„Der Mann sieht im Weibe, das Weib im Manne fast immer zuviel von dem allgemeinen Charakter des anderen Geschlechtes und zu wenig von dem Individuellen“ – mit diesen Worten wies Rudolf Steiner schon Ende des 19. Jahrhunderts auf ein tief eingewurzeltes Phänomen hin: Es ist die Konditionierung des Blicks, mit dem wir wahrzunehmen meinen, was typisch männlich und was typisch weiblich ist, und der fatale gesellschaftliche Ungleichheiten nach sich zieht. Denn, so Steiner damals, „die soziale Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie in vielen Punkten, wo sie es sein sollte, nicht bedingt ist durch die individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen Frauen, sondern durch die allgemeinen Vorstellungen, die man sich von der natürlichen Aufgabe und den Bedürfnissen der Frau macht.“

Von Steiners Freiheitsphilosophie ebenso wie von jeder modernen kritischen Erkenntnistheorie und Gesellschaftslehre sind diese Konditionierungen in den zurückliegenden hundert Jahren gründlich dekonstruiert worden. Viel ist nicht übrig geblieben, von dem man heute noch sicher sagen könnte, diese oder jene Eigenschaft sei genuin einem der beiden Geschlechter zuzuschreiben. Es bleiben vielleicht einige Differenzen in der Primärausstattung und bei den Hormonen, in Körpergröße und -kraft, aber auch hier fällt es immer schwerer, daraus eindeutige Qualitäten abzuleiten. Versuche, wie noch zu Zeiten des Aristoteles aus den sexuellen Grundgesten des empfangenden Gebärens einerseits und des zeugenden Penetrierens andererseits verschiedene seelische Qualitäten ableiten zu wollen, wirken heute befremdend biologistisch. Im Zeitalter von Geschlechtsumwandlungen, Transsexualität und zunehmend freiem Spiel mit Gender-Performances ist so manches in Wanken geraten, was jahrhundertelang fraglos schien.

Kluft zwischen Bewusstsein und Realität

Seit Steiner sich Ende des 19. Jahrhunderts in Wien, angeregt von der mit ihm befreundeten Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, über Fragen der Freiheit jenseits der Geschlechter-Fesseln austauschte, hat sich – vornehmlich in der westlichen Welt – viel verändert in Sachen Gleichberechtigung. Die gesellschaftliche Realität bleibt aber auch nach einem ganzen Jahrhundert von Emanzipation, Feminismus und Gleichstellung noch weit hinter einem im Prinzip längst erwachten Freiheitsbewusstsein zurück: Wie sieht es in den Vorstandsetagen der Wirtschaft aus; welche archaischen Muster von Weiblichkeit und Männlichkeit beherrschen weiterhin Werbung und Unterhaltungsindustrie; warum sind Diskussionen um Frauenquoten nach wie vor nötig; welche Sprache sprechen allwöchentliche Rituale vor Fußballstadien und alltägliche vor den Kosmetikspiegeln; warum finden selbst bei spirituell suchenden Menschen stereotype Ratgeberweisheiten so großen Anklang, wonach Männer vom Mars und Frauen von der Venus kommen?

Auch wo Befreiung und Bewusstheit eigentlich großgeschrieben werden, setzt sich das Verlangen nach klaren Rollenzuschreibungen fort: Da sind dann die Frauen diejenigen, die aufgrund ihrer besonderen Herzensqualitäten die Welt zu retten berufen sind, während Männer eher das große Eine im Blick behalten können. Im Ökofeminismus gelten Frauen oft von Natur aus als fürsorglich und schenkend, während Männer in ihrer Zielversessenheit für alles Schlechte verantwortlich sind. Warum nur sollte solchen und anderen Geschlechter-Qualitäten ein Status unabänderlicher Wahrheiten zukommen, den wir heute bei Religionen oder überkommenen sozialen Machtverhältnissen zu Recht hinterfragen?

Tief verankerte Muster

Wir alle schwimmen in einem Strom, der seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden bestimmte geschlechtliche Rollenvorgaben wie in einer DNA immer neu wiederholt. Die meisten davon wurden ihr unter Umständen eingeschrieben, als physisches Überleben noch eine unvergleichlich größere Rolle spielte als heute. Es müssen gar nicht die Eltern oder Lehrer sein, die solche längst zum bedeutungslosen Klischee gewordenen Muster weitergeben, denn sie sind fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, unserer Institutionen und nicht zuletzt unserer Sprache geworden. Sie begegnen uns in der Werbung, im Personalausweis und bei jeder Ticketreservierung, die uns auf eine eindeutige Geschlechtszuschreibung festlegen will – männlich oder weiblich? – und damit die Grundmatrix der Geschlechterteilung fortschreibt.

