„Gesundes Wachstum für den Frankfurter Börsenplatz“ – was sich im Vorfeld nach einer originellen Idee anhörte, stellte sich real dann doch weniger aufregend dar: Etwas verloren wirkten die 30 Hochbeet-Kisten des Bad Vilbeler Demeter-Betriebs Dottenfelderhof, die anlässlich der diesjährigen KarmaKonsum-Konferenz am Veranstaltungsort vor der alten Frankfurter Börse verteilt waren.

Dennoch, im Inneren des repräsentativen Gebäudes, in dem heute die IHK residiert, herrschte das schon bekannte, kommunikative Gewimmel: Bereits zum sechsten Mal hat Konferenz-Macher Christoph Harrach dieses „Meet & Greet“ der Nachhaltigkeitsszene auf die Beine gestellt, rund 1000 Teilnehmer wurden an den beiden Tagen – dem Konferenz-Tag mit Vorträgen sowie dem anschließenden Workshop- und Praxistag  – erwartet.

Waren es anfangs vor allem Entscheidungsträger aus Unternehmen, Verbänden oder Agenturen, die sich zur Fachtagung trafen, ist das Bild inzwischen deutlich bunter und das Durchschnittsalter jünger geworden: Studenten, Blogger, junge Freiberufler mischen das Publikum auf, da steht auch mal ein Kinderwagen mit einem Baby herum und jemand läuft barfuß und in Walle-Kleidern durch die IHK-Räume.

Im Mittelpunkt der Konferenz stand das Thema „Gemeinwohl-Ökonomie“, fulminant eingeleitet durch den Eröffnungsvortrag des engagierten österreichischen Gemeinwohl-Aktivisten Chistian Felber. In seinem leidenschaftlichen Plädoyer für den Systemwandel – weg von Konkurrenz und egoistischem Gewinnstreben hin zu Kooperation und Streben nach Gemeinwohl – machte Felber deutlich, dass die moralphilosophischen ebenso wie die individual-ethischen Grundlagen für eine solche neue Wirtschaftsordnung längst existieren. Der Konflikt zwischen Menschenrechten und Ökonomie könnte überwunden werden, wenn eine Rückbesinnung auf diese Werte entsprechende „Systemweichen“ neu stellte.

Die von Felber und seinen Mitstreitern entwickelte „Gemeinwohl-Bilanz“ etwa stellt ein geeignetes Instrumentarium dar, das auf mikroökonomischer Ebene die tatsächlichen Nutzwerte eines Unternehmens abbildet – anders als die herkömmliche Gewinnbilanz, die zwar den finanziellen Erfolg einer Firma misst, doch keine Aussagen über die erzielte Bedürfnisbefriedigung zulässt. Über 600 Unternehmen unterstützen derzeit bereits diesen Ansatz, über 100 Unternehmen bilanzierten 2011 erstmals nach knapp 20 Faktoren ihren Beitrag zum Gemeinwohl.

Zu diesen Unterstützern gehört auch die Münchner Sparda-Bank. Deren Vorstandsvorsitzender Helmut Lind war zwar einer der wenigen Anzugträger der Konferenz, gehörte aber vermutlich zu den am wenigsten orthodoxen Rednern: Er überzeugte als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion – die, nebenbei bemerkt, leider keine Diskussion, sondern eine Abfolge von Kurzvorträgen mit kleinen Einwürfen des Moderators war – mit seinem Mut zu persönlichen Aussagen, etwa über seine spirituelle Suche innerhalb der strukturellen Möglichkeiten seines Berufs. So sprach Lind mit großer Selbstverständlichkeit über seine Meditationspraxis vor wichtigen Meetings oder seine Auseinandersetzung mit den integralen Theorien Ken Wilbers. Der von Journalisten auch schon mal spöttisch als „Banker mit Beckengefühl“ titulierte Manager wirkte dabei überzeugender und authentischer als mancher vordergründig „grüne“ Redner.

Denn eines wurde, ähnlich wie in den Vorjahren, auch diesmal deutlich: Die Szene ist vor leeren Worthülsen und Marketing-tauglichen, aber wenig substanziellen Sprüchen nicht gefeit. Wenn begeistert Studien zitiert werden, in den sich eine überwältigende Mehrheit der Befragten für eine neue Wirtschaftsordnung, fairen Handel oder allgemein nachhaltige Lebensstile ausspricht, so muss doch kritisch festgehalten werden, dass diesen Aussagen in der Realität eben doch ein anderes Verhalten gegenübersteht. Wenn ein Berater zivilgesellschaftlicher Organisationen langatmig und uninspiriert von der „Großen Transformation“ spricht, die – irgendwie, irgendwann, Genaues weiß man nicht – die Zivilgesellschaft „erneuern“ soll, dann bleibt das auf unbefriedigende Weise nebulös. Andere Beiträge wie der von der Gemeingüter-Aktivistin Silke Helfrich ließen trotz spürbarer Kompetenz und Leidenschaft die Frage zurück, wie eine von Expertenwissen geprägte Insider-Debatte den Übergang zu konkreten gesellschaftlichen Ansätzen schaffen kann. Und die abschließende, mit leicht nervenden Sphärenklängen unterlegte Guru-Session mit Preetha Krishna hinterließ einen eher abgehoben esoterischen Eindruck, der sicher nicht jedermanns Sache war.

Von anthroposophischer Seite waren übrigens, anders als in den Vorjahren, in denen unter den Vortragenden auch Unternehmer wie Götz Rehn (Alnatura), Thomas Jorberg (GLS Bank) oder Thomas Gutberlet (tegut) waren, diesmal keine Anregungen präsent. Allerdings gehörten wieder mehrere Unternehmen mit anthroposophischem Hintergrund zu den Sponsoren und Partnern der Konferenz, so die Triodos Bank, Dr. Hauschka Kosmetik, Voelkel oder tegut. Die Zeitschrift Info3 begleitet das Projekt von Beginn an als Medienpartner.