Am 6. Februar fand an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn ein Kolloquium über das „Thema der ‚Rassen‘ als Problem der anthroposophischen Forschung“ statt. Unter Moderation des Rektors Professor Marcelo da Veiga diskutierten Experten die seit Langem strittige Frage nach rassistischen Elementen im Werk Steiners. Anlass des Kolloquiums war das Erscheinen des Buches von Ansgar Martins Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner.

Der junge Religionswissenschaftler, Waldorfblogger und Info3-Autor skizzierte in seinem Eröffnungsbeitrag zunächst die verschiedenen Bedeutungskontexte des Rassenbegriffs in Steiners Werkentwicklung, bei der sich deutliche Phasen unterscheiden ließen. Nach der Gleichsetzung der Entwicklung von Rassen und Kulturen im Zuge eines esoterisch verstandenen Evolutionsmodells in Steiners theosophischer Zeit habe der Gründer der Anthroposophie ab etwa 1910 ein wertendes Stufenmodell durch die Sicht von fünf parallel entstandenen menschlichen Rassen ersetzt, die wissenschaftsgeschichtlich einen Rückgriff auf die „aufklärerischen“ Rassentheorien eines Kant oder Blumenbach darstelle. Von der Rolle eines zunächst wichtigen evolutiven Motivs sei das Thema der Rassen im späteren Werk Steiners eher zu einem Randbereich und durch die Betonung der Freiheit und des Allgemeinmenschlichen vielfach gebrochen worden. Dennoch enthalte auch das Spätwerk Steiners noch Beispiele für Ressentiments, denen sich eine moderne Anthroposophie heute kritisch stellen müsse, um glaubwürdig zu sein, so Martins.

Angelika Schmitt vom Institut für Waldorfpädagogik Mannheim fragte an die Adresse von Martins gerichtet kritisch nach, ob eine rein intellektuell-wissenschaftliche Herangehensweise Steiner gerecht werde und nicht zu kurz greife. Dr. David Marc Hofmann, neuer Leiter des Dornacher Steiner-Archivs, erinnerte jedoch daran, dass man in Fällen, in denen man Steiner-Zitate mit positiv besetzten Themen verknüpfen könne, dies gern geschehen lasse – beim unbequemen Thema Rassismus sollte dies dann ebenso gelten und nicht plötzlich als „zu intellektuell“ verurteilt werden. Außerdem dürfe man den Überbringer schlechter Nachrichten nicht für diese verantwortlich machen, meinte Hofmann.

Cornelius Bohlen, Präsident der Steiner Nachlassverwaltung, würdigte die Leistung von Ansgar Martins, die Komplexität des Rassenbegriffs bei Steiner durch eine systematisch chronologische Analyse in Steiners Werk aufgeschlüsselt zu haben. Auch Professor Helmut Zander, kritischer Anthroposophie-Historiker und Steiner-Biograph, beurteilte Martins’ Buch als wichtige Basis für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema sowie als Chance für die anthroposophische Bewegung, einen Schritt in Richtung der Historisierung ihrer Quellen zu tun.

Professor Albert Schmelzer von der Freien Pädagogischen Hochschule in Mannheim skizzierte in seinem Beitrag eine Sicht von Steiners Anthroposophie, in der kollektivistische Zuschreibungen durch das Primat des freien Individualismus aufgehoben sind. Er wies vor allem Martins’ Charakteristik der Dreigliederung als „theokratisch“ zurück und kritisierte die Titel-Wahl des Buches „Rassismus und Geschichtsmetaphysik“, weil dadurch das Urteil über Steiner von vornherein festgelegt wirke. Zudem habe sich der Autor bei seinem Vorhaben einer nicht nachvollziehbaren Definition von Rassismus bedient, die bereits den Gebrauch des Begriffs „Rasse“ als Beginn von Diskriminierung verstehe.

Professor Marcelo da Veiga fragte nach, ob die teilweise erregte Suche nach Diskriminierungen  nicht auch ein europäisches Phänomen sei; in Nord- und Südamerika beispielsweise beobachte er Tendenzen, wonach die ethnische Herkunft etwa mit afroamerikanischen oder Latino-Wurzeln von den Betroffenen wieder als positiv erlebt werde.

Professor Jost Schieren vom Fachbereich Bildungswissenschaften der Alanus Hochschule empfand Steiners Äußerungen über Schwarze in den Arbeitervorträgen als untragbar und fügte an, die Hintergründe solcher Urteilsbildung seien für ihn vollkommen undurchschaubar. Für ihn liege die Zukunftsaufgabe in einer spirituellen Anthroposophie ohne unangemessene Inanspruchnahme esoterischer Elemente.

Insgesamt blieb vom Kolloquium der Eindruck zurück, dass inzwischen im anthroposophischen Umfeld auch über schwerwiegende Kritik an Steiner sachlich und unaufgeregt diskutiert werden kann – dies ist, mit Blick auf die noch nicht einmal fünf Jahre zurückliegende heftige Debatte um das „Frankfurter Memorandum“, eine erfreuliche Entwicklung und nicht zuletzt auch ein Verdienst von Arbeiten wie der von Ansgar Martins.

Ansgar Martins: Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner. Info3-Verlag 2012, 174 Seiten. € 14,80