Russischer Bär

Hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten und 75 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatten wir uns daran gewöhnt, dass Krieg eine Vorstellung aus den Geschichtsbüchern ist. Ein Leben in leidlichem Wohlstand und im Rahmen selbstgewählter Lebensstile, die Gestaltung einer Gesellschaft durch demokratische Instanzen und rechtsstaatliche Institutionen sind uns so selbstverständlich geworden, dass wir auf diese Rahmenbedingungen sogar schon herablassend blicken: Wir schimpfen über die Parteiendemokratie, über die Bürokraten in Brüssel, über Finanz- und Wirtschaftseliten, und weil wir ein Schwarz-Weiß-Denken in unserer friedliebenden Weltsicht nicht mögen, sind wir im Blick auf den jetzigen Konflikt schnell mit dem Gedanken bei der Hand, dass „der Westen“ eigentlich nur die verstecktere Form der Fremdbestimmung ist, jedenfalls im Kern nicht viel besser sein kann. Putins Russland und der Westen – wo ist da schon der Unterschied?

Leidgeprüftes Ost-Mitteleuropa

Das sieht man im östlichen Mitteleuropa freilich sehr anders. Denn diese Region hat über Jahrhunderte die Willkür wechselnder russischer Regime zu spüren bekommen, vom Panslawismus der Zarenzeit bis hin zu den weltrevolutionär verpackten, großrussischen Ambitionen Lenins, Stalins und ihrer Nachfolger. EU und NATO mussten deshalb gar nicht irgendwelche „Tricks“ anwenden, die Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts standen vielmehr Schlange, um unter den sicheren Schirm des Westens zu kommen. Die bei uns oft kritisch gesehene Europäische Union bedeutet für sie die Hoffnung, eine von Korruption, Bevormundung und Mangelwirtschaft gekennzeichnete Gesellschaft hinter sich zu lassen.

Für viele aus dem eher linksalternativen Spektrum ist dieser Drang bis heute nicht nachvollziehbar. Kann der Aufbruch in der Ukraine, der so lange und harte Wintermonate auf dem Maidan ausgeharrt hat, anderes sein als ein vom „Westen“ infiltrierter,  faschistischer Putsch? – Man muss die rechtsextremen Kräfte, die dort bis in die Übergangsregierung hinein Fuß fassen konnten, gar nicht wegreden, und dass sie mit ihren Kaderstrukturen in Zeiten des Chaos Führungspositionen übernahmen, wäre nicht neu in der Geschichte der Revolutionen. Man muss sie aber auch nicht im Einklang mit russischer Staatspropaganda zu den Protagonisten dieser Bewegung erheben. Die ging vielmehr von unzufriedenen jungen Studenten aus, denen sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, darunter Afghanistan-Veteranen, Hochschulangehörige und einfache Bürgerinnen und Bürger, anschlossen. Erst als Präsident Janukowitsch versuchte, die Protestler insgesamt zu kriminalisieren und mit Gewalt auseinanderzutreiben, reagierten auch die Demonstranten militant und es gab Tote auf beiden Seiten. „Auf dem Unabhängigkeitsplatz waren eine Million Menschen, die Mehrheit davon waren keine Nationalisten“, ist die an der Uni Bern forschende Rechtsextremismus-Expertin Alina Polyakova in einem Interview mit der TAZ überzeugt – und viele unabhängige Beobachter, die vor Ort waren, pflichten ihr bei.

Übernahme im Handstreich und falsche Vergleiche

Tote auf dem Maidan, eine improvisierte europäische Diplomatie, eine schwache Übergangsregierung in Kiew – der Kreml hat nicht gezögert, in diesem Chaos nach der Absetzung von Präsident Janukowitsch rasant Tatsachen zu schaffen. Sicher, eine Mehrheit der Krim-Bevölkerung neigt zu Russland – die Art der „Lösung“ dieser Frage, die mehr ein Schönheitsfleck auf der russischen Geschichte denn ein echtes Nationalitätenproblem darstellte, spottet allerdings jeder Beschreibung. Fassungslos gegenüber der handstreichartigen Übernahme der Krim schien streckenweise die These tröstlich, wonach Russland damit lediglich „dem Westen“ das seinerzeitige Verhalten der Nato im Kosovo heimgezahlt habe – ein Vergleich, der jedoch kaum überzeugt: Anders als im Kosovo, wo es nicht um eine territoriale Aneignung ging und wo damals auch Kritiker des Nato-Einsatzes nicht die von Milosevic betriebene „ethnische Säuberung“ leugnen konnten, wurde im Fall der Krim ohne Not chauvinistische Aufheizung betrieben. „Zu sagen, dass die Ostukraine und die Krim von einer demokratischen Massenbewegung bedroht werden, ist lächerlich“, so noch einmal Alina Polykova. Und die vieldiskutierte russische Schwarzmeerflotte? Deren Status war, ebenso wie die territoriale Integrität der Ukraine, beim Gang in die Unabhängigkeit der Ukraine 1994 vertraglich in ihrem Bestand gesichert worden.

