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Von Hans-Jürgen Bracker /

Im Dezember 2013 fand im unvermutet winterlich verschneiten Beer Sheva an der Ben-Gurion University of the Negev unter der Überschrift „Theosophical Appropriations: Kabbalah, Western Esotericism and the Transformation of Traditions“eine bemerkenswerte internationale Tagung auf dem Felde der Esoterikforschung statt. Veranstalter waren das Goldstein-Goren International Center for Jewish Thought (Beer-Sheva) und die Israel Science Foundation in Zusammenarbeit mit dem Israeli Network for the Academic Study of Western Esotericism (INASWE), organisiert und eingeladen hatten die israelischen Geisteswissenschaftler Boaz Huss (Professor für Jewish Thought, Beer Sheva) und Julie Chajes (ebenfalls Beer Sheva); ihre Dissertation über den Reinkarnationsbegriff bei H.P. Blavatsky hatte der 2012 verstorbene Nicholas Goodrick-Clarke betreut. – Zu den rund 30 Teilnehmern aus Israel, Europa, USA, Sri Lanka und Japan zählten u.a. Massimo Introvigne (Turin), Helmut Zander (Fribourg) und der Kabbala-Forscher Moshe Idel (Jerusalem). Der Workshop fand statt auf Initiative von Boaz Huss im Rahmen eines vierjährigen von der Israel Science Foundation finanzierten Forschungsprojekts.

Hier können nicht alle interessanten Themen genannt werden, aber zumindest ein Ausschnitt des breiten Spektrums soll sichtbar werden; so wurden die vielfältigen Bezüge zwischen Kabbala und Theosophie besprochen, die Mitwirkung vieler jüdischer Theosophen (die sich selbst mit Recht so nannten) innerhalb dieser Geistesströmung wie auch die initiale Bedeutung der Theosophie für das Erwachen des Interesses an jüdischer Esoterik im aufgeklärten Judentum um 1900; Persönlichkeiten wie H.P. Blavatsky, A.A. Bailey, Gandhi und Krishnamurti wurden thematisiert, ebenso die Rolle der Theosophie bei der Herausbildung nationalen Selbstbewusstseins in Griechenland und Italien. Abraham Oron, der Vorsitzende der Israeli Theosophical Association, wies auf die aktuell lebendige Spiritualität theosophischen Strebens und Übens hin und verwahrte sich dagegen, Theosophie nurmehr als einen historischen Gegenstand zu betrachten. – Einige Beiträge befassten sich mit Anthroposophie bzw. Anthroposophen, so derjenige von Zander: „Transformations of Anthroposophy from the Death of Rudolf Steiner to the Present Day: Adaptations of a Philosophia Perennis“, der von Eugene Kuzmin (Yad Vashem) über „Maksimilian Voloshin and Kabbalah“ und der von Andreas Kilcher, ETH Zürich: „Kabbalah and Anthroposophy: A Spiritual Alliance According to Ernst Müller“. Bei einem Besuch des 1979 gegründeten Camphill-Dorfes Kfar Rafael konnten die Teilnehmer die Lebenswirklichkeit einer aus der Anthroposophie hervorgegangenen Einrichtung in Israel wahrnehmen.

Theosophia poster

In seinem Resumee am Ende des Workshops fasste Boaz Huss, dessen Forschungsschwerpunkt ursprünglich der Sohar war, besonders den bisher von akademischer Seite wenig beachteten „theosophischen Kulturimpuls“ ins Auge: den Kosmopolitismus, die internationale Vernetzung der Theosophie sowie die Multikulturalität und religiös-tolerante Liberalität, die konstitutiv für die Theosophie war seit den Anfängen der Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts; dazu betonte er die unterschätzte Bedeutung des kulturellen, aber auch politischen Einflusses theosophisch inspirierter oder zumindest berührter Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler für das Heraufkommen dessen, was man als aufgeklärte „Modernität“ im 20. Jahrhundert bezeichnen kann. – Boaz Huss’ Großmutter Raja Keren (1902-1982) war übrigens 1933 als Jüdin und Anthroposophin aus Deutschland nach Palästina emigriert und spielte eine wesentliche Rolle in den „Gründerjahren“ der Anthroposophie in Israel.

Einen Monat vor dem hier besprochenen Workshop hatte in Frankfurt am Main ein Kongress mit verwandter Themenstellung stattgefunden: „The Roads Not Taken: Scholarly Adaptations and Appropriations of Kabbalah in the 19th and Early 20th Century“, veranstaltet vom Martin-Buber-Lehrstuhl der Frankfurter Goethe-Universität in Zusammenarbeit mit dem Goldstein-Goren Center, Beer Sheva. (Programmübersicht: http://www.ev.theologie.uni-mainz.de/Dateien/Final_Program_Kabbalah_Conference.pdf)

Auf der homepage des Workshops sind seit kurzem die Videos aller Beiträge (incl. der bisweilen noch spannenderen Frage und Antwortrunden) abrufbar, so dass Interessierte die gesamte Veranstaltung nachvollziehen können. Die Beiträge sollen auch in Buchform erscheinen.