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Es sei hier gleich entwarnt: Man erkennt die Geschichte und Figuren wieder und selbst das Lummerland-Thema kommt vor. Doch das Kesse, bei dem wir die Puppen schon vor dem geistigen Auge tanzen sehen, verpufft im perfekt arrangierten und von großem Orchester eingespielten Track. Das steht symptomatisch für die ganze Verfilmung durch den Regisseur Dennis Gansel. Die pekuniär üppig ausgestattete deutsche Produktion (25 Millionen Euro ) trumpft mit Scheinrealismus und Bombastik gegen zwei im kollektiven Unbewussten anwesende Vorlagen auf: Michael Endes alterslosen Kinderkosmos zwischen Papp-Buchdeckeln und dessen TV-Adaption der frühen Jahre durch die Augsburger Puppenkiste mit ihren lustig-zappelnden Marionetten und Meereswellen aus Zellophan.

„Lukas der Lokomotivführer war ein kleiner, etwas rundlicher Mann, der sich nicht im Geringsten darum kümmerte, ob jemand eine Lokomotive notwendig fand oder nicht“, lesen wir im Buch. Nur zwei Häuser gibt es auf Lummerland, ein Schloss mit König, zwei Untertanen und eben einen Lokomotivführer, der infolge seiner Tätigkeit kein Untertan sein kann.

Das Original: wie von Zhuangzi inspiriert

Einer der Untertanen, Herr Ärmel trägt einen steifen Hut, wohnt in einem gewöhnlichen Haus und hat keinen bestimmten Beruf. Er geht spazieren und ist einfach nur da. Der zweite Untertan, die runde, gemütliche Frau Waas, betreibt einen Laden für maximal drei Kunden. Für die es dort fast alles gibt: von Lebensmitteln über Eiscreme für Staatsanlässe bis hin zu Reiseandenken. Lummerland und seine Bewohner scheinen vom altchinesischen Spaziergangs-Philosophen und Dichter Zhuangzi inspiriert. Der hielt bloße materielle Nützlichkeit für schädlich und propagierte stattdessen radikale Einfachheit, die uns erst den wahren Reichtum brächte. (Mehr über Zhuangzi im Maiheft von Info3.)

Im Buch ist Herr Ärmel Individualist; auf Zelluloid, gespielt von Christoph-Maria Herbst, ein etwas langweiliger Dandy. Frau Waas, verkörpert von Annette Frier, ist einfach immer nur nett.

Gewagte Kamerafahrten und Kloppereien

Mal abgesehen davon, dass im Film keine der Figuren so gut gepolstert ist, wie von Michael Ende beschrieben, wohl weil es einem international-verkaufsfördernden Konzept, also der Nützlichkeit, widerspricht, meinen die Filmemacher, um genügend einzuspielen, nicht so slow sein zu dürfen, wie es dieser Kinderbuchklassiker und seine Inszenierung auf einer Puppenbühne nun einmal sind. Wir sehen somit das Übliche: gewagte Kamerafahrten und Kloppereien. Lukas, dargestellt von Henning Baum, ist anders als im Buch ein Haudrauf à la Bud Spencer, der, wenn er sich nicht prügelt, meistens freundlich lächelt. Doch bleiben wir gerecht: Alle Schauspieler sind wunderbar besetzt, man meint, ihnen den Spaß an der Sache anzusehen. Ganz vorn ist da Solomon Gordon als Jim Knopf zu nennen, der hier ein charmant-gekonntes Debut hinlegt; Uwe Ochsenknecht als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte toppt durch witzige Wortdreher noch die Trotteligkeit der Buchvorlage: „Ich würde Sie gern einladen zu einem Schloss auf meinem Kuchen“ u.ä.

Globalisierte Welt der freundlichen Art

Der Held Jim Knopf ist ein schwarzer Junge. Der scheint wie für ein heutiges Filmscript entwickelt. Die Story spielte schon damals, noch nicht einmal 15 Jahre nach Krieg und Naziherrschaft, in einer globalisierten Welt der freundlichen Art, in der es zwar noch reinrassige Drachen gibt, die Halbdrachen das Existenzrecht nehmen wollen, dabei aber extrem auf der Verliererseite stehen. Auch Wortspiele, dass Lokomotiven keinen großen Verstand besäßen und daher einen (Lok-)Führer bräuchten, konnte Ende sich nicht verkneifen. Das kommt im Film natürlich nicht mehr vor.

Jims Heldenreise, bei der es darum geht, sein Herkommen, die Heimat in der Welt zu finden, schafft der Film bunt zu bebildern. Überzeugende Lösungen erleben wir im wuseligen Land Mandala mit seinen Hofschranzen und Kindeskindern und dem todtraurigen Kaiser Pung Ging, dessen Tochter, die Prinzessin Li Si von der Wilden 13 entführt wurde – wie schon der Säugling Jim. Doch gegen einen erzählten Scheinriesen oder die schreckliche Schule der Frau Mahlzahn im Buch kommen schnelle Schnitte, eine überbordende Ausstattung und Computereffekte nicht an.

Wieder auf das Buch besinnen

Von der sterbenden Drachenfrau, die sich über den Tod hinaus verwandeln will, erhalten Lukas und Jim den Hinweis auf die schwimmende Insel, die Neu-Lummerland wird. Womit alle Überbevölkerungsprobleme des wohnzimmergroßen Landes mit den zwei Bergen gelöst sind und die Heldenreise erfolgreich war. Womöglich finden wir damit auch zur tieferen Bedeutung der scheinriesenhaften Filmproduktion: Dass wir uns wieder auf das Buch besinnen, um es den nachgewachsenen Kinder ans Herz zu legen. Dafür sollten wir aber zur Ausgabe mit den Zeichnungen von F. J. Tripp greifen, keinesfalls zum vom Thienemann Verlag veröffentlichten „Original mit exklusiven Filmbildern“, das lieblos zusammen geschustert die ganze Phantasielosigkeit einer rein auf Kommerz orientierten Kalkulation offenbart. Dass aber der Erfolg nicht zu erzwingen ist, zeigte der Zoo Palast am Sonntag nach dem Filmstart; das größte Kino Berlins war nicht gerade überbevölkert.