdern irgendwie verpflichtet.

Aber die wenigsten Info3-Leser werden zu dieser Kategorie gehören. Viele Menschen, wie beispielsweise der Autor dieser Zeilen, machen sich eher passiv verantwortlich. Deshalb werde ich das Problem der passiven Mitschuld mit Hilfe von zwei psychologischen Kategorien beschreiben. Die eine kommt aus der Suchttherapie: „Co-abhängigkeit“, die andere aus der Traumatherapie: „Mittäter“.

Co-Abhängigkeit ist ein sozial-medizinisches Konzept, nach dem Bezugspersonen eines Suchtkranken durch ihr Tun oder Unterlassen dessen Sucht zusätzlich fördern. Das Urbild ist die treusorgende und dabei durchaus auch besorgte Partnerin eines Alkoholikers, die bei aller Sorge dem Suchtverhalten ihres Mannes doch auch viel Verständnis entgegenbringt, genauso wie die eine oder andere Flasche Hochprozentiges vom Einkauf: Der Arme hat´s ja auch wirklich nicht leicht. Wirkliche Konfrontation, wirkliche Bereitschaft, es zu einer Entscheidung kommen zu lassen (entweder Therapie oder Ende der Beziehung) gibt es nicht. Schon weil das Trinkverhalten von beiden so verharmlost wird, dass sie es nicht als Alkoholabhängigkeit einstufen. Man kann in der therapeutischen Suchtszene ziemlich gnadenlos sein, gerade auch gegenüber Co-Abhängigen, bis dahin, ihnen die Hauptschuld am Suchtverhalten des Abhängigen zu geben. Das würde ich nur in Ausnahmefällen gelten lassen; in vielen Fällen ist es tragisch für die Mitfamilie; man sieht eine gewisse Not, will helfen, weiß nicht wie, wird verstrickt. Aber ich glaube schon, dass es auch in den tragischen Fällen einen kleinen Anteil in der Tiefe der Seele gibt, der sich mit dem Status quo eingerichtet hat. Ein Anteil, der Angst hätte, wenn sich der Mann wirklich seiner Suchtproblematik stellen würde: Angst davor, dass er ein ganz anderer werden könnte (und man selber auch!), Angst davor, Materielles, Gewohntes aufgeben zu müssen, Angst davor, die Helferrolle zu verlieren, verlassen zu werden. Diese kleine Seite will lieber nicht sehen, nicht wissen, schon gar nicht konfrontieren. Auch wenn dazu halbbewusst oder unterbewusst ein paar Dinge ausgeklammert werden müssen.

Viel krasser ist es bei Mittätern in Missbrauchsfamilien. Von außen betrachtet mutet es zum Teil aberwitzig an, wie ein langjähriger Missbrauch – meistens, wenn auch nicht immer, ist es der Vater – der Mutter nicht auffallen konnte. Wie können einem die Wesensveränderung der Tochter, auch des Mannes, die Signale zwischen den beiden, die Not, nicht auffallen? Warum will einem so etwas nicht auffallen?! Das Erklärungsmodell lautet: Dissoziation – Abspaltung. Die Seiten in einem selbst, denen so etwas auffällt, werden in die Tiefe des Unterbewusstseins abgedrängt. Anwesend ist, je nach Charakter, eine resignierte, verzweifelte, zynische, gleichgültige Person(a), eine maskenhafte Alltagspersönlichkeit.

Was hat das nun mit uns zu tun? Wir sind alle gewissermaßen imprägniert mit einer „familiären Kultur“, jener der Moderne, die über ihre Konsum- und Wachstumsideologie süchtig macht; wir sind über unser halbbewusst-unterbewusstes Wegschauen an der Zerstörung so vieler Mitmenschen, Mittiere, Mitpflanzen, Mitozeane, Mitregenwälder beteiligt – und wir wissen es und wir wissen es nicht, wir profitieren davon und ein wirkliches Gegensteuern, Opponieren, Kämpfen wäre sehr kompliziert und in jedem Fall energieaufwändig. Aber spätere Generationen werden mit Sicherheit fragen: Ihr habt doch das alles gewusst, wie konntet ihr nur?

Das Problem zu benennen hilft schon

Jetzt aber das Positive: Sowohl Menschen mit einem Suchtproblem (und Co-Abhängigkeit gilt auch als solches) als auch Mittäter berichten übereinstimmend: Wenn man sich der Mitverantwortung stellt, wenn man zu benennen beginnt, was man anrichtet, und im zweiten Schritt dahin schaut, wo es weh tut (wo die Angst und der Schmerz sitzen), wird das Leben nicht deprimierender, sondern unvergleichlich intensiver. Was zunächst aussah wie ein Verzicht (auf Sicherheit, Beziehung, Luxus, Droge), ist ein Zugewinn an Leben, Geist und Herz. Der Haken daran: meist machen Menschen diesen Schritt erst in Krisensituationen. Und die werden natürlich kommen. Aber wünschenswert wäre ein Wandel aus Einsicht.  Wie geht der?

Die Anonymen Alkoholiker haben ein 12-Schritte-Programm: der erste Schritt besteht im Bekenntnis der eigenen Ohnmacht im Angesicht der Größe des Problems, der zweite Schritt im Glauben oder Vertrauen auf eine höhere Macht, „so wie wir sie verstehen“. Damit ist aber kein Delegieren der Verantwortung gemeint, im Gegenteil: der vierte Schritt ist eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren, der achte und neunte Schritt bestehen darin, den Schaden, den man angerichtet hat, wieder gut zu machen. Bräuchten wir also so etwas wie Selbsthilfegruppen für uns und die Welt?

Aber ich möchte nicht gerne mit einer rhetorischen Frage enden, sondern mit einem ganz pragmatischen Vorschlag: Wenn wir in Deutschland wirklich nachhaltig leben wollen, müssen wir unseren Konsum an Mobilität, Energieverbrauch, Fleisch und Kunststoffen in den nächsten 13 Jahren um ca. 80 Prozent reduzieren. Das ist für den Anfang eine lähmende Überforderung. Aber wie wäre es denn mit einem Selbstversuch, halb zur Diagnostik, halb zur Therapie: Für die nächsten sechs Wochen 50 Prozent weniger Fleisch, 50 Prozent weniger Plastik – und 20 Prozent weniger Auto … Und beobachten Sie, wie Sie immer wieder hineinkippen in ihre co-abhängige Haltung  (jedenfalls geht es mir so). Wenn’s nicht klappt, übernehmen Sie Verantwortung und bleiben Sie dran! Reden Sie darüber, suchen Sie nach Lösungen. Für alle Leser, für die das kein Problem ist oder die da schon viel weiter sind (auch als der Schreiber dieser Zeilen): Leben Sie ihren nachhaltigen Lebensstil mit Stolz, Freude und Ästhetik, auf dass er stilprägend wird! Und für alle, die auch das schon meistern: Schreiben Sie den nächsten Artikel für Info3! ///

Ein Text aus der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog, 1/2018. Hier unverbindliches Probeheft bestellen.

Foto: Ronald Richter / Info3

 

 

 

 

Dr. Stefan Ruf arbeitet als Facharzt Psychotherapie und Psychosomatik und ist Mitbegründer und Geschäftsführer der Mäander-Jugendhilfe in Potsdam.