Schon im Kindergarten sind es keineswegs nur die Eltern, sondern ist es bereits die „peergroup“, sind es die Kleinen untereinander, die sich gegenseitig in jene Muster zwängen, die sie in ihrer Umgebung als die richtigen, erwünschten oder (scheinbar) selbstverständlichen wahrnehmen: Spielzeuge, Kleidung, Gewohnheiten … Jungen sind besser in Mathematik und Mädchen können schlechter Fußballspielen. Wie erschreckend tief diese Raster – und mit ihnen all ihre Folgen in Sachen Geschlechterhierarchie und Chancenungleichheit – sitzen, zeigt die Psychologin Cordelia Fine in ihrem Buch Die Geschlechterlüge. Die in Australien lebende Autorin legt darin jede Menge empirischer Studien vor, welche die Macht verfestigter Stereotopyen belegen. Ein Beispiel unter vielen: In einer Versuchsreihe mit amerikanischen Studentinnen und Studenten wurden die Probandinnen nach ihrer Selbsteinschätzung bezüglich ihrer sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten gefragt – wobei das Stereotyp Erstere ja eher der weiblichen, Letztere eher der männlichen Seite zuschlägt. Bei dem Versuch wurde eine Gruppe gebeten, gleich zu Anfang zusätzlich noch ihr Geschlecht anzugeben. Das verblüffende Ergebnis: Bei den befragten Frauen reichte es, dass sie zuvor in Form eines simplen Kreuzchens an ihre Geschlechtszugehörigkeit erinnert wurden, damit –  im Unterschied zur Vergleichsgruppe – ihre Selbsteinschätzung in Bezug auf mathematische Kompetenzen signifikant absank … Die immer noch frappierende Unterbesetzung von Frauen in technischen und wissenschaftlichen Berufen ist also nicht etwa mangelnder Begabung geschuldet, sondern den über Generationen in den Köpfen verfestigten Negativ-Stereotopyen, die auch von Frauen selbst immer wieder neu verinnerlicht werden.

Neuro-Sexismus und freier Geist

Cordelia Fine zeigt in ihrem Buch, dass in unserer wissenschaftsgläubigen Zeit dem weiteren Abbau von Geschlechterklischees große Gefahr von den Neurowissenschaften droht, sofern sie einen geschlossenen Determinismus verbreiten. Denn was nützt das Bemühen um Freiheit, wenn schon alles in unserem Hirn festgelegt wäre – ja, wenn es insbesondere typisch männlich bzw. weiblich vorgeprägte Gehirne gäbe, die dann quasi von Natur aus einen männlichen oder weiblichen Geist produzierten?

Fine begegnet solchen Vorstellungen ähnlich wie der in unseren Breiten populär gewordene Neurowissenschaftler Gerald Hüther, der dem neurologischen Determinismus das Prinzip der Plastizität des Gehirns entgegensetzt: Eigenschaften und Fähigkeiten werden demnach nicht kausal durch ein immer schon strukturell fixiertes Gehirn erzeugt, vielmehr wird das Gehirn durch den praktisch-emotional und mental aktiven Menschen auf bestimmte Weisen geformt. Bezogen auf das Geschlechterthema heißt das: Ein bestimmter Geist wird nicht dadurch männlich oder weiblich, dass er aus einem männlich oder weiblich geprägten Gehirn stammt – vielmehr entstehen erst durch die Internalisierung sozialer Geschlechterstereotopien, damit verbundener Anerkennungen, Ängste oder Erfolge bestimmte neuronale Muster, die dann wieder entsprechend zum Ausdruck gebracht werden. Cordelia Fine spart hier nicht mit Spott gegenüber neueren Versuchen der Neurologie, die Prägung typisch männlicher bzw. weiblicher Gehirne bereits in der Embryonalentwicklung zu verorten: „In Wahrheit ist diese Darstellung nur eine Neuauflage des Werbetextes für das alte Stereotyp von Frauen als gehorsamen, gefühlsbetonten, hypersensiblen Plaudertaschen“, so Fine. Hier droht sich nach Ansicht der Wissenschaftlerin ein regelrechter „Neuro-Sexismus“ ins wissenschaftliche und populäre Denken einzunisten.

Befreiung

Der größte Einfluss auf Gender-Identitäten – und das Buch von Fine ist voller witziger und kluger Beispiele dafür – liegt also in der Macht der Gedanken. Ganz überwiegend steuern sie uns in Form unbewusst übernommener Vorstellungen, die aber jederzeit bewusst gemacht werden können. Genau hier liegt das Spannende aller philosophischer und wissenschaftlicher Ansätze, wonach die Wirklichkeit durch unseren Geist erschaffen wird – denn es liegt somit an uns, wie sie künftig aussehen wird.

Ebenso wie sich auf der einen Seite ahnen lässt, wie weit und wie tief unsere Konditionierungen in der Zuschreibung von Verhalten, bestimmten Berufen und Lebensbahnen reichen, wie fürchterlich fest diese Unfreiheit entwicklungsgeschichtlich sitzt und wie in hohem Maß willkürlich und unbewusst sie weiter und weiter verläuft – in gleichem Maße wird auch der atemberaubende Grad an Freiheit sichtbar, wenn wir uns von diesen Zuschreibungen befreiten. Freiheit in gesellschaftlicher Dimension und in den persönlichen Beziehungen. Befreiung von Konditionierungen und Rollenvorgaben würde Liebe ermöglichen – die stärkste transformative Kraft, im Blick auf die gesellschaftliche Ungleichheit der Geschlechter ebenso wie auf persönlichen Frieden. Welche Rolle, welche Eigenschaft, welches Verhalten will ich selbst als Mann oder Frau leben? Welche Form von Beziehungen werden möglich jenseits kultureller Festlegungen, wie sich Frauen und Männer zu verhalten haben? Was wäre, wenn Liebe dann nicht mehr in vorgegebene Muster gezwängt werden müsste, in vorgegebene Erwartungen von Zweisamkeit und Ausschließlichkeit; wenn erst nach der Liebe gefragt würde und dann nach den Formen? Wenn am Ende alle beengenden Muster zurücktreten, alle Schalen des Ego brechen, der Drang nach Übereinstimmung mit gesellschaftlich akzeptierten Formen abfallen würden und nur die Eine Liebe bliebe. Liebe, die sich in vielen Farben ausleben dürfte – und nichts schließt mehr das andere aus?

Buchtipp:

Cordelia Fine: Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. Klett Cotta 2012, € 21,95