Russlands imperiale Tradition

Putin ist nicht Hitler und Russland ist nicht das Deutschland der 30er Jahre – dennoch sind die Parallelen in der territorialen Revisionspolitik irritierend. Ähnlich wie im Deutschland der 30er Jahre schürt auch Putin heute in Russland Opfer-Gefühle einer ehemaligen Großmacht. „Im ewigen Abwehrkampf“ betitelte die FAZ einen Bericht über die Triumphrede, die Putin nach der Heimholung der Krim ins russische Reich am 18. März im Kreml hielt. Auf der Krim habe sich einst der Heilige Wladimir, Großfürst der Rus, taufen lassen und mit dieser „geistigen Heldentat“ seiner „Hinwendung zur Orthodoxie“ die kulturellen Grundlagen „der Völker Russlands, der Ukraine und Weißrusslands“ gelegt, so Putin in dieser „Rede seines Lebens“. Dass die Geschichte Russlands über weite Strecken die Geschichte imperialer Aneignungen ist, die auf Kosten zahlloser Völker und Staaten verlief, passt nicht in dieses Schwarz-Weiß-Bild vom Heiligen Russland und seinen bösen Nachbarn. Putin erklärt ohne Umschweife, dass die Auflösung der ehemaligen Sowjetunion unter russischer Führung ein schwerer Fehler war und dass die Revision der „schreienden historischen Ungerechtigkeiten“ seit 1990 für ihn absolute Priorität hat.

Putin macht deutlich, welche Demütigung es für Russland bedeutet, seit den 90er Jahren von der Weltbühne verdrängt worden zu sein: Er erwähnt das westliche Eingreifen in Ex-Jugoslawien, aber auch in Afghanistan und im Irak und den Zusammenbruch der autoritären Regime in der arabischen Welt. Dabei unterschlägt er natürlich, dass seine Kritik an solchen Eingriffen in staatliche „Souveränität“ umgekehrt die Unterstützung der Regime von Taliban, Saddam Hussein, Gaddafi und Assad bedeutet. Auch den Arabischen Frühling sieht Putin als Versuch westlicher Destabilisierung und des Aufzwingens „fremder“ Lebensweisen. „Kurzum, wir haben alle Gründe zu der Annahme, dass die Eindämmungspolitik gegen Russland, die im 18., 19. und 20. Jahrhundert (!) betrieben wurde, auch heute fortgesetzt wird“, so der russische Präsident. Dann folgt das entscheidende Argument: Russland musste der Gefahr vorbeugen, dass seine Schwarzmeerflotte im Zuge der Westannäherung der Ukraine gefährdet werden könnte. Wenn man weiß, wie tief der Drang Russlands zu den „warmen Meeren“ historisch verankert ist, dann wundert es nicht, dass Putin diese historische Chance nicht ungenutzt ließ. In einem Atemzug werden anschließend die Bitten der „russischen Brüder“ auf der Krim, aber auch in Donezk und Charkov erwähnt, die man „nicht unbeantwortet lassen“ dürfe – und damit das weitere Heimholungsprogramm schon skizziert. Die Krim ist das eine, die Industriezentren Donezk, Charkiw und Dnipropetrowsk im russischsprachigen Osten der Ukraine werden als russisches Brudergebiet folgen. Schon grassiert Angst auch im Baltikum und in Polen vor dem russischen Roll-Back.

