Selbstverantwortliches Lernen

Die Behauptung, man lerne nicht für die Schule, sondern für das Leben, ist Konsens. Faktisch veraltet Wissen heutzutage so schnell, dass das in der Schule Gelernte für ein ganzes Leben nicht im Mindesten reichen wird. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Schule grundlegende Lernkompetenzen vermittelt, die es den Heranwachsenden ermöglichen, sich ein Leben lang situationsbezogen eigenverantwortlich erfolgreich weiter zu bilden.

Immer lauter wurde in den vergangenen Jahren entsprechend die Kritik an der Lehrerzentrierung des Unterrichts an Waldorfschulen. Der Ruf nach eigenverantwortlichem Lernen scheint die Waldorfpädagogik nun an ihren Wurzeln zu packen, rückt er doch das Kind zurück in das Zentrum der Betrachtung: Wissen muss anschlussfähig sein – ist es das nicht, werden Inhalte nicht behalten. Sie müssen selbst ergriffen, erprobt werden, anwendbar sein und immer wieder geübt werden, dann erst ist Lernen erfolgreich. Das spricht nicht gegen den Frontalunterricht, wohl aber für die Einführung von Lerneinheiten, durch die Schüler sich das Vorgetragene individuell aneignen können.

Eine Frage des Vertrauens

Auf knapp 250 Seiten bietet die vorliegende Publikation Projektbeispiele und Anleitungen für Lehrende der unterschiedlichsten Klassenstufen und Fachrichtungen. Es ist ein Kompendium von Ideen und Handreichungen. Da geht es um Teamteaching, Lerntagebücher und selbstorganisierte Gruppenarbeit. Manches mag auf Menschen, die mit den Konventionen an Regelschulen vertraut sind, überraschend wirken, da hier viele der beschriebenen Strategien längst zum Alltag gehören: Zeitzeugenbefragung für den Geschichtsunterricht, Teamarbeit, Methoden der Selbstkontrolle und selbständige Steuerung von Lernprozessen, wechselseitiges Korrigieren, eigenständige Lektürewahl. Da kann die Frage auftauchen, warum die Waldorfschule sich so schwer damit tut, ihren Unterricht von der Vorstellung des autonomen Kindes aus zu denken und zu gestalten. In mancher Hinsicht geben die dem umfangreichen Praxisteil vorangestellten fachtheoretischen Beiträge hierüber Aufschluss.

Die Forscher unterscheiden zwischen selbständigem und selbstverantwortlichem Lernen. Ersteres folgt vorgegebenen Zielen, ist jedoch selbst organisiert, Letzteres ist nicht nur im Prozess, sondern auch im Ergebnis offen. An dieser Stelle wird deutlich, auf welche Widerstände der Reformbedarf trifft: Es geht um eine Frage des Vertrauens. Eigenverantwortliches Lernen kann nur stattfinden, wenn Lehrpersonen in der Lage sind, Kontrolle abzugeben und auf die Initiativkraft und Eigenmotivation der Schüler zu vertrauen. Das aber scheint gar nicht so einfach zu sein – und mit dieser Feststellung sind wir an dem neuralgischen Punkt der Debatte angelangt: Wenn es darum geht, die Selbständigkeit von Kindern zu fördern, sind alle dafür, wenn es aber darum geht, eigene  Einflussbereiche zu mindern, schrecken Eltern wie Lehrer schnell zurück und bleiben lieber bei der tradierten Ansicht, dass die Autonomie des Kindes und die Autorität des Lehrenden zusammen nicht zu haben sind. Vertrauen in Beziehungen zwischen Heranwachsenden und den Erwachsenen, die einen Erziehungsauftrag haben, ist also gefragt. Und wieder einmal zeigt sich , dass Erziehung primär eine Frage der Selbsterziehung ist und Vertrauen primär eine Frage des Selbstverstrauens. Kinder können selbständig lernen, wenn sie gelassen werden. Erwachsene, die nicht selbst gelernt haben, wie das geht, müssen sich das Vertrauen und die entsprechenden Kompetenzen erst erarbeiten.

Auch Lehrende sind Lernende

Für Kinder, Eltern, Lehrer und Reformer gilt: Es sind die kleinen Schritte, die zum Erfolg führen. Wenn beim Erlernen eines Musikinstruments die Seele mitschwingt, kommen die Fortschritte und das Vertrauen in die Fortschritte von alleine: Ein Kind, das seelisch in Kontakt ist, möchte immer weiter kommen. Es sucht sich seine Vorbilder selbst, es übt von alleine, es beginnt ganz unwillkürlich Lernschritte selbständig zu steuern. Wenn es das Instrument beherrscht, kann es mit dem Zusammenspiel beginnen. Hierfür braucht es weitere Fähigkeiten: Selbstwahrnehmung, Reflexivität, Bewusstheit, die Fähigkeit zur Selbstregulation, zur Kooperation. Es sind diese Faktoren, aus denen sich erfolgreiche Lernstrategien entwickeln lassen. Die Expertise von Mentoren kann dabei nicht schaden – sie ist jedoch nichts, was dem Lernen vorausgeht, sondern dem Kind nachfolgt, wie Michael Harslem betont.

Für Lehrende mag es sich beim gegenwärtigen Stand der Lernkultur genau anders herum verhalten: Aufmerksame Beobachtung, kritische Selbstbefragung, Reflexion der eigenen Lernbiografie und die Bereitschaft, die eigene Rolle zu verändern, sollten die Praxis vorausschauend begleiten. Denn der Wandel, um den es geht, fängt genau hier an. Die Frage aber ist: Wie kann er bewerkstelligt werden? Welche Handreichungen und welchen Raum gibt es für Lehrende, diese Prozesse eigenverantwortlich und eigeninitiativ zu steuern, allmählich neue Rollenmodelle zu finden und in sie hineinzuwachsen? Denn es ist doch so: Erst wenn die Grundgesetze der Harmonielehre von allen verinnerlicht worden sind, kann es mit der freien Improvisation klappen. Die Verinnerlichung aber gelingt nur dann, wenn der Mensch Spielraum hat, sich die Dinge individuell zu eigen zu machen. Das gilt für Lernende jeden Alters.

Michael Harslem /Dirk Randoll (Hrsg.): Selbstverantwortliches Lernen an freien Waldorfschulen. Ergebnisse eines Praxisforschungsprojektes. Peter Lang 2013 (Kulturwissenschaftliche Beiträge der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Bd. 9). 250 Seiten, € 39,95.
 

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Dieser Text erscheint in der April-Ausgabe von Info3.