Collage: Marion Musch

Collage: Marion Musch

Von Christoph Unger

Um Fachkräfte zu ködern lassen sich Unternehmen viel einfallen, vom Firmenwagen bis zu Sonderzahlungen. Bald könnte für Frauen ein Extra dazukommen: Auf Chef-Kosten lässt frau sich in jungen Jahren gesunde Eizellen entnehmen, einfrieren und später wieder einpflanzen. Wenn sie Karriere gemacht hat und endlich reif für die Familie ist – so zwischen 45 und 50.

Keine Science-Fiction: In den USA dient diese Reproduktionsmethode jetzt auch Unternehmensinteressen. Bis zu 16.000 Euro je Mitarbeiterin investieren die IT-Konzerne Apple und Facebook für „Social Freezing“, so der Fachausdruck. Die Firma gewinnt personelle Sicherheit – die Frau (angeblich) Zeit. Auch hierzulande wird über den Tiefkühl-Deal diskutiert. 37 Prozent der Deutschen heißen ihn gut, zeigt eine Emnid-Umfrage für die Zeit. Je jünger die Befragten, desto mehr erwärmen sie sich dafür – vorneweg die Männer.

Der Trendforscher Sven Gábor Jánszky sieht voraus, dass in den kommenden zehn Jahren deutsche Frauen massenhaft diese Methode nutzen werden: „Auf diese Weise entziehen die Menschen ihren Kinderwunsch mehr und mehr dem Zufall und den Launen der Natur und machen ihn zu einem planbaren Schritt in ihrem Leben.“ Kritikern wirft er Technikfeindlichkeit vor: „Menschen, die Social Freezing betreiben, tun dies aus freiem Willen.“ Ähnlich äußerte sich eine Befürworterin in einer TV-Talkshow: „Social Freezing gibt mir die Freiheit, bereit zu sein für ein Kind.“

Gefördert wird zunächst die Bereitschaft, seinen Kinderwunsch auf Eis zu legen. Dass Social Freezing die biologische Uhr anhält, ist allerdings ein Trugschluss: Nur ein kleiner Prozentsatz der Eizellen überlebt das Procedere. Und die behandelten Frauen werden mit Hormonen vollgepumpt, die Nebenwirkungen sind enorm.

Nebenwirkungen drohen auch unserer Gesellschaft: Lassen wir uns Familienplanung bald von Reproduktionsmedizinern diktieren? Müssen Frauen den Chef fragen, wann sie schwanger werden dürfen? Deutsche Unternehmen versichern, diese Option nie nutzen zu wollen. Der Medizinethiker Giovanni Maio ist skeptisch und warnt vor dem Diktat des Machbaren: „Ist die Möglichkeit da, besteht auch die soziale Erwartung, dass sie in Anspruch genommen wird. Das Verständnis, dass eine Frau die Technik nicht nutzt, wird schwinden.“

Die vermeintliche Freiheit, zum idealen Zeitpunkt ein Kind bekommen zu können, entlarvt sich somit als Selbstentmachtung. Wir verkaufen uns den Zwängen der Ökonomie, während Unternehmen sich dank medizinischer Ein- und Auftaukünste vor der Aufgabe drücken, familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Die Kernkompetenz, Kinder in Ruhe und Gelassenheit in ihrer Entwicklung zu begleiten, wird uns wegen ökonomischer Interessen bereits entzogen: Wir sollen Kinder möglichst früh fremdbetreuen lassen. Demnächst nehmen uns Techniker wohl auch die Zeugung ab: Die kennen sich viel besser damit aus, souffliert der Materialismus: Die Freiheit, die ihr dadurch gewinnt, könnt ihr in die Karriere investieren und euch weiter optimieren: Das Beste liegt vor euch! – Zuletzt müssen wir uns nur noch von uns selbst befreien. ///

Ein Text aus der Monatszeitschrift Info3. Kostenloses Probeheft hier bestellen.