Bildquelle: www.gisellaklein.nl.

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Eine Gesellschaft, die ein Leben nach individuellen Vorstellungen und im friedlichen Miteinander ermöglicht, ist nicht selbstverständlich. In Europa konnte eine auf den Menschenrechten gegründete Ordnung erst nach langen Prozessen der Aufklärung, aber auch der gewaltsamen bzw. revolutionären Überwindung diktatorischer Gegensysteme entstehen. Unsere Freiheit ruht auf den Anstrengungen unzähliger Vorgänger auf wissenschaftlichem, wirtschaftlichem, politischem, kulturellem und spirituellem Gebiet.

Die für uns selbstverständliche freiheitlich-solidarische Ordnung erleben wir jedoch gerade heute, 75 Jahre nach Beginn des 2. Weltkrieges, mehrdimensional bedroht:

Zum einen wird sie von Außen durch totalitäre und autokratische Vorgänge in der Weltpolitik in Frage gestellt, denen die oben genannten Grundlagen für ein menschliches Zusammenleben nicht nur nichts gelten, sondern die sie als zu überwindende Schwäche ansehen.

Aber auch viele unserer Mitmenschen scheinen in Zeiten der Unübersichtlichkeit und Überkomplexheit den Blick für die eigene gesellschaftliche Lebensbasis verloren zu haben. Insbesondere die Konfrontation mit einem militant-fanatischen Islam und das Wiedererstarken nationalistischer Willkürherrschaft gegenwärtig vor allem in Russland führt oft dazu, aus Furcht vor Polarisierung die reale Bedrohung der Freiheit durch eine Relativierung der Werte herunterzuspielen: Beispielsweise werden die zweifellos auch vorhandenen Menschenrechtsverletzungen durch die USA ins Spiel gebracht, um ein auf Repressionen beruhendes System wie in Russland zu relativieren. Auch wir hängen keiner Einteilung der Welt in das schlechthin Gute bzw. Böse an, aber wir halten es für unverzichtbar, auf die Basis für ein gelingendes Leben in Gemeinschaft, in Freiheit und Sicherheit zu verweisen und uns aktiv dafür einzusetzen. Wir misstrauen dagegen simplifizierenden Erklärungen, die alles Schlechte dieser Welt etwa auf die Herrschaft von Banken und Großkonzernen bzw. geheimen politischen Eliten abwälzen wollen. Wir vertrauen vielmehr der Verantwortungsfähigkeit des einzelnen Individuums, für die es bei uns unvergleichliche Freiräume gibt.

Wir sind zutiefst von den Werten überzeugt, die unsere sog. westliche Gesellschaft auszeichnen. Wir glauben aber auch, dass sie nicht umsonst zu haben sind, sondern gerade heute einer Wiederentdeckung und Vertiefung bedürfen: die Freiheit der Meinung, der Lebenswahl, der Partnerwahl, der Liebeswahl, der Berufswahl, der Möglichkeit der Wahl an sich, der Respekt im Umgang miteinander, die körperliche Unversehrtheit, Recht und Gerechtigkeit. Gleichheit, Verbundenheit, Geschwisterlichkeit, Verantwortung und Rücksicht – aber auch Leistungsbereitschaft, Wettkampf und Streben nach Glück.

Diese Werte gilt es wertzuschätzen, zu verteidigen und weiterzuentwickeln.

Denn gerade in der Auseinandersetzung mit dem militanten Islamismus erkennen wir auch deutlich die Folgen einer metaphysischen Selbstvergessenheit unserer Gesellschaft. In einer pervertierten Form leben extremistische Organisationen wie die IS ein Leben, das auf ein geistiges Ideal ausgerichtet ist. Und eine mächtige Strömung in Russland nährt sich aus einem Gefühl der spirituellen und ethnischen Überlegenheit gegenüber einer angeblich dekadent veräußerten Lebensweise im Westen.

Demgegenüber herrscht im Westen weitgehend ein spirituelles Vakuum.  Die Aufklärung, als deren Kinder wir uns verstehen, hat das menschliche Subjekt durch seine Totalisierung und die Fokussierung auf die reineRationalität in die Isolation und Trennung von seiner eigenen tieferen Wesenhaftigkeit gebracht. Wir erachten daher eine Aufklärung der Aufklärung als ein weiteres Ziel. Die Entwicklung einer aufgeklärten, anti-fundamentalistischen und über-religiösen Spiritualität ist aus unserer Sicht ein Beitrag für gesellschaftlichen Fortschritt und interkulturellen Frieden.

Werte sind für uns keine einfachen zwischenmenschlichen Konventionen, wir Menschen sind nicht bloß mit Vernunft, sondern auch mit Geist und Seele begabte Wesen. Unser Leben gründet in einer transzendenten Wahrheit, die uns Menschen und das uns umgebende Universum zur Gemeinschaft in Respekt, Achtung und Mitgefühl beruft.

Wir sind in Verbundenheit in dieses Leben geboren. Um es zur Entfaltung zu bringen, bedarf es der hohen Kunst der Freiheit in Selbstbestimmtheit, Respekt und Verantwortung.

Dieser Berufung wollen wir folgen, mit Mut, mit Hingabe und, wenn es sein muss, auch mit dem Willen zum Widerstand.

Berlin und Frankfurt am Main im September 2014

Dr. Jens Heisterkamp, Info3 Verlag / Sven Schlebes, Managing Partner Goldene Zeiten Berlin GmbH – Redakteur theo. Katholisches Magazin / Dr. Nadja Rosmann, Kulturanthropologin /  János Darvas, Publizist und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Kiel /  Marie Brück, Bankkauffrau / Dr. Tom Steininger, Magazin Evolve / Mirko Ritter zu Buxbaum, Unternehmer