Intimität

Intimität – ein verknoteter Begriff, der einst eine besonders innige Verbundenheit und seelische Nähe meinte, heute jedoch fast immer auf körperliche Beziehung abhebt und in unserem Alltagsbewusstsein – äußerlicher geht es kaum – allenfalls als Intimzone oder Intimbereich auftaucht.

Gibt es aber nicht auch jenen geistigen Kern der Intimität, der im friedvollen Erleben des eigenen Seins schlummern kann? Etwa in jenem zuweilen am Morgen auftretenden beseelten Zustand zwischen Schlafen und Wachen, in dem alles in der Schwebe ist, das Bewusstsein dämmert – alles sein darf, aber nichts muss. Wenn es möglich ist, noch eine Weile am Herzen der Schöpfung zu ruhen, weit entfernt vom Geräusch der Welt, an den Rändern des Schweigens, noch im großen Raum der Nacht, aber schon anbrandend im Licht der Frühe. Anbeginn sein, Schwelle sein – ein Moment der Unendlichkeit, zugleich aber auch ein Moment der Intimität: näher bei sich zu sein geht kaum.

 

Innesein. Andacht und Anbetung wurzeln in dieser Stimmung in und mit sich und der Welt – wir würden sie gerne mitnehmen in den Lauf der Dinge, ihr eine Schneise schlagen im Dickicht des Alltags. Oh Liebe, Holde, Liebster (!) – den Tag durchkreuzen. Zuneigung. Zueignung. Anbetung. Ist das eine Lust? Oder eine Sehnsucht –  ? Ausreichend genährt, entfacht das Schlummern im Seelen-Welten-Raum die Lust, es mit der Welt aufzunehmen. Mit der Welt! Anfangen. Heraustreten. Ausprobieren. Es wissen wollen. Die Lust des Beginnens: Einmal und noch einmal – mal erfolgreich, mal weniger erfolgreich – wie ein Kind, das die Brust sucht, das hungrig ist, aber nicht immer den stillenden Kontakt findet. Zuweilen ist die Gier zu groß, oder die Müdigkeit, mal schmerzt es hier oder da, dann reicht das Nährende nicht, es kommt etwas dazwischen, wo nichts dazwischen sein sollte. So ist es. Eine Lust. Tausend Unwägbarkeiten säumen den Weg zueinander. Der Wunsch ist groß, die Wirklichkeit komplex. Wie finden wir zueinander?

 

Bereitschaft. Es miteinander aufnehmen, immer wieder neu. Ansehen, wahrnehmen, mit Leib und Seele. Einverstanden sein, ein ums andere Mal neu anzufangen. Bereitschaft finden – in sich und im anderen. Aufnehmen, halten, auch aushalten – zumuten, annähern, kennenlernen und fremd sein lassen. Einstimmung. Schwingung miteinander. Den Humor im Gepäck. Die Einsicht im Leib. Den Wunsch in der Seele. Dann plötzlich: Du und ich im Durchgang durch die Welt. Zwei. Beide. Die Liebe, ein Band, das hält und Spielraum lässt. Kontakt, Berührung – miteinander, mit sich, mit der Welt. Ein Tanz aus allen Zeiten. Wie es war, wie es wurde, wie es nie sein konnte, wie es so sehr gewünscht wird. Das Blühen der Welt im Lichte ungeahnter Möglichkeiten. Nie waren wir so berührt.

 

Berührung. Die körperliche Berührung führt in das Eingefleischte, das Gedächtnis des Leibes. Die tiefste Ebene der Begegnung. Wir erzählen einander unsere Geschichte. Wann und wie uns was berührte, welche Spuren wir finden in jenem Dunkel, aus dem heraus all das aufsteigt, was wir nie gewusst oder längst vergessen haben. Das Leben auffächern. Tasten und fragen. Suchen. Aufgefunden werden. Einen Hafen bereiten für all die Boote, die Ufer suchen. Berührung braucht seelisches Innesein. Haut ist Kontaktorgan. Berührung der Götterbote. Die leibliche Berührung, die leibhaftige Berührung: Es ist unsere seelische Gestimmtheit, die das Erleben der äußeren Berührung färbt. Innesein: Das uns Zugeeignete uns zu eigen machen im Raum der Intimität. Berührung ist Gespräch. Ich meine dich, heißt es, ich bin gemeint. Sprache, die im Dunkel des Leibes nistet. Wo du und ich, nur du und ich, zwei Menschen in der Nacht, sich finden, verbinden und lösen.

 

Ein Text aus der April-Ausgabe der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog.

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