Eurasische Ideologie auf dem Vormarsch

Manch einer im Westen sympathisiert mit einer künftigen Mission Russlands, die darin liegen könnte, dem US-Vormachtstreben die Stirn zu bieten. Man denkt vielleicht auch an die wichtige Rolle, die Rudolf Steiner der russischen Kultur für die Zukunft vorausgesagt hat. Hier aber wird der Schatten mit dem Wesen dieser reichen Kultur verwechselt. Die erhoffte Alternative zum westlichen Kapitalismus vermengt sich mit einer neo-feudalen und autokratischen, stramm antimodernistischen Ideologie, deren strategische Urheber bei uns bisher fast vollständig unbekannt sind. Unter dem Stichwort „Eurasien“ betreiben diese seit Beginn der Putin-Ära den Wiederaufstieg Russlands zur Weltmacht: „Die Eurasische Ideologie zieht eine vollständig andere Lektion aus dem Zwanzigsten Jahrhundert: Gegründet um 2001 durch den russischen Politikwissenschaftler Alexander Dugin schlägt sie die Umsetzung eines Nationalen Bolschewismus vor“, erklärt der Historiker und Osteuropa-Kenner Timothy Snyder. „Statt totalitäre Ideologien zurückzuweisen ruft der Euroasiatismus Politiker des 21. Jahrhunderts dazu auf, die nützlichen Seiten sowohl aus dem Faschismus wie dem Stalinismus zu ziehen. Dugins Hauptwerk Die Grundlegung der Geopolitik von 1997 folgt eng den Ideen von Carl Schmitt, einem führenden politischen Theoretiker der Nazis. Der Eurasianismus ist nicht nur die ideologische Quelle der ‚Eurasischen Union’, es ist auch das Credo einer Reihe von Menschen in der Putin-Administration und eine treibende Kraft einer aktiven rechtsextremen russischen Jugendbewegung. Seit Jahren hat Dugin die Teilung und Kolonisierung der Ukraine vertreten“, so Snyder in einem aktuellen Essay.

Im politischen Diskurs steht solchen Ambitionen eine erstaunliche Bereitschaft an Verständnis gegenüber: Ob Gregor Gysi, Gerhard Schröder, Egon Bahr, Peter Gauweiler, Antje Vollmer oder Alice Schwarzer: Der Wille, ja nicht einer „Polarisierung“ das Wort zu reden und auf Russland „Rücksicht zu nehmen“, ist parteiübergreifend verbreitet. Noch eifriger sind verschwörungstheoretische Netzwerke dabei, wenn es darum geht, die machtpolitischen Interessen Russland zu relativieren. Sie treffen sich oft in einer auch von der Eurasien-Philosophie propagierten Ablehnung der modernen individualistischen Lebenshaltung, die manche als faschistisch einstufen. Das ganze Ukraine-Szenario, so kann man hier hören, sei eigentlich von den USA angelegt, um Russland schlecht aussehen zu lassen und ihm in der Folge den Zugang zum Weltmarkt zu verbauen. Russlands Landgier sei vom Westen geschürt, es laufe in eine „Falle“. – Abgesehen davon, dass diese Lesart sämtliche vorangegangenen Dialog-Gesten des Westens (bis hin zum Angebot einer russischen Nato-Mitgliedschaft) negiert, ist hier die Denkfigur bemerkenswert, wonach jedwedes tyrannische Verhalten auf dieser Welt entweder weniger schlimm ist als das der Amerikaner oder im Zweifelsfall sogar „eigentlich“ von ihnen angezettelt sei. Das ist gerade auch in Deutschland erstaunlich: Denn für viele, die in den 30er Jahren auf Hitler hereingefallen sind, waren auch damals die eigentlich „Bösen“ diffuse „Schattenbrüder“, die man dem Westen zuordnete und es ging für die gutbürgerlichen Intellektuellen nicht an, sich auf „eine der bösen Seiten“ zu stellen. Auch die Deutung des Ersten Weltkriegs folgt in manchen, auch anthroposophischen Kreisen bis heute dieser Lesart, wonach Deutschland durch „englischsprachige Zirkel“ seinem wahren Wesen entfremdet und zu Großmachtgebaren verführt wurde.

Solche schlafwandlerischen Ausfälle gehören zum Schmerzlichen dieser Tage: dass man dort, wo man wenigstens einen freien Blick auf die Dinge haben könnte, zum Opfer der eigenen Gescheitheit wird und beginnt, offensichtliche Gewalt schönzureden. „Wenn wir uns für Europa einsetzen, geht es dabei auch um unsere Souveränität. Um die Menschenrechte und um die Freiheit. Das sind nicht nur schöne Worte, das ist die nackte Wahrheit“, sagte kürzlich der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch auf einer Veranstaltung der Böll-Stiftung in Berlin. Wird hierzulande im entscheidenden Moment die Idee von Freiheit und die Solidarität mit denen, die dafür kämpfen, aufgegeben – mit den besten alternativen, friedensbewegten oder auch spirituellen Absichten?

( Text aus der April-Ausgabe von Info3)