Was haben ein autonomes Ego, ein Interesse an den Problemen der Welt und vernünftiges Denken mit Spiritualität zu tun? In den gängigen Veröffentlichungen, Tagungen und Workshops dieser Szene findet man solche Themen eher im Modus der Abgrenzung: Das Ego soll doch überwunden werden, die Welt ist nur Schein und das Denken nur ein Hindernis auf dem Weg zur Einheit allen Seins – so meinen jedenfalls viele, die in Sachen Meditation und Bewusstseinserweiterung unterwegs sind. Bei vielen Angeboten, die Getrenntheit hinter sich zu lassen und im Einen aufzugehen, wird aber nicht selten der Kopf an der Garderobe abgegeben.

Deshalb ist das Buch von Katharina Ceming, in dem meditative Tiefe und gedankliche Klarheit nicht als Gegensätze, sondern als sinnvolle Ergänzung angesehen werden, eine wahre Wohltat. Der Autorin spürt man auf jeder Seite die eigene Vertrautheit mit spiritueller Praxis an. Gleichzeitig kennt sie als promovierte Philosophin und Theologin nicht nur die Vielfalt der Wege, sondern auch vieles von ihren Tücken. So weist sie darauf hin, dass intensives Meditieren, wenn es nicht von einer allseitigen Ausbildung der Persönlichkeit begleitet wird, durchaus „unerwünschte Nebenwirkungen“ haben und zur Abspaltung von Schatten-Anteilen führen kann. Menschen, die wenig Bewusstsein von sich selbst haben, können auf dem Weg zur Überwindung des Egos mangelnde Empfindungsfähigkeit als Fortschritt missverstehen. Ähnliches gilt Ceming zufolge für die beliebte Formel, wonach wir alles – einschließlich unserer eigenen Schwächen – einfach annehmen sollen wie es ist: „Mit den eigenen Schatten zu kokettieren oder sich auf ihnen auszuruhen führt eher zur Vertiefung des spirituellen Narzissmus als zu seiner Überwindung“, schreibt sie. Deshalb wird die Welt durch Spiritualität auch nicht automatisch besser, wenn eine wirklich ganzheitliche Ausbildung unseres menschseins vernachlässigt wird, so eines der unbequemen Resultate des kleinen Bändchens.

Es ist eine Art Leitfaden zur Vermeidung spiritueller Fallen, der hier entstanden ist: Die Favorisierung des Gefühls gegenüber der Vernunft, übertriebene Askese und Rückzug von der Welt, die fraglose Übernahme von Praktiken und Denkformen aus quasi-mythischen Kontexten, aber auch die schwärmerische Übersteigerung des „weiblichen Elements“ als Hoffnung für die Weltrettung und nicht zuletzt die inflationäre Zunahme von „spirituellen Lehrern“ im Westen sind solche Fallen, die uns hier – nie moralinsauer sondern stets mit feinem Humor gepaart – vor Augen geführt werden. Vor allem aber zieht sich immer wieder die Einladung durch das Buch, die „bösen Worte ‚Denken’ und ‚Verstand’“ nicht auszugrenzen, sondern ihre Chancen für eine Spiritualität zu entwickeln, die nicht hinter die Maßstäbe der Moderne zurückfällt.

Das Buch ist eines der augenblicklich zahlreicher werdenden Symptome dafür, dass sich in der oftmals schillernden Welt der Spiritualität auch ein modernes, eben integrales Bewusstsein herausarbeitet, in dem geistige Erfahrung und Reflexionsfähigkeit keine Gegensätze mehr bilden. Wer die zweifach promovierte Theologin und Philosophin mit einer außerordentlichen Professur in Augsburg persönlich kennenlernen möchte, kann dies auch im Rahmen Ihrer zahlreichen Veranstaltungen tun. Außerdem wirkt sie an der Integralen Jahrestagung im Juni und an der diesjährigen spirituellen Herbstakademie Frankfurt im Oktober mit.

 

Katharina Ceming: Spiritualität im 21. Jahrhundert. Phänomen Verlag, 120 Seiten, € 14,90