Ahrenshoop Steilküste

Alte Verknotungen auflösen und innere Stimmigkeit ermöglichen – die Autorin bietet auch Kurse an, z.B. Im Februar in der Alten Weberei in Ahrenshoop (siehe unten).

Von Regina Weiser

Zu Thema „Müll sortieren“ fällt mir der Spruch ein, den ich bei meiner Mutter das erste Mal hörte: „Dreck ist Materie am falschen Ort.“ Ich prüfte ein Weilchen, aber konnte dann zustimmen: Für Sand ist die Wüste oder ein Meeresstrand der richtige Ort, für vergammeltes Gemüse der Komposthaufen usw. Ob der Gedanke, was fehlt und eingekauft werden muss, Müll ist oder nicht, entscheidet der Zeitpunkt: Vor dem Aufbruch zum Laden ist er wichtig, aber er ist fehl am Platz während einer Meditation oder bei einer zärtlichen Umarmung mit meinem oder meiner Liebsten. Der Vorgang der Mülltrennung setzt einen bewussten Akt voraus: Ich nehme das leere Glas, das verbrauchte Papier oder den vergammelten Käse in die Hand und ein kritischer Blick entscheidet, wohin damit. Es macht das Leben leichter, diese Entscheidungsfähigkeit auch auf geistigem Feld zu üben. Ob ein Gedanke an den Urlaub während der Arbeit mich erleichtert aufatmen lässt und eine positive Gestimmtheit auslöst oder innere Konflikte entstehen lässt, die die momentane Situation belasten und dazu führen, dass ich meinen Job hasse, entscheidet die Dauer.

„Müll vermeiden“ lässt sich – materiell gesehen – am einfachsten bei der Anschaffung, beim Einkauf: Was brauche ich wirklich, was nährt mich und meine tiefen Bedürfnisse? Psychologische Untersuchungen haben zu der Beobachtung geführt, dass ein neuer Gegenstand – ob geschenkt oder selbst gekauft – meist nur für eine relativ kurze Zeitspanne eine lustvolle Befriedigung verschafft, deren Wirkung sich schnell abnutzt. Wann ein nützlicher Gegenstand sich langsam in Müll verwandelt, wird subjektiv – je nach Veranlagung – sehr verschieden beurteilt. Irgendwann wird ein liebes Kleidungsstück oder ein gern gelesenes Buch zu einem Ding, das unnötig Platz wegnimmt. Übertragen auf die geistige Ebene bedeutet das: Welche Glaubenssätze waren in einer bestimmten Lebensphase für mich richtig und sind jetzt bloß „Ladenhüter“? Der Satz „Ohne meine Mama bin ich hilflos“ ist für einen Zwei- bis Dreijährigen richtig, aber nicht mehr für einen Zwanzigjährigen. Der Satz „Ohne mich läuft hier in der Firma gar nichts“ mag für eine 40- bis 50- Jährige zutreffen, bei einer 70- bis 80-Jährigen kann er eher peinlich wirken. Hier ist eine gelegentliche Bestandsaufnahme wichtig.

Zur Müllvermeidung im Bewusstseinsraum gehört vor allem die Frage: Was lasse ich über meine Sinneskanäle in mein Inneres fließen? Welche Bücher, Fernsehsendungen oder Gedanken meiner Nachbarin sind es wert, mich weiter damit zu beschäftigen? Wie viel Raum dürfen sie in meiner Seele einnehmen? Hier gilt: Weniger ist oftmals mehr. Ich kann meinen Innenraum sauberer halten, wenn ich den Input kontrolliere und bewusst entscheide, welche Gedanken und Anregungen ich auf-„greife“. Es gibt geradezu giftige Gedanken, die eine schädliche Wirkung entfalten können. Je häufiger ich bestimmte Einstellungen und Bilder aus Zeitschriften, Sendungen oder Facebook-Einträgen konsumiere, desto mehr Wirkung entfalten sie. Wir wissen aus der Hirnforschung, dass die Häufigkeit, mit der bestimmte Gedanken „gepflegt“ und mit anderen Einstellungen verknüpft werden, dafür verantwortlich ist, ob sich eine „Gedanken-Schnellstraße“ oder gar „–Autobahn“ entwickelt oder nicht. Die Tatsache, dass ca. 80 Prozent der Mädchen und Frauen mit den Maßen ihrer Figur und dem eigenen Körper unzufrieden sind, hängt mit einem durch die Medien reproduzierten Frauenbild zusammen, das sich an männlichen erotischen Phantasien orientiert. Frauen, denen die Natur nicht schlanke, wohlgeformte Beine sowie üppige Brüste geschenkt hat, tun daher gut daran, sich Filme oder Zeitschriften, die dieses Bild von Attraktivität permanent vermitteln, nur in dosierter Form anzuschauen. Science-Fiction-Filme, die eine entmenschlichte Zukunft Orwell’scher Art prognostizieren, können zu einer sich selbst erfüllender Prophezeiung werden und den gesunden Widerstand gegen Prozesse unterminieren, die in diese Richtung weisen. Hier gilt es zu beobachten und zu sortieren: „Diese Sendung bzw. dieser Lesestoff hat diese spezifische Wirkung auf mein Innenleben. Wenn ich Seelenmüll vermeiden will, ist es besser, mir das nicht reinzuziehen oder runterzuladen.“ Im Tagesverlauf ist unsere Bewusstseinsfähigkeit unterschiedlich gestaltet. So können Informationen, die im dämmrigen Halbbewusstsein, frühmorgens oder spätabends, in meinen Innenraum sickern, eine tiefere Wirkung entfalten als während einer hellen Tagesaktivität.

„Müll verwandeln“ macht uns zu einem Teil die Natur vor: Sie verwandelt morsche Äste und Blätter in guten Waldboden. In einem Komposthaufen mit guter Durchmischung wird unterschiedlicher Mist in wertvollen Dünger verwandelt. Es lässt sich nicht alles kompostieren und die oben genannte Sortierung muss vorangegangen sein. Ein natürlicher, von alleine ablaufender Zersetzungsprozess ist auf eine gut komponierte Zusammensetzung und Reifungszeit für Kompostierungsprozesse angewiesen. Das mag zum Teil auch für geistigen Müll zutreffen: So könnte sich etwa ein rassistischer Gedanke, wenn er mit christlichem Gedankengut „durchmischt“ wird, langsam in eine tolerantere Einstellung abmildern.

Das reicht jedoch oft nicht aus. Manchmal setzen sich Gefühle, negative Sätze oder destruktive Gedanken fest, die – wenn sie nicht gründlich entsorgt werden – ein zerstörerisches Potential entfalten können. Bei unserer städtischen Müllabfuhr hat sich die transformierende Kraft des Feuers bewährt. Eine Energie aufheizende Kraft von außen wird notwendig. Was den seelischen Müll betrifft, nutzen Psychotherapeuten in reinigenden Gesprächen mit ihren Patienten die „heißen“ Gefühle von Zorn und Wut. Gefühle haben Power, und damit sie nicht zu einer destruktiven Kraft werden, ist klärender Abstand, also das Licht des Bewusstseins, notwendig. Die Energie, die die Hirnforschung dem präfrontalen Kortex und die Yoga-Philosophie dem „dritten Auge“ zuordnet, gibt als dirigierende Kraft die Richtung an. Dabei gilt es, die gesunde Mitte zu finden zwischen einer ahrimanischen Energie, die von der Schwerkraft der Erde angezogen wird, wo die Gesetze der Kausalität gelten: Weil A deshalb B – Es gibt keine Alternative. Auch das andere Extrem ist wenig hilfreich: Die verschwommen luziferisch verklärende Beschönigung, die alles nicht so schlimm findet und geneigt ist, losgelöst von der konkreten Situation im Hier und Jetzt auch über einen Misthaufen noch Schokoladensoße zu gießen. Eine integrierende Mitte zwischen den Extremen findet auch in schwierigen Situationen eine Lösung, die die konkreten Gegebenheiten einbezieht.

Für das oben genannte Beispiel der Frau, die mit ihrer Figur unzufrieden ist, heißt das: Die Wut darüber, dass viele Männer schlanke, vollbusige Frauen bevorzugen, braucht zuerst Ausdruck und Platz. Danach kann mit der Traurigkeit darüber, dass ein Teil der Männer sie nicht wahrnimmt, langsam die Akzeptanz der inneren und äußeren Gegebenheiten wachsen. Der Gedanke „Ich will nicht darunter leiden, dass die Welt für mich so ist wie sie ist“ lässt bereits eine Ahnung von eigenen Möglichkeiten des Umgangs damit zu und bekommt – durch seine Durchmischung mit Wut-Energie – die notwendige transformierende Kraft. Über die Akzeptanz der eigenen Gefühle kann sie lernen, insgesamt alle Aspekte ihres körperlichen und seelischen Seins zu bejahen.

Der Manager im Seniorenalter, der sich von seinem Job nicht trennen kann, braucht Raum für seinen Abschiedsschmerz und die Trauer darüber, dass eine erfüllte Zeit vorbei ist; vielleicht ist er auch wütend darüber, dass nicht nur Möglichkeiten, sondern auch vermeintliche Freunde sich von ihm verabschieden.

Immer darf das Licht des Bewusstseins in die noch unbeleuchteten Winkel und Ecken der Gedanken und Gefühle leuchten, um seelisch-geistigen Müll zu verwandeln: Ein Bewusstseinslicht, das dem Innenraum unserer Gedanken, Gefühle und Gewohnheiten die Möglichkeit zur Entscheidung schenkt.

Regina Weiser ist Psychotherapeutin und lebt in Freiburg.

Veranstaltungs-Tipp:

Zwei Seminare mit Regina Weiser in der Alten Weberei in Ahrenshoop

Yoga im therapeutischen Kontext: 21. bis 23. Febr. 2014
Wochenendseminar für Ärzte, Therapeuten und psychosoziale Berufsgruppen.
Achtsamkeitsübungen für Körper, Seele und Bewusstsein – heilsam für Arzt und Patient.

Einwöchige Chakren-Kur zur Pflege unserer 7 Energiequellen: 24. Febr. bis 2. März 2014
Die Chakren bilden eine Brücke zwischen unserem grobstofflichen Körper und seinen feinstofflichen Wirkzusammenhängen. Mit ausgewählten Körperhaltungen und psychologisch-spirituellen Übungen können wir diese unterschiedlichen Seins-und Bewusstseinsebenen spüren und pflegen.

Alle Infos hier.

Anmeldung für beide Seminare an kultur@alte-weberei-ahrenshoop.de